Klaus Zumwinkel ist nicht allein. Sollte sich der Vorwurf der Steuerhinterziehung gegen den Post-Chef bestätigen, befände er sich in bester Gesellschaft. Obwohl Steuerhinterziehung in der Bundesrepublik mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft wird, hat sie fast den Status eines Volkssports. Auf 30 Mrd Euro veranschlagt der Vorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek, die Summe, die jährlich am deutschen Fiskus vorbeigeschleust wird.

Steuerflüchtlinge sehen sich jedoch mit einer zunehmend rigideren Überwachung konfrontiert. Bereits beim Transfer von Geld wird es schwierig. «Seit 15. Juni 2007 müssen Reisende, die 10000 Euro oder mehr über die EU-Grenze schaffen wollen, die Summe ohne Aufforderung schriftlich anmelden», erklärt Peter Kauth vom Internetportal Steuerrat24. Zudem versenden inzwischen 23 Staaten der Europäischen Union Kontrollmitteilungen über Zinserträge von Anlegern aus anderen EU-Ländern.

Viele Schlupflöcher

Das heisst, dass - insbesondere innerhalb Europas - die Einkünfte in Staaten wie Frankreich, Italien, Schweden und Polen dem deutschen Fiskus bekannt sind. Lediglich drei Länder der Union, nämlich Österreich, Luxemburg und Belgien, sowie die Drittstaaten Schweiz, Liechtenstein, Monaco, Andorra und San Marino verzichten in einer Übergangszeit bis mindestens 2011 auf Kontrollmitteilungen. Im Gegenzug führen diese Staaten anonym eine Zinssteuer von 15% (ab dem 1. Juli 2008: 20%) ab. Allerdings gibt es eine Vielzahl von Investmentvehikeln, bei denen diese Regelungen nicht greifen. Zum einen beziehen sich die Quellensteuern nicht auf Dividenden oder Kursgewinne aus Aktien und Aktienfonds, Zertifikaten sowie Genussscheinen. Zum anderen existieren in den entsprechenden Ländern besondere Konstruktionen von Lebensversicherungen und Stiftungen, über die auch Zinseinkünfte nahezu steuerfrei vereinnahmt werden können. Insbesondere das Liechtensteiner Stiftungsrecht sieht einigen Gestaltungsspielraum vor, denn Stiftungen sind in dem Zwergstaat von der Vermögens-, Erwerbs- und Ertragssteuer befreit. Lediglich eine jährliche Kapitalsteuer muss gezahlt werden. Zudem gilt im Fürstentum im Gegensatz zu Deutschland ein strenges Bankgeheimnis, Auskünfte über Konten lehnen die Geldinstitute in Liechtenstein auch gegenüber deutschen Steuerfahndern strikt ab. «Liechtenstein ist nach wie vor ein Hort», sagt Hans-Lothar Merten, Autor des Buches «Steueroasen 2008». Auch bestimmte Lebensversicherungen in Liechtenstein und Luxemburg werden von Deutschen als Mittel der Steueroptimierung genutzt. Gerade für Unternehmer haben solche Konstruktionen Attraktivität, sind sie doch im Konkursfall der Firma nicht antastbar.

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Singapur vor Vaduz und Zürich

All das ist möglich und vollkommen legal, solange die Einkünfte in der Steuererklärung angegeben werden. Gleiches gilt für Erträge, die in Ländern anfallen, die weder Kontrollmitteilungen noch EU-Zinssteuer kennen. Dazu zählen unter anderem die Kanalinseln Jersey und Guernsey, die Bahamas, Hongkong und Singapur. Gerade der asiatische Stadtstaat Singapur entwickelt sich mehr und mehr zum Dorado für steueroptimiertes Investieren. Eine Befragung von 265 Vermögensverwaltern durch die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers ergab unlängst, dass jeder sechste in den Stadtstaat expandieren will. Für Rainer Wirken, Partner bei PricewaterhouseCoopers, ist klar: «Vor allem aus Gründen der Steuergestaltung.»

Alle grossen Adressen haben vor Ort inzwischen eine Filiale - von der UBS über die Deutsche Bank bis Credit Suisse. In den nächsten Jahren will die Branche dort um 30% jährlich wachsen. Viele Schweizer Banken führen inzwischen für ihre Kunden auch Konten in Singapur. «Zum Geldtransfer braucht man keinen Koffer», sagt Merten. Während das Bankgeheimnis in der Schweiz zunehmend löchrig wird, dauert es nach Ansicht von Wilken noch lange, bis die Entwicklung den Stadtstaat erreicht. EU-Kommissar Laszlo Kovacs versucht zwar, mit dem Land ein ähnliches Abkommen wie mit der Schweiz zu erzielen, doch Singapur sträubt sich. Es will auf keinen Fall sein Ziel gefährden, die neue Schweiz zu werden.