Die heisseste Ware an der Wall Street sind derzeit nicht Agrarrohstoffe, nicht Edelmetalle und auch nicht Derivate. Risikomanager weisen die höchsten Kurssteigerungen auf. «In den letzten drei bis vier Monaten konnten Banken gar nicht schnell genug neue Leute einstellen», sagt Anne Murphy vom Führungskräftevermittler Odgers Berndtson. Das führte dazu, dass die meisten Spezialisten im Bereich deutlich höhere Gehälter bekamen. Die Nachfrage nach Fachkräften mit besonderen Kenntnissen und viel Erfahrung übersteige das Angebot bei Weitem, kommentiert Murphy.

Mindestens sieben Investmentbanken haben in letzter Zeit im Wettlauf um Talente leitende Risikomanager eingestellt. Im Oktober holte Bank of America Merrill Lynch David Oman von der UBS und ernannte ihn zum Chief Risk Officer für Europa, den Nahen Osten und Afrika. Alessandra Mongiardino wechselte von der Ratingagentur Moody’s zu HSBC und wurde Chefin für Gruppenrisikostrategie Europa. Ähnliche Neueinstellungen oder interne Umbesetzungen wurden seit Beginn dieses Jahres auch bei Citigroup, Royal Bank of Scotland, Deutsche Bank, UBS und Barclays beobachtet.

Verdoppelte Löhne

Emma McConachie vom Führungskräftevermittler Talent Partners berichtet, Talente seien so rar gesät, dass jeder Senior Risk Professional, der von einem Konkurrenten ein Angebot erhält, sofort mit einem lukrativen Gegenangebot seines aktuellen Arbeitgebers rechnen kann. Dieser Wettstreit macht sich auch in den Gehältern bemerkbar, die im Vergleich zum Vorkrisenniveau massiv gestiegen sind. Damals lagen sie bei rund 240 000 Dollar plus 80 000 Dollar Bonus, heute bewegen sie sich bei den grössten Finanzhäusern meist in der Liga von 480 000 Dollar plus Bonus in nochmals ähnlicher Höhe. «Früher war der Risikomanager nicht in der Führung, heute gehört er oft mit zu den bestbezahlten Mitgliedern der Geschäftsleitung», sagt Headhunterin Murphy.

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«Die Welt hat sich verändert und die effektive Identifikation, Entschärfung und Kontrolle von Risiken hat heute für Vorstände, Regulierer und Regierungen eine weit höhere Bedeutung als die Tagesordnung», kommentiert die Headhunteragentur Odgers Berndtson. Eine der grössten Herausforderungen für Banken ist es jedoch, Kandidaten zu finden, die nicht nur die branche und die Institutionen wie ihre Westentasche kennen, sondern aufgrund ihrer Fähigkeiten in der neu geschaffenen Position auch von den Top-Managern und Regulierern anerkannt und respektiert werden. «Ein ehemaliger Händler oder quantitativer Analyst, der einen Teilbereich des Geschäfts gut kennt, lässt vielleicht die Qualitäten vermissen, die es braucht, um in der Geschäftsleitung seine Position gegen den Verkaufschef zu vertreten», weiss Murphy. «Die Zahl geeigneter Kandidaten ist nicht sehr hoch, der Bedarf dagegen enorm.»

Alles im Blickfeld

In jüngster Zeit spezialisieren sich zunehmend Kandidaten aus anderen Abteilungen einer Bank mehr auf Risiko. David Benson, Global Chief Risk Officer bei Nomura, war früher Arbitrage-Händler bei Credit Suisse First Boston. «Was mich an dieser Aufgabe fasziniert, ist, die Bank als Ganzes zu sehen und zu sehen, wie sie ihr Geld verdient», sagt er. «Als Händler erkennt man das einfach nicht. Wenn man Spass daran hat, das gesamte Spektrum zu beobachten und zu sehen, wie die Bank auf den verschiedenen Ebenen und Bereichen arbeitet, und man die intellektuelle Herausforderung nicht scheut, dann ist die Position eines Chief Risk Officer äusserst attraktiv.» Zudem lockt auch das immer attraktiver werdende Gehalt.

Doch der Abstand zwischen dem Gehalt derjenigen, die für den Hauptumsatz der Banken sorgen, und den Risikoprofis verringert sich nur langsam. Das Institute of International Finance und das Beratungsunternehmen Oliver Wyman berichteten vor Kurzem, Führungskräfte im Risikosektor erhielten bei rund zwei Dritteln der Banken immer noch 50 Prozent weniger Gehalt als ihre Kollegen an der Front. Bei manchen Instituten kommen sie nicht einmal auf 20 Prozent - selbst wenn die Löhne jetzt kräftig steigen.

Doch die Aussichten sind rosig. Im Oktober beförderte die UBS ihren Chief Risk Officer Philip Lofts zum Chef von Nord-, Mittel- und Südamerika, einem Bereich, von dem sich die Bank starkes Wachstum erhofft. Und Hugo Bänziger, Chief Risk Officer bei der Deutschen Bank, wird als möglicher Nachfolger für Josef Ackermann gehandelt, der seinen Chefposten im Jahr 2013 aufgeben wird. «Der Chief Risk Officer ist zu einem echten Konkurrenten des Finanzchefs geworden, wenn Banken einen Nachfolger für die Chefposition suchen», weiss McConachie von Talent Partners. «Die stärkere strategische Ausrichtung ist sehr interessant.»