Dornröschen sah eine alte Frau, wie sie spann. Das wollte sie auch versuchen. Doch kaum hatte sie die Spindel in die Hand genommen, stach sie sich in den Finger. Da fiel sie in einen tiefen Schlaf. Nach dem Prinzenkuss verkaufte sie die Baumwolle, die ein Jahrhundert lang liegen geblieben war - mit riesigem Gewinn. Denn deren Preis war unaufhaltsam gestiegen. Sie lebte fortan glücklich und zufrieden.

So oder ähnlich würden die Gebrüder Grimm das Märchen wohl heute aufschreiben. Denn der Baumwollpreis hat sich 2010 verdoppelt. Und nicht nur er - das Gleiche gilt für Kaffee und Silber. Fast alle anderen Rohstoffe legten zweistellig zu. Rohstoffe werden immer teurer, so lautet daher inzwischen das Mantra vieler Anlageberater. Wegen China. Wegen der schrumpfenden Vorräte. Wegen des allgemeinen Trends. Wer auf Rohstoffe setze, könne eigentlich nichts falsch machen.

Der verarmte Grossvater

Doch leider ist auch dies ein Märchen. Zwar steigen die Rohstoffpreise seit Monaten, wenn man die Unterbrechung durch die Finanzkrise herausrechnet, sogar schon seit fast einer Dekade. Doch daraus zu schliessen, dass Metalle und Energieträger sich langfristig für Investments lohnen, wäre ein teurer Trugschluss. Denn sie unterscheiden sich grundsätzlich von Aktien oder Anleihen. Während diese langfristig tatsächlich stetig im Wert steigen, ist es bei Rohstoffen genau umgekehrt. Langfristig sinkt deren Preis.

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Aber gerade die Zwischenphasen steigender Preise verleiten viele Anleger dazu, den langfristigen Trend zu übersehen. Dylan Grice, Anlagestratege bei der Société Générale, macht das auf sehr plastische Weise deutlich: «Frühere Rohstoff-Bullenmärkte waren englischen Fussballtrainern ganz ähnlich: Sie versprachen viel, glänzten für einige Zeit, scheiterten aber letztlich und brachen die Herzen gerade jener, die am meisten an sie glaubten.»

Ob der Vergleich mit Schweizer Trainern ebenso gilt, mag jeder für sich entscheiden. Eindeutig sind aber die Preiskurven von Rohstoffen, wenn man sie nicht nur über 10 oder 20 Jahre betrachtet, sondern über 100, 200 oder noch mehr Jahre. Weizen ist ein gutes Beispiel dafür, zumal es für dessen Preis Daten seit vielen Jahrhunderten gibt. Dabei zeigt sich, dass dieser in den vergangenen 200 Jahren um rund 80 Prozent gesunken ist, inflationsbereinigt. Auch für Baumwolle, Kakao, Zucker, Kupfer, Aluminium, Zink oder Zinn gilt das Gleiche. Wer daher einen Vorfahren hatte, der zur Zeit der Gründung des Bundesstaates 1848 in einen Rohstoffkorb investierte, der kommt damit bis zum heutigen Tage auf eine Null-Rendite.

Anders dagegen, wenn der Urgrossvater auf Anleihen gesetzt hätte. Und noch besser wären Aktien gewesen, wie das Beispiel Coca-Cola illustriert. Hätte der Urahn beim Börsengang des Limonadenherstellers am 9. Mai 1919 eine Aktie gekauft, die 40 Dollar kostete, so wären daraus bis heute 290 000 Dollar geworden.

Coca-Cola ist produktiver

Aktienkurse steigen also langfristig immer. Das mag derzeit kaum jemand glauben. Doch ein Jahrzehnt stagnierender Kurse ändert nichts an einem jahrhundertelangen Trend. Zumal es nur logisch ist, dass der Wert eines Unternehmens steigt. Denn dabei handelt es sich um produktive Anlagen. Und die Produktivität steigt, mal langsamer, mal schneller, aber letztlich unaufhaltsam, durch neue Erfindungen, besseres Management, grössere Märkte, höhere Preise. Die Firma Coca-Cola von heute ist nicht mehr die Gleiche wie vor 90 Jahren. Sie ist viel produktiver.

Anders bei Rohstoffen. «Sie sind keine produktiven Anlagen», sagt Grice. Sie schaffen keinen Wert. «Ein Scheffel Weizen, ein Klumpen Eisenerz oder ein Barren Silber sind heute genau das Gleiche wie ein Scheffel Weizen, ein Klumpen Eisenerz oder ein Barren Silber vor 1000 Jahren.» Das Einzige, was sich verändert, sind die Produktionskosten. Und diese sinken langfristig, denn der Erfindungsreichtum der Menschheit macht die Förderung immer schneller, besser und auch einfacher.

Doch die Argumentation vieler Rohstofffans gründet auf einem anderen Argument: Der angeblichen Endlichkeit. Wahr daran ist, dass die Nachfrage seit einigen Jahren drastisch gestiegen ist, vor allem wegen des Wachstums der Schwellenländer. Doch die meisten Rohstoffe werden nicht wirklich knapp. Allein die Reserven von Eisenerz reichen noch mindestens 90 Jahre. Und es werden stetig neue Vorkommen entdeckt. So waren 1950 beispielsweise 6 Millionen Tonnen Zinn als Reserven bekannt. Bis zum Jahr 2000 wurden 11 Millionen Tonnen gefördert, und anschliessend beliefen sich die bekannten Reserven immer noch auf 10 Millionen Tonnen. Ganz ähnlich sieht es bei Kupfer, Blei, Zink oder anderen wichtigen Metallen aus. Denn Geologen haben heute viel bessere Techniken.

Kaum jemand ist clever genug

Doch gilt das auch für Öl? Hier gibt es immer wieder Berichte, dass die Förderhöchstmenge längst erreicht ist, die Vorräte in 30 oder 50 Jahren erschöpft sind. Allerdings war dies auch vor 40 Jahren schon der Zeithorizont, der prognostiziert wurde. Anschliessend wurden stetig neue Felder gefunden. Zum anderen ist Öl prinzipiell jederzeit ersetzbar. Je stärker der Ölpreis steigt, desto interessanter werden diese Alternativen.

Doch derzeit befindet sich die Welt tatsächlich in einer Phase eines Rohstoffbooms. Für Dylan Grice ist klar: «Das bedeutet eine glänzende und profitable Zukunft für clevere Händler, die über die Fähigkeit verfügen, den Höhepunkt und Tiefpunkt eines Marktes zu erkennen.» Auch er weiss: Das kann kaum jemand.