Die eigentliche Überraschung der vergangenen Monate, so Alan Greenspan kürzlich in der «Financial Times», sei nicht die Abkühlung der Weltwirtschaft – sondern, dass sie überhaupt noch wachse. Wir könnten ebenso gut vor einer langen Phase niedriger Wachstumschancen stehen. Denn heute treffen Faktoren in einer Konstellation und mit einer Massivität zusammen wie noch nie – Stichwort wachsende Vernetzung.

Entsprechend fehlen uns Modelle und Erklärungsansätze. Konjunkturforschung verkommt so leicht zur Strohhalm-Ökonomie, die sehnsüchtig nach möglichen Silberstreifen schielt und mit Kunstgriffen positiv zu interpretierende Neuigkeiten herausfiltert. Nur: Wie können wir klug steuern, intelligent eingreifen oder strategisch entscheiden, wenn wir nicht mehr über angemessene Modelle verfügen?

Sind Prognosen Illusionen?

Präziser gefragt: Gibt es überhaupt noch ökonomisch aussagefähige Modelle? Oder haben wir im neuen Umfeld nur noch Black Boxes, die funktionieren oder nicht funktionieren? Macht es noch Sinn, von Zyklen sprechen, wenn sich die Voraussetzungen fundamental geändert haben? Sind Konjunkturprognosen mehr als nur leer laufende, bestenfalls motivierende Illusionen? Nüchtern können wir festhalten: Die Veränderungen der vergangenen Monate haben Nationen und Unternehmen mit unkontrollierbarer Dynamik und Komplexität konfrontiert. Die Anzahl der nicht lösbaren Herausforderungen ist massiv schneller gestiegen als die Lösungsansätze. Nur wer extrem risikoavers gehandelt hat, scheint sein Schicksal noch einigermassen kontrollieren zu können – wenn auch zu einem hohen Preis.

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Die von der Finanzmarktindustrie bejubelten Wertschöpfungsfortschritte scheinen in Frage ge-stellt. Eine Wirtschaft, die Schulden immer nur noch handelbarer machen will, ist offensichtlich nicht nachhaltig bzw. geradezu krisenaffin. Das trifft den Kern der amerikanischen Wirtschaft, die vielleicht nicht ganz falsch als «Debt Imperialism» beschrieben wurde. Er schafft Zwänge, die Prävention verunmöglichen – siehe Hypothekarkrise.

Krisen werden zum Normalfall

Angesichts von Globalisierung und Machtverschiebung (BRIC-Staaten und Next 11) stehen wir vor zwei Wegen: Entweder mehr Selbstorganisation, also den freien Lauf der Dinge, oder mehr Regulierung, um vielleicht die Kontrolle zurückzugewinnen.

Bei US-Hedge-Fonds etwa ermöglicht Selbstorganisation eine dynamischere und flexiblere Kapital-Allokation. Auch Innovationen werden gefördert. Aber Krisen werden vom Un- zum Normalfall. Allgemeiner gesprochen: Je stärker man eine immer globalere Welt mit ihren gegenseitigen Abhängigkeiten sich selbst überlässt, desto grösser die Chance auf überdurchschnittliches Wachstum – zum Preis von mehr Unordnung, mehr Ungerechtigkeit, mehr Heterogenität und exponentiell wachsender Konfliktanfälligkeit. Nicht intendierte Nebenfolgen werden immer weniger vorhersehbar und dramatischer.

Wählen wir darum den anderen Weg? Mehr Regulierung, Kontrolle, Protektionismus? Was würde eine Mischform zur Folge haben – wenn es sie denn gibt?

In einer wirklich globalen Welt droht der Blindflug zur Norm zu werden: Komplexität ohne Verständnis, Handeln mit Black Boxes. Was sich auf den Finanzmärkten ereignet hat, würde damit auf andere Branchen überschwappen: Eine Mischung aus Magie und Monstrosität.