Überraschend gute US-Arbeitsmarktdaten liessen den Dow-Jones-Index auf ein neues Allzeithoch steigen. Das Kurspotenzial sei damit noch nicht ausgereizt, sagt Peter Bänziger, Chief Investment Officer der Fondsgruppe und Vorsorgedienstleisterin Swisscanto.

Gemessen an Kurs-Gewinn-Verhältnissen ist der US-Markt nach den jüngsten Kurssteigerungen ähnlich hoch bewertet wie 2007. Droht nun wie damals eine scharfe Korrektur?
Peter Bänziger:  Die Wachstumsaussichten für die USA sind weiterhin erfreulich, unser Prognosemodell zeigt für das US-Wachstum sogar eine Beschleunigung an. Die aktuellen Höchstkurse sind dank rekordhohen Gewinnen gerechtfertigt. Es ist natürlich möglich, dass der Markt nach unten dreht, denn die Hausse ist schon viereinhalb Jahre alt und sehr weit gelaufen. Allerdings – und dies spricht für eine Fortsetzung der Aufwärtsbewegung – sind heute die langfristigen Zinsen nur halb so hoch wie 2007. Zentral für die weitere Entwicklung der Aktienmärkte wird deshalb das weitere Gewinnwachstum der Unternehmen sein.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Die guten US-Arbeitsmarkt- und -Konjunkturdaten belasteten umgekehrt die Zinsmärkte. Dort sorgt man sich, die US-Notenbank Fed könnte bereits im Dezember oder Januar die zinspolitischen Zügel anziehen. Zu Recht?
Die jüngsten Arbeitsmarktdaten waren die ersten, die auf eine positive Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den USA schliessen lassen. Auf eine einzige Zahl dürfte sich das Fed nicht abstützen. Wir glauben, dass sich die US-Notenbank mit dem langsamen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik Zeit lassen wird, und erwarten ein sogenanntes Tapering nicht vor dem Amtsantritt von Janet Yellen Ende Januar 2014, wahrscheinlich sogar frühestens Ende März 2014.

In Europa dagegen bleiben die Leitzinsen mit der jüngsten Senkung durch die Europäische Zentralbank (EZB) auf rekordtiefem Niveau. Was heisst das für Aktien?
Europa findet früher als erwartet aus der Rezession – die vorauslaufenden Indikatoren deuten auf eine bevorstehende spürbare Verbesserung des Wachstums hin. Grundsätzlich spricht die anhaltend expansive Geldpolitik der EZB für Aktieninvestitionen im Euro-Raum. Europäische Aktien sind zudem immer noch unterbewertet, das gilt insbesondere für Spanien und Italien.

Noch werden die Zinsen künstlich tief gehalten. Wo stünden sie ohne Eingriff der Zentralbanken?
Auf der Basis unserer Modelle sollten die «fairen» Zinsen für zehnjährige Regierungsobligationen ohne die künstlichen Eingriffe der Zentralbanken deutlich höher liegen. So sollten US-Staatsanleihen rund 3,5, Schweizer Bundesobligationen 1,8 und deutsche Bundesanleihen 4,2 Prozent rentieren.

Es drohen also dramatische Zinsschritte?
Die EZB wird einen derart grossen Zinssprung in Europa bekämpfen. Wir schätzen, dass wir etwa den halben Aufwärtsweg bei den Zinsen hinter uns haben.

Wenn Sie zwischen Europa und USA wählen müssen: Welche Börse ist vorzuziehen?
Europa ist generell zu bevorzugen. Natürlich wird davon auch der Schweizer Aktienmarkt profitieren.

Sollten Anleger angesichts der guten Konjunkturaussichten vor allem auf konjunkturzyklische Branchen setzen?
Ja, denn die konjunkturzyklischen Bereiche, besonders IT und Industrie, dürften angesichts der anziehenden Wirtschaftslage überproportional profitieren. Diese Bereiche sind unter anderem deswegen attraktiv, weil viele Kunden eine veraltete Infrastruktur und IT aufrüsten müssen, damit sie mit der anziehenden Auftragslage Schritt halten können.

Auch Schwellenländer-Aktien scheinen derzeit sehr günstig bewertet. Raten Sie zu einem Einstieg?
Im Langzeitvergleich ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis tatsächlich günstig, und nach dem Rückschlag bei den Währungen erscheint ein Einstieg attraktiv. Allerdings ist das Marktmomentum noch nicht positiv. Sollte sich eine positive Entwicklung einstellen, haben Schwellenländer ein Potenzial von rund 15 Prozent. Ich würde aber eine erste positive Entwicklung noch abwarten.