Sie sind der erste nichtchinesische CEO einer chinesischen Bank. Wie ist es dazu gekommen?

Jacques Mechelany: Nach langer Überlegung kam die Bank of China zum Schluss, eine neue Schweizer Bank zu gründen, die ihr gehörte, und nicht eine chinesische Filiale in der Schweiz zu eröffnen. Wie sie auf mich gekommen sind, müssen Sie in Peking nachfragen.

Warum ist eine eigenständige Schweizer Privatbank entstanden und keine Filiale der Bank of China?

Mechelany: Mit dieser Strategie wollen wir Kompetenz und Know-how aufbauen, das unseren chinesischen Kunden zugutekommt. Und diese Kompetenz findet man hier in der Schweiz. Deshalb hat sich die Bank of China (Suisse) in Genf niedergelassen. Die Bank of China hätte auch eine Grossbank kaufen oder die Welt mit einem Filialnetz überziehen können. Doch die Chinesen entschieden, das Private-Banking-Geschäft in die Schweiz zu verlegen, sozusagen ins Zentrum der weltweiten Vermögensverwaltung.

Wie funktionieren die Beziehungen zum Mutterhaus?

Mechelany: Der grosse Vorteil ist, dass die Bank of China Geld und Zeit hat. Dahinter verbirgt sich eine alte chinesische Weisheit: Man weiss, dass man für grosse Projekte Geduld benötigt - eine wichtige Tugend - und dass der Erfolg sich nicht sofort einstellt. Niemand in der Gruppe geht davon aus, dass unsere Genfer Privatbank eine Eintagsfliege ist. Nein, man investiert und hat Zeit.

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Sie haben also keine Ziele vorgesetzt bekommen.

Mechelany: Unsere Zielsetzung ist etwas anders. Erstens ist es uns gelungen, innerhalb von zwölf Monaten eine neue Schweizer Bank aufzubauen, die funktioniert. Zweitens hat sich der Brand «Bank of China» im Private Banking etabliert, was innerhalb von so kurzer Zeit keine Selbstverständlichkeit ist.

Warum ist Ihnen das gelungen?

Mechelany: Die Bank of China (Suisse) SA ist eine Schweizer Privatbank mit hochqualifiziertem Personal aus den wichtigsten Finanzzentren. Diese Leute haben ihre Beziehungsnetze und geniessen eine hohe Glaubwürdigkeit, was für uns sehr wichtig ist. Deshalb ist die Bank of China (Suisse) SA akzeptiert und wird nicht marginalisiert.

Das muss für die Bank of China ein grosser Paradigmenwechsel gewesen sein.

Mechelany: Man vergisst oft, dass die chinesische Kultur sehr pragmatisch ist. Es gibt keine absoluten Wahrheiten. So kann das Land von einer kommunistischen Partei regiert werden - das Wirtschaftssystem aber basiert auf dem freien Markt. Deshalb reagierten die Bank-of-China-Manager nicht gleich zu Beginn ablehnend auf die Idee einer Schweizer Privatbank. Sie überlegten, diskutierten intensiv und kamen zum Schluss, das Modell sei gut. Das zeugt von grossem Pragmatismus.

Warum sind Sie so zuversichtlich?

Mechelany: Unsere Arbeit besteht darin, ein Bedürfnis zu befriedigen, das immer grösser wird. Unsere Kunden wollen ihr Vermögen in einem sicheren, stabilen und hochprofessionellen Umfeld verwalten. Die Nachfrage explodiert regelrecht. Wir sind bereit.

Können Sie das verdeutlichen?

Mechelany: In allen Emerging Markets werden gegenwärtig neue Vermögen geschaffen, weil das allgemeine Wohlstandsniveau steigt. Nehmen wir China: Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf ist zwischen 2000 und 2010 von 1000 auf 4000 Dollar gestiegen und wird in den nächsten zehn Jahren auf 16000 Dollar steigen. Das ist eine phänomenale Entwicklung. Studien gehen davon aus, dass es in China zwischen 2015 und 2020 8 Mio High Net Worth Individuals geben wird. Das repräsentiert, konservativ mit 1 Mio Dollar Vermögen pro Kopf gerechnet, eine totale Summe von 8 Billionen Dollar. Die Schweiz verwaltet heute 5 Billionen Dollar. Rechnet man das Personal Banking dazu, also Vermögen zwischen 100000 und 1 Mio Dollar, kommt man für China auf weitere 10 Billionen Dollar. Jetzt verstehen Sie, warum ich so zuversichtlich bin. Dabei habe ich die Versicherungen und Pensionskassenvermögen noch gar nicht berücksichtigt. Wären wir nicht so positiv gestimmt, hätten wir unsere Bank sicher nicht im Dezember 2008 eröffnet, also just zu jenem Zeitpunkt, als die Finanz- und Bankenwelt mitten in einer ihrer schlimmsten Krisen überhaupt steckte.

Werden Sie demnächst Filialen in anderen Emerging Markets eröffnen?

Mechelany: Nein, das brauchen wir nicht. Wir sind hier in Genf, um Schweizer Private-Banking-Dienstleistungen anzubieten. Wenn jemand unsere Dienstleistungen will, kann er zu uns in die Schweiz kommen.

Wie gehen Sie mit dem Thema Steuerhinterziehung um?

Mechelany: Die Bank of China (Suisse) SA wurde gegründet, um erstklassige Qualität im Service und im Asset Management anzubieten, aber sicher nicht, um Steuern zu hinterziehen. Das ist ohnehin kein nachhaltiges Businessmodell. Stellen wir uns die Frage, warum das Bankgeheimnis geschaffen wurde: Um die Privatsphäre der Kunden zu schützen. Das ist ein grosses und legitimes Bedürfnis, in der heutigen Zeit erst recht.

Jetzt ist das Thema Steuerhinterziehung aber ein schweizerisches Problem.

Mechelany: Unser Bankmodell baut nicht auf der Steuerflucht. Die beste Antwort, die wir und die Schweizer Privatbanken meiner Meinung nach jetzt liefern können, ist, hervorragende Dienstleistungen anzubieten, gute Renditen zu erzielen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Schweiz hat hervorragende und intelligente Banker. Das stimmt mich für die Zukunft des Finanzplatzes sehr positiv.

Hat das Swiss Private Banking nach den Diskussionen und Angriffen aufs Bank- geheimnis noch eine Zukunft?

Mechelany: Das Private Banking entspricht einem echten Bedürfnis. Warum haben sich die Schweizer Banken in den letzten 250 Jahren ein derartiges Weltrenommee aufgebaut. Wegen der Steuerflucht? Nein. Es ist die politische Stabilität. Jeder Mensch auf diesem Planeten, der ein Vermögen besitzt, kommt mit einem Teil davon in die Schweiz, weil er weiss, dass in zwanzig, in fünfzig oder in hundert Jahren das Land noch dasselbe sein wird, die Banken ebenfalls, vielleicht mit einem anderen Namen. Das macht das Swiss Private Banking aus: Stabilität, Neutralität, das politische System und die Tatsache, nicht zur EU zu gehören. Wenn chinesische Kunden mit ihrem Vermögen in die Schweiz kommen, dann aus diesen Gründen. Diese Trümpfe darf die Schweiz nicht allzu leichtfertig aus der Hand geben.

Beabsichtigen Sie, die grösste Privatbank der Welt zu werden?

Mechelany: Die Bank of China hat das Ziel, einer der Leader im Private Banking in China zu werden, und stattet sich mit entsprechenden Mitteln aus.

Wer Leader in China ist, hat grosse Chancen, auch Leader in der Welt zu werden?

Mechelany: Vielleicht. Wir sind sehr zuversichtlich.

Was wollen Sie mit der Bank of China (Suisse) SA erreichen?

Mechelany: Wir sind noch eine junge Bank. Alles muss funktionieren, die Produkte müssen stimmen, auch unsere Fonds, und es wartet noch viel Arbeit auf uns. Wir wollen vor allem langfristig wachsen mit einer eigenen Identität und Kultur. Wir stellen auch fest, dass der Brand uns viele Türen öffnet.

Auch jene der alteingesessenen europäischen Unternehmerfamilien?

Mechelany: Selbstverständlich. Stellen Sie sich vor, Sie besitzen ein Unternehmen mit 20000 Mitarbeitern. Die kolossale Bankenkrise hat alle grossen westlichen Banken gezwungen, ihre Bilanzen zu reduzieren. Sie vergeben nun weniger Kredite. Sie sind Grossindustrieller und wissen, dass die Zukunftsmärkte in China liegen. Da kommen Sie an der Bank of China (Suisse) SA fast nicht vorbei.

Sie helfen also bei der Entwicklung jener Firmen in China.

Mechelany: Ja. Zum einen, weil wir in China verankert sind und die Finanzmärkte kennen. Zum anderen können wir Zugang zu den richtigen Regierungsstellen verschaffen. China ist mit den Wachstumszahlen der Markt der Zukunft. Dagegen kann man sich als Unternehmer einfach nicht verschliessen.

Wie nachhaltig ist das Wachstum in China?

Mechelany: Die letzten zwanzig Jahre waren für China durchwegs positiv, wenn man die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen betrachtet. Aus dem einstigen Armenhaus ist heute ein Weltmarktführer in verschiedenen Branchen entstanden: Mobile Telefonie, Computer, Eisenbahn, Hochbau und so weiter. Das sind die Fakten. Wir haben auf der einen Seite die grössten Volkswirtschaften der Welt, die USA, Europa und Japan, die jährlich rund 1% wachsen. Auf der anderen Seite ist China, Mitte dieses Jahres bereits die Nummer drei, die jährlich mit mindestens 10% wächst. Der Zunahme des Konsums liegt bei 17%, in den USA bei 1,5%.

Das könnten aber auch Anzeichen für eine Überhitzung sein?

Mechelany: Sie können ein China-Skeptiker sein und davon ausgehen, dass die Blase platzt. Die Bevölkerung ist aber da, der Drang nach Konsum immens. Diese Tatsachen kann heute niemand mehr ignorieren.