Es läuft so gut für Viktor Orbán. Der ungarische Ministerpräsident hat im eigenen Land im Frühjahr zum dritten Mal in Folge souverän die Wahlen gewonnen. Galt er in Europa lange als populistischer Anti-Demokrat und Aussenseiter, werden seine Ideen in weiten Teilen des Kontinents inzwischen hoffähig.

In Bayern etwa ist er ein gern gesehener Gast, in Italien ist er von der neuen Regierung zum europäischen Vorbild in der Flüchtlingskrise erklärt worden. Und auch wirtschaftlich steht es um sein Land so gut wie lange nicht. Die Wirtschaft wächst mit rund vier Prozent, die Arbeitslosenquote ist mit 3,7 Prozent auf ein Rekordtief gefallen, und die staatliche Schuldenquote fällt langsam und stetig.

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Ungarns Währung auf Rekordtief

Doch an den Finanzmärkten bekommt Orbán gerade nicht die Anerkennung, die er sich angesichts solcher Zahlen wünschen würde. An den Börsen steht Ungarn kurz vor dem wichtigen EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs mächtig unter Druck. Der Forint markiert beinahe täglich neue Rekordtiefs zu Dollar und Euro.

Allein in diesem Quartal hat die ungarische Währung zum Dollar fast zehn Prozent abgewertet, zum Euro hat sie fast fünf Prozent an Wert eingebüsst. Am Mittwoch mussten 327 Forint für einen Euro bezahlt werden, so viel wie noch nie. Im Januar waren es erst 308 Forint. Auch an der Börse fällt Orbán in Ungnade.

In diesem Jahr hat der ungarische Aktienindex Bux auf Dollar-Basis gut 17 Prozent an Wert verloren. Ähnlich sieht es für andere osteuropäische Staaten aus. Obwohl die Wirtschaft auch in Polen oder Tschechien rund läuft, gehen die Investoren auf Distanz. Polnischer Zloty und tschechische Krone haben im zu Ende gehenden Quartal rund acht Prozent verloren, die Börsen befinden sich ebenfalls auf Talfahrt.

Angst vor politischer Krise

Osteuropa bekommt in diesen Tagen nicht nur die generelle Abneigung der Investoren gegenüber den Schwellenländern zu spüren. Als Emerging Markets werden Polen, Tschechien oder Ungarn von den Finanzmärkten trotz EU-Mitgliedschaft noch immer klassifiziert. Der starke Dollar, steigende US-Zinsen, ein anziehender Ölpreis, ein globaler Handelskrieg und eine Umkehr der Handelsströme führen zu Turbulenzen in den Entwicklungsländern.

Im Fall von Osteuropa kommt noch etwas anderes hinzu. Nämlich die Angst der Anleger vor einer politischen Krise auf dem Alten Kontinent. Sollte es zu einem Europa der zwei Geschwindigkeiten kommen, wie es den Franzosen vorschwebt, oder gar zu einer Ost-West-Spaltung des Kontinents, könnte das die Investmentstory der Länder auf einen Schlag verändern.

Noch gelten die Nationen wegen ihrer Mitgliedschaft in der EU und ihrer geografischen Nähe zum Westen als die «besseren», weil stabileren Emerging Markets. Dafür spricht in den Augen der Anleger auch der rasante wirtschaftliche Aufholprozess, den die Länder durchgemacht haben. Doch der Aufstieg der Populisten in Osteuropa und die damit einhergehenden sich verschlechternden institutionellen Rahmenbedingungen haben viele Anleger bereits verschreckt. Ein Zerwürfnis mit dem Westen dürften die Märkte hart bestrafen. Und so muss ganz besonders der ungarische Regierungschef Orbán den Fluch der Märkte fürchten, wenn er in Europa mit den anderen 27 Staats- und Regierungschefs verhandelt.
 

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Viktor Orbán: Der Premier hat zum dritten Mal die Wahlen gewonnen.

Quelle: Sean Gallup/Getty Images

Ein Berg von Schulden

Der Forint war schon immer den Launen der Märkte ausgesetzt. Im Jahr 2008 wertete die Währung innerhalb von fünf Monaten zunächst um ein Fünftel gegenüber dem Euro auf, nur um in den darauffolgenden sieben Monaten um mehr als 40 Prozent abzuwerten. In den Wirren der Finanzkrise mussten EU und der Internationale Währungsfonds IWF das Land mit einem 20-Milliarden-Euro-Kredit sogar vor dem Staatsbankrott retten.

Denn Ungarn gehört zu den Schwellenländern mit der höchsten Verschuldung. Staat, private Haushalte und Unternehmen haben gemessen an der Wirtschaftsleistung Schulden von rund 150 Prozent, ein grosser Teil der Verbindlichkeiten lautet auf Devisen wie Dollar, Euro oder Schweizer Franken.

Das Land ist damit auf das Wohlwollen ausländischer Kreditgeber angewiesen. Die meinten es in den vergangenen fünf Jahren auch ganz gut mit Ungarn. Umgerechnet knapp fünf Milliarden Dollar wurden an der Donau in Maschinen, Anlagen oder ganze Firmen investiert. Doch solche Direktinvestitionen könnten rasch ausbleiben, reagieren die langfristigen Investoren doch sehr sensibel auf politische Spannungen. Nicht selten führt die populistische Politik mit dem Hang zur Abschottung auch zur Ausgrenzung ausländischer Kapitalgeber.

George Soros als Feindbild

Dabei ist Ungarn allein viel zu klein, um sich von grösseren Kapitalflüssen abzukoppeln. Mit einer Wirtschaftsleistung von umgerechnet rund 120 Milliarden Euro gehört das Land zu den kleineren EU-Staaten. Der Wert aller ungarischen Börsenfirmen liegt gerade mal bei umgerechnet 22 Milliarden Euro. Das ist in etwa soviel wie der Marktwert der Immobilienfirma Vonovia. Kein Wunder, wenn schon kleinere Kapitalbewegungen ausreichen, um Turbulenzen in Ungarn auszulösen.

 

George Soros: Der ungarischstämmige schwerreiche US-Investor dient Viktor Orbán als Feindbild.

Premier Orbán beschuldigt gern grosse Spekulanten wie George Soros, gegen das Land zu wetten. Soros ist einer der Erzfeinde von Orbán.
Auch Tschechien macht mit seiner EU-Mitgliedschaft das Phänomen wett, dass Investoren wegen der Unwägbarkeiten ungern in kleinen Ländern investieren.

Die Börse in Tschechien ist mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet 27 Milliarden Euro nicht wesentlich grösser als jene Ungarns. Immerhin verhält sich die tschechische Krone stabiler als der Forint. Prag hatte über Jahre als Vorstufe für die Mitgliedschaft die Krone an den Euro gekoppelt. Doch im vergangenen Frühjahr machten die Tschechen diesen Schritt wieder rückgängig. Experten werten dies als deutliches Signal dafür, dass das Land kein Interesse mehr an einer schnellen Mitgliedschaft im Euro-Club hat. Seither bewegt sich die Krone wieder frei zum Euro. Hatte sie zunächst zur Gemeinschaftswährung kräftig aufgewertet, geht es nun wieder nach unten.

Börsen als Frühindikatoren

Polen wiederum ist gemessen an der Wirtschaftsleistung zwar vier Mal so gross wie Ungarn und drei Mal so gross wie Tschechien. Allerdings ist das Land mit einem Leistungsbilanzdefizit anfällig gegenüber den Launen der Investoren. Führt ein Land mehr Waren und Dienstleistungen ein als es exportiert, müssen ausländische Investoren die Kapitallücke stopfen.

Alle drei osteuropäischen Staaten hängen darüber hinaus am finanziellen Tropf von Brüssel. Ein Teil des Wirtschaftswachstums basiert auf den europäischen Transfers. Polen ist mit rund sieben Milliarden Euro der grösste Netto-Empfänger, Ungarn bekommt immerhin noch 3,6 Milliarden Euro und die Tschechen 3,2 Milliarden. Zwar werden diese Zuwendungen in den kommenden Jahren wohl deutlich sinken, doch die europäische Integration hat den Ost-Staaten eine produktivere Wirtschaft und Jobs gebracht.

Die Länder haben einen bemerkenswerten Aufholprozess hinter sich. Seit dem EU-Beitritt 2014 ist Polens Pro-Kopf-Einkommen von 50 auf 70 Prozent des EU-Durchschnitts gestiegen, in Ungarn kletterte der Wohlstandsindikator von 60 auf 68 Prozent des Unionsschnitts.

Lokale Themen wirken sich negativ aus

«Die Börsen sind generell als Frühindikatoren der Wirtschaft zu sehen – auch in Osteuropa», sagt András Szálkai, Fondsmanager bei Raiffeisen Capital Management. Nach dem guten Jahr 2017 würden jetzt nicht nur globale Faktoren wie negative Kapitalströme, der Handelskrieg und die Stärke des Dollar gegenüber dem Euro diese Märkte nach unten ziehen. «Es gibt aber spezielle lokale Themen, die sich auch negativ auswirken», warnt Szálkai. In Polen werde der wachsende Einfluss der Politik auf die staatlich kontrollierten börsennotierten Unternehmen, wie zum Beispiel die Raffineriefirma PKN, negativ gesehen.

Er ist aber optimistisch, dass die osteuropäischen Staaten kein generelles Zerwürfnis mit der EU riskieren. «Insgesamt leiden die Emerging Markets momentan unter den steigenden US-Zinsen und dem sich immer mehr verschärfenden Handelskrieg. Bei beiden Themen sollten die zentraleuropäischen Märkte deutlich weniger betroffen sein als andere», sagt Szálkai. «Zusammen mit dem guten Wirtschaftswachstum von rund vier Prozent könnte das für eine Outperformance der Region gegenüber den globalen Börsen sorgen.»

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Warum Orbán jetzt ins Visier der Finanzmärkte gerät».