Es gibt auch Unternehmen, die von den aufgewühlten Märkten in Europa profitieren. Dazu gehören insbesondere Depotbanken wie die Bank of New York Mellon oder State Street aus den USA. Mit ihrem wenig glamourösen und eher margenarmen Geschäft wachsen sie derzeit unaufhörlich. Der Grund: Immer mehr Spekulanten wetten auf einen weiteren Kursverfall europäischer Aktien und Staatsanleihen.

Dafür leihen sie sich die Wertpapiere und verkaufen diese in der Hoffnung, sich später wieder billiger eindecken zu können. Die Depotbanken bringen gegen eine Gebühr diese so genannten Leerverkäufer, vor allem Hedgefonds, mit denjenigen Investoren zusammen, die überschüssige Aktien und Anleihen verleihen.

Marktteilnehmern zufolge ist das Geschäft noch nie so gut gelaufen wie im vergangenen Jahr. Doch die immer strengeren Regeln für solche Leerverkäufe trüben bei den Depotbanken die Aussichten für 2012 ein.

Vor allem für Pensionsfonds und Versicherungen ist der Verleih von Aktien oder Anleihen aus ihren Milliardenbeständen derzeit ein attraktives Geschäft. Denn hierfür bekommen sie eine feste Gebühr und müssen keine Kursrisiken in Kauf nehmen, was ihrem konservativen Geschäftsmodell entgegenkommt.

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Hedgefonds wiederum spekulieren seit Monaten auf eine Verschärfung der Krise und weitere Kurseinbrüche an den europäischen Aktien- und Anleihemärkten. Wenn sie heute geliehene Papiere verkaufen, sich dann zu einem späteren Zeitpunkt günstiger wieder eindecken, können sie die Differenz als Gewinn einstecken.

Geschäft von Hedgefonds geprägt

«Das Marktgeschehen im zweiten Halbjahr war geprägt von Hedgefonds, die auf globale Ereignisse wie die Krise in der Euro-Zone reagiert haben», sagt James Slater. Slater verantwortet das Geschäft mit Wertpapierleihen bei der Bank of New York Mellon.

Auch bei State Street und JP Morgan stieg das Leih-Volumen 2011 - und damit die Einnahmen aus dem Geschäft. Nach Angaben des Marktspezialisten Equilend, der zehn grossen Finanzinstituten gehört, war der vergangene August der bisherige Spitzenmonat.

Damals habe sein Haus 27'770 Wertpapierleihen im Gesamtvolumen von 21,3 Mrd. Dollar verzeichnet, berichtet Equilend-Chef Brian Lamb. Die elektronischen Systeme des Unternehmens bringen Verleiher von Wertpapieren mit potenziellen Leihern zusammen.

Volatilität führt zu Nervosität

Doch die anhaltend starken Schwankungen an den Märkten machen zunehmend auch Hedgefonds nervös, weil so immer mehr Leerverkäufe in die Hose gehen können. Hinzu kommt, dass in einigen europäischen Ländern solche Geschäfte - zumindest jene mit Aktien von Grossbanken und Versicherungen - verboten sind.

«Ich denke, 2012 bleibt herausfordernd - ohne eine schnelle Lösung der Probleme in der Euro-Zone und einen insgesamt positiveren Marktausblick», sagt Paul Wilson, Leiter des globalen Kundenmanagements bei JPMorgan Worldwide Securities Services.

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Wachstumspotenzial sieht er aber darin, dass die Regulierer für Handelsgeschäfte mit komplexen Finanzprodukten wie Derivate künftig zusätzliche Wertpapier-Sicherheiten verlangen dürften. Und viele Banken - so hofft Wilson - werden sich die dafür notwendigen Papiere leihen, da ihre Bilanzen bereits stark geschrumpft sind. Damit wären erneut die Depotbanken die heimlichen Gewinner.

(laf/sda)