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Börseninterview
«Die deutsche Wirtschaft schwächelt momentan»

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Deutsche Wirtschaft: Das Wachstum im ersten Quartal war überraschend tief.Quelle: Sean Gallup/Getty Images

Experte Renato Flückiger sagt, ob in Deutschland der Abschwung droht. Und er erklärt, warum China für Schweizer Anleger attraktiv wird.

Von Marc Bürgi
am 21.05.2018

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Renato Flückiger*: Aktuell herrscht bei den Anlegern eine gewisse Orientierungslosigkeit. Zwar sorgten die guten Unternehmensergebnisse des ersten Quartals für eine Entspannung an den Aktienmärkten. Doch die geopolitischen Sorgen bestehen weiterhin. Das zeigen die angestiegenen geopolitischen Prämien beim Erdöl. Das Risiko eines offenen Handelskriegs hat sich eher verringert, gelöst ist der Konflikt aber noch lange nicht. In Europa gibt es Anzeichen für eine Konjunkturdelle. Da diese primär durch den starken Euro verursacht wurde, rechne ich jedoch nicht mit einem nachhaltigen Abschwung. Weiter im Blickpunkt der Anleger sind die steigenden Renditen für US-Staatsanleihen, die die Konjunkturdynamik, aber auch Inflationsängste abbilden. Die Marktteilnehmer fragen sich im Moment: Was wird der Auslöser für die nächste Bewegung sein?

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Im ersten Quartal zeigte sich der Schweizer Aktienmarkt von der schwachen Seite. Nun sehe ich durchaus Anzeichen dafür, dass er sich weiter erholt. Der SMI peilt die Marke von 9100 Punkten an, wo ebenfalls die 200-Tageslinie verläuft. Bei dieser Grenze erwarte ich allerdings kurzfristig einigen Widerstand. Nach den Kursavancen der letzten Wochen dürfte es eine Konsolidierung geben. Zudem kommen bald die saisonbedingt eher schwachen Sommermonate.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Die positiven Unternehmensaussichten, die gestiegenen Unternehmensgewinne und die anhaltende Frankenschwäche dürften den Schweizer Unternehmen weiterhin Schwung verleihen. Deshalb traue ich dem SMI in zwölf Monaten einen Anstieg von bis zu sieben Prozent auf rund 9700 Punkte zu.
 

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*Renato Flückiger ist seit August 2012 CIO der Bank Valiant in Bern. Zuvor war der Betriebsökonom bei der Grossbank UBS in verschiedenen Funktionen tätig. Renato Flückiger hat an der Fachhochschule in Bern studiert und besitzt zudem das Diplom des Chartered Financial Analyst.
Quelle: zvg

Die Türkei, Argentinien und weitere grosse Schwellenländer stecken in einer wirtschaftlichen Krise. Könnten sich die Probleme dieser Länder auf das globale Wachstum auswirken?
Die Dollarstärke und die steigenden Zinsen in den USA bringen die Währungen in den Schwellenländern generell unter Druck. Die aktuellen Probleme der Türkei und Argentiniens sind aber grösstenteils hausgemacht: Wegen der anstehenden Wahlen betreibt Präsident Erdogan trotz steigender Inflation eine expansive Fiskalpolitik und schickt damit die Türkische Lira auf Talfahrt. Argentinien hat unter dem neuen Präsidenten Macri Reformen angestossen, leidet aber ebenfalls unter einer hohen Inflation. Einen Flächenbrand in den Schwellenländern erwarte ich allerdings nicht.

Der Börsenwert von Apple, Amazon und Microsoft nähert sich der Grenze von einer Billion Dollar. Rechnen Sie mit weiteren Kursgewinnen bei den grossen US-Techkonzernen?
Die meisten Marktteilnehmer haben schon länger das Gefühl, dass die Kurse der grossen Tech-Titel zu stark gestiegen sind. Doch die Tech-Aktien erreichten immer wieder neue Allzeithöchstkurse. Die Steuerreform gab diesen Aktien erneut Rückenwind und das anhaltend starke Gewinnwachstum rechtfertigt mehrheitlich auch die hohen Bewertungen der Aktien. Was zudem auffällt: Aktuell suchen viele Tech-Konzerne nach neuen Geschäftszweigen. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit von Apple und Goldman Sachs, die eine gemeinsame Kreditkarte planen. Mein Fazit: Die hohen Bewertungen müssen sich zwingend mit einem starken Gewinnwachstum bestätigen, sonst drohen Gewinnmitnahmen.

Der bekannte Anbieter MSCI wird 234 chinesische Titel in seinen Schwellenländer-Index aufnehmen. Wird der chinesische Aktienmarkt auch für Schweizer Anleger attraktiv?
Ja, obwohl die Zahl der A-Aktien, die aufgenommen werden, noch vergleichsweise gering ist. Die Aufnahme symbolisiert aber einen wichtigen Schritt in die Zukunft und honoriert Chinas Bemühungen, seinen Aktienhandel transparenter und liquider zu gestalten. Zudem werden nun Emerging Market Fonds und ETFs A-Aktien erwerben, um die Benchmark korrekt abbilden zu können. Parallel dazu dürfte die Relevanz chinesischer Aktien längerfristig auch deshalb zulegen, weil sich der Staat sukzessive aus Konzernbeteiligungen zurückzieht.

Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Quartal so schwach gewachsen wie seit drei Jahren nicht mehr. Schwächelt die Konjunktur des wichtigsten Schweizer Handelspartners?
Tatsächlich schwächelt die deutsche Wirtschaft momentan. Mit 0,3 Prozent hat das BIP-Wachstum im ersten Quartal die Erwartungen klar verfehlt. Besonders enttäuscht hat der wichtige Exportsektor. Die Stagnation befindet sich aber auf hohem Niveau, die primär durch den starken Euro und einige Sondereffekte ausgelöst wurde: Die Streiks der Industriegewerkschaft Metall, die stärkste Grippewelle seit zehn Jahren und nicht zuletzt der rückläufige Staatskonsum haben sich negativ ausgewirkt. Wenn Sie mich nach Abschwung oder Konjunkturdelle fragen würden, wäre meine Antwort klar: Konjunkturdelle.

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