Der Preis für ein Barrel Rohöl schnellte gestern an der New Yorker Börse bis auf 130 Dollar hoch. Und verzeichnete mit einer Zunahme von 25 Dollar einen rekordverdächtigen Tagesanstieg. Angesichts der staatlichen Hilfsmassnahmen für den US-Finanzsektor erwarten Analysten eine Rally am Rohstoffmarkt. Ihr Kalkül: Das 100 Mrd Dollar schwere Paket zum Aufkauf fauler Hypothekenanleihen dürfte die amerikanische Konjunktur stabilisieren und damit die Nachfrage nach Rohstoffen ankurbeln. Die jüngste Talfahrt bei den Preisen für Öl, Metalle und andere Industriegrundstoffe wird nach Ansicht von Marktbeobachtern wie Goldman Sachs damit ein Ende finden.

Als US-Finanzminister Henry Paulson am Freitag die Rettungspläne für die Finanzbranche ankündigte, legte der Rohstoffindex von Standard & Poors und Goldman Sachs rund 4% zu. Nachdem Washington am Wochenende die Details des Hilfspakets bekannt gab, legte der Index weitere 2% zu. Der Ölpreis schnellte innerhalb von zwei Handelstagen mehr als 9% in die Höhe. Kupfer wurde mehr als 6% teurer.

«Die Regierung hat das Ende der Probleme eingeläutet, und das wird am Rohstoffmarkt zu einer deutlichen Erholung führen», erwartet Michael Pento, Marktstratege bei der Vermögensberatung Delta Global Advisors: «Vor sechs Wochen hätte ich es für klug gehalten, Rohstoffe zu verkaufen. Nun empfiehlt es sich zu kaufen – und ich investiere gerade kräftig.»

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Goldman Sachs hatte den Rohstoffmarkt vergangene Woche als «überverkauft» bezeichnet. Der Bullentrend für die Energie- und Rohstoffkonzerne sei bei weitem nicht zu Ende. Die Versorgungsengpässe, die zu den Preisanstiegen der vergangenen Jahre geführt haben, bestünden noch immer. Das Barrel Rohöl kostete zum Wochenstart rund 107 Dollar. Es war damit 17 % teurer als beim Tief Mitte des Monats, aber noch immer 26 % billiger als beim Preisrekord im Juli.

Der Plan von Paulson und der US-Notenbank sieht vor, den amerikanischen Banken «faule» Hypothekenkredite im Volumen von 700 Mrd Dollar abzukaufen und damit deren Bilanzen zu stützen. Um den Finanzmarkt zu stabilisieren, hatten die USA zuvor bereits Leerverkäufe zahlreicher Finanzdienstleister untersagt. Der Versicherungsriese AIG wurde verstaatlicht, um eine Insolvenz abzuwenden. Die Hypothekenfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae wurden von der US-Regierung schon zuvor unter staatliche Aufsicht gestellt.

«Wahrscheinlich wird sich die US-Konjunktur nun im 4. Quartal oder im Frühjahr 2009 erholen», sagt Michael Aronstein, Präsident des Vermögensverwalters Marketfield Asset Management. Er hatte im Juni korrekt vorhergesehen, dass die Hausse am Rohstoffmarkt enden und einer Talfahrt weichen würde. Aronstein erwartet, dass die Preise vieler Rohstoffe in den kommenden Monaten wieder zulegen werden. Ein Ende der Krise sei allerdings trotz des Rettungsplans nicht in Sicht. Es mangele weiterhin an Liquidität und in den Schwellenländern gebe es noch immer strukturelle Probleme.