Die vielleicht härteste Erkenntnis nach all den Flops der vergangenen Monate: Wir leiden an einer gravierenden «kognitiven Obdachlosigkeit». Das gilt für das Management und seine Führungsinstrumente. Und es gilt leider weitgehend auch für die Konjunkturforschung und die Wirtschaftswissenschaften, die uns, so scheint es, in den vergangenen Jahren nur eines beibringen wollten: Wie wir rasch reich werden - nämlich durch Ausblenden möglichst aller kritischen Kontextfaktoren. Kein sehr wissenschaftliches Vorgehen.

Ist Ökonomie eine Wissenschaft?

Ist denn die Ökonomie überhaupt eine Wissenschaft? So fragte unlängst selbst die «NZZ» sichtlich besorgt und trat eine Flut von ebenso besorgten Leserbriefen los. In der Ökonomie flüchtet man sich mit Vorliebe in die Abstraktionen nicht mehr nachvollziehbarer mathematischer Spitzfindigkeiten, die nur beschränkt empirische Relevanz beanspruchen können. Bloss, wenn ohnehin keiner die Gedankengänge versteht, sind wir wieder im Bereich der Geheimwissenschaften oder der Metaphysik.

Das Unbekannte birgt Gefahr, Unruhe, Sorge, und der instinktive Reflex geht dahin, diese peinlichen Zustände wegzuschaffen. Nietzsche hat die Psychologie des verdrängten Unwissens in seiner «Götzendämmerung» sehr schön beschrieben: Etwas Unbekanntes auf etwas Bekanntes zurückzuführen, erleichtert, beruhigt, befriedigt und gibt ausserdem ein Gefühl von Macht. Die alltägliche Überforderung ist offensichtlich, «Black-Boxing» heisst der Ausdruck dafür. Die Zahl der Einflussfaktoren, die wir selbst bei einfachen Entscheidungen berücksichtigen müssen, übersteigt unser Vorstellungsvermögen. Modelle im Management versuchen seit Jahren, Komplexität zu reduzieren, indem sie Sachverhalte auf eine Matrix mit ein paar Feldern reduzieren. «Wenn man einen Hammer hat, sieht die ganze Welt wie ein Nagel aus.» Mark Twain lag mit seinem Ausspruch nicht ganz falsch: Modelle erschaffen ihre eigene Realität. Die Vier-Feld-Matrizen und die Excel-Tabellen weisen ihren Anwendern einen Weg, die Welt wahrzunehmen und zu organisieren.

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Steinzeitmethoden

So hantieren wir immer mehr mit Systemen, Produkten und Modellen, die wir nicht mehr verstehen, geschweige denn - was viel tiefreichender ist - die Folgen abschätzen können. Kurz: Wir arbeiten mit Steinzeitmethoden in einer Hightech-Welt. Dennoch tun wir weiterhin so, als hätten wir alles im Griff und reduzieren die Herausforderungen auf bekannte Erklärungsmuster.

Wie lange können wir uns diese «kognitive Obdachlosigkeit» noch leisten? Wir stehen am Scheideweg: Entweder wir werden mit den Ansprüchen ehrlicher und bescheidener. Und vor allem: Wir versuchen, überschüssige und unnötige Komplexität zu vermeiden und lernen, Abläufe und Zusammenhänge wieder zu verstehen - Risikomanagement stärken und stärker regulieren. Dadurch wird sich aber das Wachstum verlangsamen. Die Frage ist nur: Wollen wir das?

Oder, dies der andere Weg, wir arbeiten weiter wie bisher mit Black-Boxes, lassen ein grosses Chaos zu, gehen damit aber auch immer grössere Risiken ein, weil nur so überdurchschnittliches Wachstum möglich ist. Der Nutzer, die Menschen müssen dem System vertrauen, ohne es zu verstehen. Werden das unsere Control- Freaks zulassen?