Die am meisten verwendeten Derivate, um Aktienrisiken zu begrenzen, sind Indexoptionen. Die Market Maker von Optionen wiederum handeln den Basisindex, um ihre Derivaterisiken zu begrenzen. In Zeiten mit sehr hoher Volatilität können diese Absicherungsgeschäfte einen Einfluss auf das Marktgeschehen selber haben.

Vor allem die Anleger, die Verkaufspositionen bei Put-Optionen haben, greifen erst bei Marktschluss ein. Sie verkaufen dann den Index, wenn der Markt fällt, und kaufen, wenn der Markt steigt. Deshalb ergaben sich seit Mitte September oft grosse Ausschläge beim S&P-500-Index, der die amerikanischen Standardwerte umfasst, in den letzten Handelsminuten. In den letzten Tagen waren die Schwankungen gar so gross, das die US-Börsenaufsicht SEC nun in der Sache ermitteln will.

Mehr Derivate wegen Hedging

Die meisten Hedger von Derivatepositionen verkaufen Index-Puts. Das liegt daran, weil viele Anleger, die Aktien kaufen, sich mit Put-Optionen absichern. Durchschnittlich waren in den letzten fünf Jahren 70% mehr Put-Optionen ausstehend als Call-Optionen. Infolge der Marktverwerfungen der letzten zwei Monate sind inzwischen bedeutend mehr Puts ausstehend, die «aus dem Geld» liegen als Call-Optionen, bei denen der Ausübungspreis bei weitem nicht erreicht ist. Rund 15% der S&P-500-Marktkapitalisierung entfallen inzwischen auf Index-Optionen. Weil der Absicherungsbedarf steigt, zieht auch das Derivatevolumen an. Laut den Analysten von JP Morgan werden rund 5% des Index-Volumens von Anlegern bewegt, die ihre Derivaterisiken absichern möchten. Etwa 65 bis 80% des Put-Volumens kommen von Anlegern, die ihre Depots mit einem einzigen Index-Put absichern möchten. Der Rest der Puts kommt von Investoren, die über das «Schreiben» (Verkaufen) von Puts auf ihre Aktien die Gesamtperformance ihrer Portfolios verbessern möchten.

Anzeige

Diese Absicherungen erfolgen meistens in der letzten Handelsstunde, und da konzentrieren sie sich auf die letzten 10 bis 30 Minuten. Sie wirken dabei in der Regel trendverstärkend – bei einer steigenden Börse ziehen die Indizes noch einmal scharf an, bei einer fallenden Börse gleiten die Indizes ganz am Schluss noch einmal deutlich ab.

Die Analysten von JP Morgan haben jetzt diese Effekte quantitativ untersucht. Für dieses Jahr ermittelten sie einen Einfluss von 16% der Absicherungsgeschäfte auf den S&P-500-Index. Bereits im Jahr zuvor war der Einfluss mit einem Effekt von 11% spürbar. Auch für den EuroStoxx-50-Index untersuchten die Analysten diese Wechselwirkungen. Hier ist der Effekt mit 5 bis 8% für die letzten vier Jahre kleiner, aber dieser Effekt besteht mit einer verstärkenden Wirkung von 7% in diesem Jahr. In den Jahren 2004 und 2005 lag die durchschnittliche Volatilität des EuroStoxx-50 mit 15% höher als beim S&P 500.

Daraus ergeben sich gemäss den Analysten von JP Morgan nützliche Handelsstrategien für Anleger mit sehr kurzem Anlagehorizont. Anleger sollten den Markt «kaufen», wenn die Indizes eine halbe Stunde vor Handelsschluss höher als am Vortag liegen, und verkaufen, wenn sie tiefer stehen. Genau zum Handelsschluss werden die Positionen aufgelöst. Anleger bringen dann Liquidität zu dem Zeitpunkt in den Markt, wenn die Hedging-Transaktionen einsetzen, und sie können die Gewinne aufgrund dieser Transaktionen mitnehmen.

Weil die Grösse der Hedging-Transaktionen proportional ist zur Marktbewegung zuvor, bringt diese Strategie umso mehr, je höher die Volatilität ist und je schlechter sich der Index selber während des Tages entwickelt. Am besten funktioniert das Ausnutzen des Effektes in Zeiten wie jetzt – wenn die Volatilität hoch ist. Aus der Sicht von Brokern können mit diesen Strategien opportunistische Zusatzgewinne eingefahren werden.

Vorsicht bei Transaktionskosten

Weil man aber jeden Tag eine halbe Stunde vor Handelsschluss mit dem ganzen dafür reservierten Betrag ein- und bei Handelsschluss wieder aussteigt, reagiert der Erfolg dieser Strategie sehr empfindlich auf die Höhe der Transaktionskosten. Bei Transaktionskosten von 16 Basispunkten ergab sich beim S&P-500-Index eine Zusatzrendite von 19% in diesem Jahr. Wenn die Transaktionskosten nur 4 Basispunkte ausmachen, lag sogar eine Zusatzrendite von 42% in Reichweite. Retailanleger, die diese Effekte ausnützen möchten, sollten sich aufgrund der hohen Transaktionskosten auf die hoch volatilen Tage beschränken und als Instrument einen sehr liquiden Call- oder Put-Warrant mit tiefen Spreads (Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis) wählen.