Genau vor drei Wochen stürzte der Dow Jones in kürzester Zeit um unerklärliche schwindelerregende 1000 Punkte ab - nur um sich kurz darauf ebenso schnell wieder zu erholen. Händler und Analysten stellen sich nun die Frage, ob der freie Fall des Markts durch eine Kettenreaktion von computergesteuerten Handelssystemen in Gang gesetzt wurde. Am Anfang stand wohl eine grosse Verkaufsorder für Aktien des US-Konsumgüterherstellers Procter & Gamble um 14.40 Uhr. Minuten später crashte der Markt.

Griechenland sorgt für Unruhe

Ein Blick in Handelsprotokolle und Interviews mit Händlern zeigt, wie ein grosser Verkaufsauftrag aus den Fugen geraten kann, der eigentlich zur Handelsroutine gehört. Für den grössten Teil des Tages belasteten die Schuldenkrise in Europa und die Unruhen in Griechenland die Märkte. Kurz nach 14 Uhr beobachteten Händler auf dem New Yorker Parkett wilde Bewegungen an den Devisenmärkten. Der Goldpreis stieg, die Aktien fielen weiter.

Um 14.40 Uhr - der Dow Jones hatte bereits 500 Punkte verloren - stellte das grosse Hochgeschwindigkeitshandelsunternehmen Tradebot Systems den Handel ein, um seine Verluste zu begrenzen. Auch andere High-Speed-Trader zogen sich von den Märkten zurück. Normalerweise kaufen und verkaufen solche Unternehmen, wenn andere Investoren handeln müssen. Ihr Rückzug könnte den Absturz des Markts begünstigt haben.

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Ungefähr zur selben Zeit wurde der grosse Procter-&-Gamble-Verkauf an der New Yorker Börse (NYSE) durchgeführt. Es ist unklar, woher der Auftrag kam und wie gross er war. Klar ist aber, dass er die verfügbaren Kaufaufträge bei Weitem übertraf.

Weil dieser Auftrag inmitten des Ausverkaufs an den Börsen platziert wurde, schaltete sich ein System der NYSE ein, das den Handel verlangsamt, wenn eine grosse Veränderung im Aktienpreis oder Handelsvolumen erkennbar ist. Das System soll Parketthändlern an der Börse helfen, Aufträge an den Markt zu bringen. Die Händler können dann einschreiten und Aktien kaufen oder verkaufen, wenn keine anderen Investoren mehr Handel treiben wollen. Dieses System stoppte für einige Aktien den elektronischen Handel an der NYSE.

Das Ungewöhnliche begann um 14.45 Uhr und 52 Sekunden und dauerte fast zwei Minuten - im Normalfall eine Ewigkeit an den Märkten, wo Millionen Aktien pro Sekunde gehandelt werden. Für etwa 80 Sekunden wurde nicht eine einzige P-&-G-Aktie am New Yorker Parkett gehandelt. Die Welle der Verkaufsaufträge baute sich weiter auf; konnten sie nicht ausgeführt werden, schwappten sie an andere Handelsorte über.

Dies führte zu einer Überlast an Verkaufsordern und zu zeitweise unterschiedlichen Aktienpreisen an der NYSE und anderen Börsen. Für viele Aktien fanden sich keine Käufer. Das liess die Preise so lange fallen, bis es zum Handel kam. Manchmal lag der Preis dann nur noch bei 1 Cent. In dieser Zeit hatte P&G 35% verloren, kam dann aber wieder zurück. Um 14:47:42 Uhr verzeichnete die NYSE einen ersten P-&-G-Handel bei 56.27 Dollar. Bevor der Handel ausgesetzt hatte, lag der Preis nur unwesentlich höher. Dazwischen fiel der Markt mit mehr als 100 Punkten pro Minute.

Schuld ist ein Handelssystem

Die Schuld für den freien Fall liegt nach Meinung einiger Händler bei einem Handelssystem, das für fast die Hälfte aller Verkäufe an den Börsen verantwortlich sein soll. Dabei werden Aufträge automatisch zu der Börse mit dem besten Preis gesandt. Das Angebot bleibt dort so lange bestehen, bis es zum Handel kommt - sogar wenn der Preis zwischenzeitlich auf null fällt. Daten zeigen, dass für viele Aktien, die am Donnerstag an Wert verloren haben, mit einem solchen System weitestgehend erfolglos Käufer gesucht wurden.

So auch für Aktien der Beraterfirma Accenture. Diese fielen von 41 Dollar um 14.30 Uhr auf 32.62 Dollar um 14:47:46 Uhr, als ein Handel an der NYSE Arca getätigt wurde. Sekunden später, um 14:47:50 Uhr, wurde ein Iso-Handel an der Nasdaq bei 5.54 Dollar platziert. Kurz darauf kam der nächste Handel an der Nasdaq, bei 3.04 Dollar. Um 14:47:53 Uhr waren die Aktien schliesslich nur noch 1 Penny wert.