Die Karten in der Chemie­branche werden 2016 neu gemischt. Stimmen die Aufsichtsbehörden der Fusion zwischen Dow Chemical und Dupont – der grössten ihrer Art in der Geschichte der Chemieindustrie – zu, entstünde nicht ein neuer Riese, sondern gleich drei neue Gesellschaften, die in ­ihren jeweiligen Geschäftsfeldern zu den Umsatzstärksten zählen werden. Denn die beiden Konzerne – die entlang der gesamten Produktionskette vom Öl bis zu spe­zialisierten Endprodukten aktiv sind – wollen ihr Portfolio neu strukturieren und mit je einem Unternehmen für margenschwache Basischemikalien, einem für Spezialchemikalien und einem für die lukrative Agrarchemie am Markt reüssieren.

Sollten die gewünschten Synergien greifen, dürften die kosteneffizienten Neulinge den Rest der Branche gehörig unter Druck setzen. «Wir werden noch einiges an Konsolidierung sehen», sagt Chemie-Analyst Dan Scott von Credit Suisse. «Die Nach­frage aus den Schwellenländern bleibt schwach, und aus den Industrieländern kommen nur wenige Impulse.»

Syngenta unter Druck

Um die Margen zu verbessern, versuchen viele Firmen die Kosten zu senken. Fusionen, die Synergien bringen, sind da ein beliebtes Mittel. Das sollte Schwung in die Branchenaktien bringen, gerade weil an den ­internationalen Börsen eine Vielzahl von kleinen bis mittelgrossen Anbietern, sprich Übernahmekandidaten, kotiert sind. So bieten auch die Kurszettel in der Schweiz eine spannende Auswahl.

Anzeige

Die Dow/Dupont-Ini­tiative wird zunächst das Agrobusiness aufmischen. Die daraus ent­stehenden Unternehmen vereinigen Top-Positionen bei Saatgut und Pflanzenschutzmitteln in einem und fordern damit die Basler Syngenta, den Marktführer beim Insektenschutz. «Syngenta gerät mit der Fusion stark unter Druck. Und die Zahl möglicher Optionen nimmt ab», sagt Analyst Philipp Lienhardt von Julius Bär.

Schwierige Alleingang

Management und Verwaltungsrat der Basler überlegen derzeit offenbar intensiv, wie die Syngenta-Zukunft aussehen könnte, nachdem sie im vergangenen Herbst das Angebot zur Übernahme durch Monsanto abgelehnt haben. Nun kann das wieder auf den Tisch kommen, weil sich auch der US-Saatgutriese zum Handeln genötigt sehen könnte.

Der proklamierte Alleingang Syngentas jedenfalls werde angesichts der Konkurrenz schwierig, so Lienhardt. Und auch mögliche sinnvolle Akquisitionsziele gebe es für die Basler kaum. Zwar gilt der Agrarmarkt als zentrales Zukunftsgeschäft der Chemie, weil anhaltendes Bevölkerungswachstum und steigender Wohlstand eine hoch effiziente Lebensmittelproduktion notwendig machen, die auf chemische Unterstützung angewiesen ist. Doch aktuell drücken die niedrigen Verkaufspreise für Agrarrohstoffe die Bereitschaft vieler Landwirte, sich solche Helfer fürs Feld zu kaufen. Damit sind ausser möglichen ­Akquisitionsphantasien die Perspektiven für die Aktie der Syngenta eher durchwachsen.

Givaudan mit starker Position

Besser sieht es da aus bei Firmen, die sich auf Spezialchemikalien fokussieren. Sie profitieren anders als Basis- oder Agrochemie von den billigen Energiepreisen. Zwar sind Erdöl und Erdgas für die gesamte Chemieindustrie die wichtigsten Rohstoffe. Denn daraus wird das Gros aller Produkte hergestellt. Grundsätzlich gilt aber: Je spezialisierter ein Unternehmen ist, desto eher kann es die Kostenvor­teile aus günstigem Erdöl auch in der Kasse klingeln lassen.

Das trifft etwa auf den Geschmacks- und Geruchsstoffspezialisten Givaudan zu. Zum einen ist die Konkurrenz in diesem Nischenmarkt überschaubar, zum anderen sind die chemischen Zusätze extrem wichtig für den Erfolg der End­produkte, obwohl sie kaum mehr als 2 Prozent des Preises ausmachen. Entsprechend margenstark präsentierte sich die Givaudan-Aktie in den letzten Quartalen.

Anzeige

Clariant als Ziel

Obwohl die Aktie relativ teuer ist, könnten grosse Chemiekonzerne nicht abgeneigt sein, einen soliden Gewinnbringer zu ­integrieren. Zukäufe bleiben in einem stagnierenden Gesamtmarkt eine der wenigen Optionen, überhaupt noch zu wachsen – zumal Kapital immer noch billig zu beschaffen ist und viele Unternehmen auf vollen Kassen sitzen.

 Deshalb gilt auch Cla­riant als Übernahmeziel. Der einst mässig ­profitable Chemie-Mischkonzern aus Muttenz hat sich zunehmend auf margenstarke Spezialgeschäfte konzentriert und Verlustbringer abgestossen. Zuletzt wurde das Plastik- und Beschichtungsgeschäft in eine Tochter ausgegliedert.

Interesse aus Deutschland

Für die Analysten der Berenberg-Bank gehört die Firma mit der Fokussierung auf Körperpflege, Agrochemie und Katalysatoren zu den europäischen Anbietern mit dem grössten Wachstumspotenzial der nächsten Jahre. Das macht ihn für Mitbewerber interessant.

Anzeige

Der deutschen Evonik wird Interesse nachgesagt. Bisher hat das Management aber eine Übernahme ausgeschlossen und will aus eigener Kraft wachsen.

Konsolidierung in Gurits Umfeld

Die globale Investmentgesellschaft des Münchener Versicherers Allianz erwartet im Zuge des Dow-Dupont-Deals künftig Zusammenschlüsse unter Kunststoffherstellern. Am Markt ist die Zahl von Produzenten solch spe­zialisierter Polymere gross. Dazu zählt Gurit.

Die ­Gesellschaft aus Wattwil profitiert als Rotorblattbauer vom Wachstum der Windenergie. Daneben ist Gurit im margenstarken Boots­geschäft und als Zulieferer der Autobauer erfolgreich. Der Umsatz dürfte 2015 trotz starkem Franken kräftig angestiegen sein. Mit einer Marktkapitalisierung von 230 Millionen Franken ist Gurit ein kleiner Schweizer Chemiewert. Die Aktien sind breit gestreut.

Anzeige

Attraktive Ems-Chemie

Ebenfalls attraktiv ist die Ems-Chemie, ein Spezialist für Bauteile aus leichtem Kunststoff. Mit solchen Produkten können Autobauer Stahl bei gleich bleibender Stabilität er­setzen. Das reduzierte Gewicht verringert Spritverbrauch und Schadstoffausstoss. Experten erwarten, dass Hochleistungskunststoffe langfristig immer mehr Metall ersetzen werden. Für Übernahmen ist die Ems-Chemie wohl kein Kandidat, auch weil mehr als 55 Prozent der Anteile in Familienbesitz liegen.

Auch der Schweizer Bauchemiespezialist Sika kann sich über eine starke Nachfrage freuen. Insbesondere das Geschäft in Nordamerika lief zuletzt glänzend. Der Gewinn konnte konzernweit gesteigert werden. Sika bietet ein breites Portfolio von Gebäudekomponenten an und ist damit angesichts anhaltender weltweiter Urbanisierung für die Zukunft gut aufgestellt. Die Aktie steht aber vor ­allem unter dem Einfluss des seit einem Jahr schwelenden Streits um eine vom Management abgelehnte Übernahme von Sika durch Saint-Gobain. Dessen Ausgang ist mittelfristig entscheidend für die weitere Richtung der Kurse.

Anzeige