Die Krise sitzt immer noch tief in der Luxusgüterbranche. Die Titel der grossen Konzerne wurden von der Rezession ähnlich stark getroffen wie jene der Finanzbranche. Es handelt sich um ein neuartiges Phänomen, war doch bei früheren Rezessionen das High-End-Segment nie so deutlich unter Druck wie in der jetzigen Krise. Vor allem in den USA und in Japan kam es zu dramatische Einbrüche der Verkaufszahlen. Und auch die abnehmenden Touristenströme nach Europa machen den Luxusgüterherstellern zu schaffen.

Für die beiden grossen Schweizer Hersteller, Richemont und Swatch, war die Lage indes etwas weniger dramatisch als anderswo. Jedoch hat der Rückgang der Uhrenexportzahlen von über 25% bis weit in den Sommer hinein auch hierzulande Spuren hinterlassen. Einstellungsstops, Kurzarbeit und Entlassungen waren unumgängliche Folgen. Auch wenn Richemont diese Situation noch nicht definitiv abwenden konnte, wird in Genf langsam wieder aufgeatmet: Die Richemont-Papiere haben seit dem Tiefststand im März dieses Jahres um 95% zugelegt.

Vorweggenommene Erholung

Laut Vontobel-Analyst René Weber sind vor allem zwei Gründe ausschlaggebend für den kräftigen Anstieg der Richemont-Aktie seit März: Zum einen gehen die Anleger von einer baldigen Verbesserung der konjunkturellen Lage aus, und zum anderen dürfte sie die 2.-Halbjahr-Aussicht von Swatch, die gleich hohe Zahlen wie 2008 prognostiziert, zusätzlich ermutigt haben. Der Halbjahresbericht von Tiffany mit einer leichten Verbesserung der Umsätze im 2. Quartal in den USA scheint diese Einschätzung teilweise zu unterstützen. Weber glaubt jedoch nicht an weitere kurzfristige Kursgewinne, sondern erwartet eine Beruhigung der Richemont- sowie der Luxusgüter-Aktien im Allgemeinen. Im Trading-Statement von Richemont vom 9. September über die ersten fünf Monate im Geschäftsjahr 2009/10 werde sich höchstens für den Monat August eine leichte Verbesserung der Uhrenexportzahlen abzeichnen. Ansonsten erwartet Weber einen organischen Rückgang von 18%. Frühestens ab dem 4. Quartal sei mit einer langsamen Erholung zu rechnen, vor allem aufgrund der sehr schwachen Basis im Vorjahr. Im Moment könne man höchstens von einem Ende der Abwärtsspirale sprechen, so Weber weiter. Da Richemont stärker auf die kriselnden Luxusmärkte in den USA und Japan ausgerichtet sei, sehe die Lage bei der Konkurrentin Swatch aufgrund ihrer geografischen Ausrichtung etwas besser aus.

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Golfstaaten und China im Fokus

Auch Richemont setzt in Zukunft noch intensiver auf die Wachstumsmärkte China und Golfstaaten. Dies wird verdeutlicht durch die Eröffnung mehrerer Dutzend Richemont-Shops in eben jenen Regionen. Diese Entwicklung hängt mit dem Phänomen zusammen, dass das High-End-Segment so stark wie nie von der Rezession betroffen ist. Anders als der Lederwaren- und Fashionbereich hatte der Uhren- und Schmuckbereich höhere Einbussen zu verzeichnen. Letzterer scheint zyklischer geworden zu sein, weshalb eine verstärkte Ausrichtung auf die von der Rezession weniger beeinträchtigten Märkte eine logische Konsequenz ist.

Weber rät den Anlegern weiterhin zum «Halten» der Richemont-Aktie, denn der Konzern sei generell breit abgesichert und besitze einige der weltweit besten Marken. Am meisten Handlungsbedarf sieht er beim Geschäft mit Leder und Textil, welches von den Marken Chloé, Dunhill oder Lancel betrieben wird.