Die spekulative Luft ist raus – zumindest fürs Erste. Der Erdölfasspreis bewegt sich nach seiner Spitze von fast 150 Dollar im Juli aktuell bei 80 bis 90 Dollar, auf etwa dem Vorjahresstand. Die saisonal und nachfragebedingt stark erhöhten Rheinfrachtkosten und der gegenüber dem Schweizer Franken wiedererstarkte Dollar – ein für viele überraschendes Phänomen – bremsen zwar den Abstieg bei den inländischen Konsumentenpreisen, Benzin, Dieselöl und Heizöl haben sich in den letzten Wochen aber klar verbilligt. Als Folge davon und wegen tiefer Lagerbestände in den Konsumententanks haben sich die Heizölverkäufe im selben Zeitraum deutlich belebt. Kommt hinzu, dass die Heizsaison früher als üblich gestartet ist.

Die Entwicklung der letzten Monate straft alle Kassandra-Rufer ab, die unter dem Eindruck der letzten Jahre für den Ölpreis unwiderruflich nur noch eine Richtung vorausgesagt hatten – nach oben. Man erinnert sich beispielsweise an die Prognose einer US-Investmentbank, die bis Ende 2008 einen Fasspreis von 200 Dollar vorausgesagt hatte, während andere sich auf Preise von bis zu 400 Dollar verstiegen hatten.

Nun, nachdem die Bären aus ihrem fast rund fünf Jahre dauernden Schlaf aufgewacht sind, bestätigt sich zum einen, was wir bereits alle schon wussten oder hätten wissen müssen, dass nämlich Börsen, Rohstoffe und schon gar nicht das Öl preisliche Einbahnstrassen sind. Bedeutender wiegt indes die zweite Feststellung: Der Beweis ist erbracht, dass die vergangene Preishausse durch die «Spekulanten» zwar verstärkt, aber nicht geschaffen wurde. «It’s the fundamental thing, stupid!», ist man versucht auszurufen: Die Erdölpreise sind nämlich gestiegen als Folge der höheren Erdöl- und Energienachfrage, die eine boomende Weltwirtschaft abbildete. Die konjunkturelle Zeitenwende, die sich immer klarer abzeichnet, und die in den OECD-Ländern bereits zu beobachtende «Nachfragezerstörung» – der Ölverbrauch in den USA liegt aktuell bei 800000 Fass pro Tag unter dem Vorjahresniveau – werden den Nachfrageboom stoppen. Wenn die Rezession auch China und Indien erfassen wird, woran in einer globalisierten Welt wohl kaum gezweifelt werden dürfte, ist sogar ein Rückgang des Welt-Erdölverbrauchs nicht ausgeschlossen.

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Wie reagieren Förderländer?

Aber auch diese Aussicht birgt neue Unwägbarkeiten. Wie werden vor allem die Ölförderländer auf eine Nachfragedrosselung reagieren? Einige von ihnen, in erster Linie Saudi-Arabien, beurteilten Ölpreise von klar über 100 Dollar pro Fass als nicht nachhaltig, während andere Opec-Staaten einer Politik der kurzfristigen Einkommensmaximierung das Wort redeten. Angebotsseitig dürften die Erdölproduzenten alles daransetzen, einen Fall des Ölpreises auf unter 60 bis 70 Dollar pro Fass zu verhindern. So viel brauchen die meisten, um ein einigermassen ausgeglichenes Staatsbudget zu finanzieren. Ob das den Opec-Staaten und vor allem Russland in einer gemeinsamen Anstrengung gelingen wird, bleibt abzuwarten. Der diesbezügliche Leistungsausweis der Opec in Zeiten von Preisbaissen war in der Vergangenheit mindestens nicht berauschend, man denke etwa an die Periode 1985 – 2000, wo die Kartelldisziplin mehr oder weniger inexistent war.

Energiehunger wird steigen

Tiefere Erdölpreise signalisieren aber auch «weniger Verknappung» und sind insoweit keine gute Voraussetzung für neue Investitionen, vor allem im Bereich der Erdölförderung. Sollten diese tatsächlich zurückgefahren werden, dann wäre die Freude an tieferen Ölpreisen wohl von kurzer bis höchstens mittelfristiger Dauer gewesen. Denn der Energiehunger der Welt wird, nach dem Ende der anstehenden Konsolidierungsphase, mit Sicherheit wieder grösser werden. Neue Förderkapazitäten bleiben deshalb zwingend. Die aktuelle Preisentspannung darf nicht zum Schluss führen, dass Investitionen in Öl- und Gasförderung auf die lange Bank geschoben werden.