Eine Hiobsbotschaft jagt die andere: Jetzt greift auch die Bank of England massiv in den Geldmarkt ein. Sie will den Banken des Landes die schwer verkäuflichen Hypothekenkredite im Wert von 50 Mrd Pfund (63 Mrd Euro) abnehmen. Dabei könnten die Banken potenziell riskante Hypothekenkredite vorübergehend gegen sicherere Staatsanleihen eintauschen. Die britischen Banken, die sich seit der US-Immobilienkrise untereinander kaum noch Geld leihen, sollen dadurch wieder Zugang zu frischem Geld bekommen.

Dieses dürfte für die Royal Bank of Scotland (RBS) nicht ausreichen. Branchenkreisen zufolge wird die RBS in den kommenden Tagen Wertberichtigungen in Milliardenhöhe wegen der internationalen Kreditkrise bekannt geben. Im Zuge einer Buchbereinigung könnte das Geldhaus 5 bis 7 Mrd Pfund (6,3 bis 8,8 Mrd Euro) abschreiben. Spekulationen über eine offenbar dringend notwendige Kapitalerhöhung bei der RBS halten sich schon seit einiger Zeit. Die Bank wird noch von den Folgen der von ihr angeführten 71 Mrd Euro teuren Übernahme und Zerschlagung der niederländischen Bank ABN Amro belastet. Zudem hat sie im europäischen Bankenvergleich eine der dünnsten Eigenkapitalausstattungen.

In Branchenkreisen heisst es daher, dass die RBS eine massive Kapitalerhöhung plane. Diese könnte sich Analysten zufolge auf mehr als 12 Mrd Pfund (15 Mrd Euro) belaufen und eine ganze Reihe von Kapitalerhöhungen bei anderen Instituten nach sich ziehen. Es wäre die erste grössere Mittelbeschaffung einer britischen Bank seit Beginn der Kreditkrise und eine Kehrtwende für die RBS.

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Ende des Wirtschaftswunders

Damit verstärken sich die Anzeichen, dass die Finanzkrise die gesamte britische Wirtschaft in den Abgrund reissen könnte. Denn auch der Immobilienmarkt bricht zusammen, das britische Pfund verliert an Wert, Ökonomen sehen erstmals Anzeichen für eine Rezession. Das rund 15 Jahre währende britische Wirtschaftswunder steht vor einem abrupten Ende. Einige Banken haben seit Beginn der Finanzkrise die ersten Angestellten entlassen, jeder hat zumindest Bekannte, die es getroffen hat. Damit wurde allen klar, dass das, was bisher stets als «Finanzkrise» beschrieben wurde, ganz konkrete Auswirkungen auf jeden Einzelnen haben wird.

Die Finanzindustrie hat in Grossbritannien eine grosse Bedeutung. Rund 10% des Bruttoinlandproduktes werden von dieser Branche beigesteuert. Und während die britische Wirtschaft in den vergangenen Jahren insgesamt um knapp 3% jährlich wuchs, legte die Finanzindustrie um 5% pro Jahr zu.

«Wenn Sie mich vor sechs Wochen gefragt hätten, ob Grossbritannien in eine Rezession abgleiten könnte, hätte ich gelacht», sagt Tony Dolphin, Chef-Ökonom der Anlagegesellschaft Henderson Global Investors. «Jetzt halte ich das jedoch für eine realistische Möglichkeit.» Dolphin sitzt nicht im Londoner Bankenviertel Mayfair, sondern auf der anderen Seite des Stadtzentrums, am Rande des traditionellen Finanzbezirks und etwas näher am Empfinden des durchschnittlichen Briten.

Und dieser musste schon einige schlechte Nachrichten verdauen. Am Montag gab die Abbey-Bank bekannt, dass sie ab sofort keine 100-Prozent-Finanzierungen für Immobilienkäufe mehr anbietet. In Grossbritannien war diese Art der Finanzierung gang und gäbe, vor einem Jahr gab es noch 158 entsprechende Kreditangebote von Banken. Mit Abbey wurde nun das letzte vom Markt genommen. Dadurch sinkt die Nachfrage am Immobilienmarkt, und das bringt die Preise unter Druck. Die Zeitungen haben es bereits in riesigen Lettern verkündet: «Hauspreise stürzen ab!» Im März gab der Wert der privaten Immobilien im Durchschnitt um 2,5% gegenüber dem Vormonat nach. Solch einen Einbruch gab es seit der letzten Immobilienkrise auf der Insel im Jahr 1991 nicht mehr.

«Die Kreditkrise kommt damit auch bei den normalen Haushalten an», sagt Dolphin. Denn die Briten haben nicht nur ihre Häuser auf Pump gekauft. Sie haben auch eifrig ihre Lebenshaltungskosten auf Kredit finanziert. Die entsprechenden Kreditlinien hingen wiederum vom Wert ihrer Häuser ab. Und die Immobilienpreise könnten noch weiter fallen. Einige Analysten rechnen mit einem Einbruch von 25%. «Ich halte das auch für möglich», sagt Dolphin. «Wenn das passiert, wird Grossbritannien allerdings sicher in eine Rezession abgleiten.»

Doch selbst wenn es nicht so weit kommt: Das Wirtschaftswunder der vergangenen Jahre, getrieben von einer boomenden Finanzindustrie, dürfte bis auf weiteres zu Ende sein. «Die Finanzindustrie fragt sich derzeit, wie stark sie ihr Geschäftsmodell verändern muss und wie ein neues Modell aussehen könnte», sagt Dolphin. Denn der exzessive Handel mit Krediten, der so viel Gewinn abwarf, ist zum Erliegen gekommen und dürfte auch nicht wieder belebbar sein, zumindest nicht in der alten Form. «Der Finanzsektor in London könnte in den kommenden Jahren durchaus schrumpfen», glaubt Dolphin.