Ein Jahr nach der Lehman-Katastrophe präsentiert sich in der Finanzmetropole New York ein bizarres Bild. Das Inferno der schlimmsten Krise seit 80 Jahren hat Säulenheilige der Wall Street jäh zu Fall gebracht. Doch andere strahlen bereits wieder wie zu irrsten Boomzeiten, und so mancher Banker lässt vor seinem inneren Auge all die teuren und schönen Dinge vorüberziehen, die er sich von den schon wieder erhofften Millionenboni zu kaufen gedenkt.

Untergang der Investmentbank

An eine gründliche Selbstreinigung glauben nicht einmal führende Vertreter der Branche: «Für die politisch Verantwortlichen und die Aufsichtsbehörden sollte feststehen, dass sich eine Branche nur begrenzt selbst regulieren kann», sagte Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein bereits im April auf einer Investorentagung.

Dabei ist der Niedergang auf den ersten Blick beispiellos. 81 Banken sind allein seit Jahresanfang in den USA Pleite gegangen - wenn auch zumeist kleinere Institute. Auch im Herzen des Finanzorganismus gab es prominente Opfer: Von den fünf grossen reinen Investmentbanken haben nur Goldman Sachs und Morgan Stanley als eigenständige Häuser überlebt, und auch sie mussten viele Privilegien aufgeben. 100 000 Jobs fallen allein im Grossraum New York im Finanzsektor weg, schätzt die internationale Arbeitsorganisation ILO.

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Üppige Extrazahlungen

Das trifft die Stadt im Mark. Die Einkommen an der Wall Street sorgten für einen erheblichen Teil der Steuereinnahmen. Die Folgen sind offensichtlich. Immer mehr Schaufenster verschwinden auch tagsüber hinter Rollläden - weil es keine Mieter mehr gibt. Selbst Nobelkaufhäuser wie Barneys locken mit Dauer-Schlussverkauf. Nobelrestaurants bieten Weinflaschen zum halben Preis oder den billigen «Credit Crunch Lunch».

Angesichts der gewaltigen Verwerfungen geisseln selbst Top-Banker das Geschäftsgebaren der vergangenen Jahre. Etwa Joe Perella, langjähriger Leiter des Beratungsgeschäfts bei Morgan Stanley und Mitgründer der kleinen Investmentbank Perella Weinberg Partners. In seinem Büro mit Blick auf den Central Park hängt ein Kalender von Michael Schumacher. Perella mag ihn, weil er ein Perfektionist der Geschwindigkeit ist. Dafür hat er etwas gegen jene, die hohe Risiken eingehen, ohne sie im Griff zu haben. Das führe auf der Rennstrecke wie an der Wall Street unweigerlich zum Crash.

Doch ein Blick auf die harten Zahlen scheint solche Bekenntnisse ad absurdum zu führen: Noch ehe sich sehr viel ändern konnte, läuft das Geschäft in vielen Häusern wieder hervorragend. Prominentestes Beispiel ist Goldman Sachs: Der Branchenprimus macht schon wieder hohe Milliardengewinne. Bei Konkurrenten wie JP Morgan oder der Deutschen Bank sieht es ähnlich gut aus.

Die Krise habe nur einige Bereiche des Bankgeschäfts hart getroffen, erläutert Roger Lister, Investmentbanken-Experte bei der Ratingagentur Fitch in New York. «Viele Sparten laufen nach wie vor hervorragend.» So verdienten die Banken am Boom von Unternehmens- und Staatsanleihen mit - was paradox ist, weil die Regierungen vor allem wegen der Rettungsaktionen für die Finanzbranche Geld brauchen.

Das Ergebnis: Banker, die ihren Job behalten haben, können sich schon wieder auf üppige Extrazahlungen freuen. So hat allein Goldman Sachs bislang 11 Mrd Dollar für Boni beiseite gelegt. Selbst in Abteilungen, die zwar keine Banken ruiniert, aber dennoch unter der Krise gelitten haben, hat sich die Stimmung deutlich gebessert. Bestes Beispiel dafür ist JP-Morgan-Banker Louis Lebedin. Seine Domäne ist das «Prime Brokerage», die exklusive Betreuung von teilweise hoch spekulativen Hedgef-Fonds. Genau solche Fonds hat die Krise gefressen, doch Lebedin gibt sich ungerührt: «Es gibt weniger neue Fonds, und der eine oder andere Newcomer ist auch schnell wieder verschwunden.»

Die grossen, etablierten Investoren seien jedoch nach wie vor da. «Früher bekam der den Kunden, der die niedrigsten Gebühren und die üppigsten Kredite bieten konnte», sagt Lebedin. Heute komme es den Fondsmanagern auch auf die Sicherheit ihres Geldes an - ein Vorteil für eine Grossbank wie JP Morgan.

Die grosse Panik ist weg

Dass sich die Stimmung an der Wall Street bessert, merkt Alden Cass an einem simplen Indikator. Auf einem kleinen Tisch neben dem schwarzen Ledersofa hält der Psychologe Kleenex-Taschentüchern für seine Patienten bereit. In den ersten beiden Monaten nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers musste er fünf neue Schachteln kaufen. Die jetzt noch gefüllte hat er vor drei Monaten aufgestellt. «Die grosse Panik ist weg», sagt Cass. Er empfängt seine Patienten, die fast alle in Banken, Versicherungen oder Anwaltskanzleien arbeiten, in einem winzigen Zimmer in Midtown Manhattan.

Schuldgefühle plagen nur wenige seiner Patienten. Dass ihre Arbeit auch nur im Ansatz etwas mit der Finanzkrise zu tun haben könnte, schliessen die Investmentbanker, Hedge-Fonds-Manager und Wertpapierhändler aus. Aus psychologischer Sicht sei dies zwar hilfreich, sagt Cass. Allerdings sei so auch unwahrscheinlich, dass sie ihr Verhalten ändern.

Dienstleister wider Willen

Allerdings haben tatsächlich zumindest ein paar Häuser ihre Strategie merklich geändert. Morgan Stanley etwa. Vor Krisenausbruch hatten die Grossbanker zunehmend mit eigenem Geld spekuliert. Doch offensichtlich war das Risikomanagement schlechter und vielleicht auch das Glück geringer als bei Goldman Sachs, dem die Morgan-Leute nacheiferten: Während Goldman, die Nummer eins an der Wall Street, vergleichsweise gut durch die Krise kam, summierten sich bei Morgan Stanley, der Nummer zwei, die Milliardenverluste.

Inzwischen hat Bankchef John Mack ein neues Modell postuliert: Die Bank soll wieder stärker zum Dienstleister werden und sicherte sich dafür Zugang zur Citigroup-Tochter Smith Barney, einem grossen Wertpapier-Broker.

Zwischen Wollen und Können

Kenner der Häuser können aber keinen Strategiewechsel aus Überzeugung erkennen. «Das ist keine Frage des Wollens, sondern des Könnens», sagt ein ranghoher Wall-Street-Banker. Die Branche sei derzeit zweigeteilt - in Banken, die noch im Reparaturmodus laufen, und in solche, die schon wieder Gas geben könnten.

Das heisst aber: Die Reparaturbetriebe werden grösstenteils wieder zu den Vorausfahrenden aufschliessen wollen und dabei womöglich auch ihre Risikoscheu schnell wieder ablegen.