Die Finanzmärkte kommen wieder in Gang. Die Wirtschaft erholt sich. Die Arbeitslosenzahlen in den USA zeigen Zeichen der Besserung. Doch während die schlimmste Krise seit der Grossen Depression anscheinend vorübergeht, könnten wir gleich die Voraussetzungen für die nächste schaffen.

Die politischen Entscheidungsträger machen nur geringe Fortschritte bei der Lösung der komplexen Probleme, die durch die Krise erst bekannt wurden: Ein schwerfälliges Bankensystem, eine unzuverlässige Finanzarchitektur und eine globale Wirtschaftsordnung, die auf dem fortgesetzten Schuldenmachen der USA beruht. «Wir verschwenden die Krise», sagt der Wirtschaftswissenschaf-tler Richard Portes von der London Business School.

Grossbanken als Klumpenrisiko

Banken haben sich so gut erholt, dass sie noch grösser und undurchsichtiger geworden sind als vor der Krise. 70% der weltweiten Vermögenswerte von Banken halten die zehn grössten Institute der Welt - vor drei Jahren waren es nur 59%. Je grösser und systemrelevanter Banken werden, desto schwieriger wird es für Regierungen, sie in Krisen ihrem Schicksal zu überlassen. Das wissen auch die Grossbanken, was ihre Risikobereitschaft verstärkt. Ökonomen sorgen sich, dass Regierungen bei teurer werdenden Bankenrettungspaketen gar nicht mehr genügend Geld aufnehmen können.

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Eine Möglichkeit, den Teufelskreis von Systemrelevanz und staatlich abgesicherter Risikofreude zu durchbrechen, ist eine Gesetzesänderung, die es Regierungen einfacher macht, Grossbanken scheitern zu lassen. So könnten Banken aufgefordert werden zu bestimmen, wie im Fall einer Pleite mit ihrem Vermögen verfahren werden soll.

Um zu vermeiden, dass Banken erneut mit Steuergeldern gestützt werden müssen, könnten in zukünftigen Krisen Bankanleihen in Aktien umgewandelt werden. Gläubiger wären anders als in der Finanzkrise gezwungen, die Konsequenzen eines Bankrotts ihrer Schuldner mitzutragen. Allerdings können diese Massnahmen erst Mitte Oktober 2010 angegangen werden, wenn das internationale Financial Stability Board sich mit diesen Fragen beschäftigt.

Märkte für Kreditderivate haben sich in der Subprime-Krise als Gefahr für das Finanzsystem erwiesen. Banken sind dort Haupthandelspartner für alle Beteiligten, sie stehen im Mittelpunkt dieses Markts. Kommt eine von ihnen ins Wanken, kann das zu einem Dominoeffekt führen. Da der Handel mit Kreditderivaten intransparent ist, sind Risiken schwer berechenbar.

Die meisten Wirtschaftswissenschafter und die US-Regierung wollen, dass Marktteilnehmer dazu gedrängt werden, ihre Geschäfte über eine risikominimierende zentrale Vermittlungsstelle abzuwickeln. Ein kleiner Schritt in diese Richtung ist schon getan. In den USA haben 15 Wall-Street-Banken versprochen, bis Ende des Jahres mehr als 90% ihres Kredit- und Zinsderivatehandels über ein sogenanntes Clearinghouse laufen zu lassen. Allerdings gibt es heute etwa zehn solcher Vermittlungsstellen. Der Markt für Kreditderivate bleibt also weiter intransparent und risikoreich.

USA: Ein grosser Risikofaktor

Das globale Gleichgewicht wird nach wie vor durch die amerikanische Schuldenlast gestört. Mit der Erholung in den USA entsteht bei den Wirtschaftswissenschaf-tern schon die nächste Sorge: Das enorme und beständige Missverhältnis zwischen dem, was die USA erwirtschaften, und dem, was sie ausgeben, zwingt Amerika, sich Geld aus dem Ausland zu leihen - hauptsächlich von China und anderen asiatischen Ländern, wo das Geld gespart wird, das mit dem Verkauf von Gütern an US-Konsumenten verdient wurde.

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Die Gefahr könnte sein, dass die enorme «Rücklagenschwemme» dort eine neue Blase entstehen lässt. Die meisten internationalen Bemühungen haben sich darauf fokussiert, dass China die Aufwertung seiner Währung gegenüber dem Dollar erlaubt. Das würde zwar chinesische Exporte schwächen, langfristig gesehen aber wenig ändern. Vietnam, Kambodscha und andere Exporteure würden Chinas Platz einnehmen.

Eine langfristige Lösung des Problems wäre, die US-Regierung und die amerikanischen Konsumenten dazu zu bewegen, mehr zu sparen - und asiatische Verbraucher dazu, mehr auszugeben. Das könnte durch höhere Steuern auf Konsumgüter wie Benzin ebenso erreicht werden wie durch die Abschaffung von Steueranreizen für Kredite. In China würde ein Ausbau der sozialen Sicherung die Menschen vom Sparzwang befreien und ihnen mehr Konsum ermöglichen. Auf diesen Gebieten gab es zwar bisher viele Gespräche, passiert ist dagegen aber wenig.

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