Auf dem langen Weg zur Globalisierung wurden internationale Grenzen und Handelsschranken abgeschafft. Der Kommunismus fiel. Protektionistische Mauern in Lateinamerika und anderen Regionen wurden abgebaut, Regierungen, die sich lange Zeit gern in den Handel einmischten, wurden von den Kräften des Marktes in die zweite Reihe verbannt.

«Die Welt ist flach», schrieb «New York Times»-Kolumnist Thomas Friedman in seinem gleichnamigen Bestseller im Jahr 2005. Das Internet und andere weltumspannende Technologien höben die nationalen Grenzen auf. Doch damit ist es vorbei. Die globale Wirtschaft scheint in eine neue Phase zu treten, in der Regierungen wieder ihren Einfluss auf das Leben von Individuen und ihre Geschäftsbeziehungen geltend machen wollen. Einmal mehr werden Grenzen errichtet – ein neuer Nationalismus beginnt.

Balkanisierung des Internets

Im Web, Inbegriff grenzenloser Weite, entstehen neue, nationale Grenzen. Das Internet wurde so aufgebaut, dass Regierungen keinen Einfluss darauf nehmen können, und die Macht lag bei einzelnen Personen oder privaten Organisationen. Jetzt, unter dem Druck von Russland, China, Indien und Saudi-Arabien, muss die US-Gesellschaft, die Internetadressen zuteilt, für einzelne Länder deren eigene Schrift einsetzen. Die gewohnten Endungen.org, .com und Ländercodes in Webadressen werden durch ihre Pendants in Chinesisch, Hindi und vielen anderen Sprachen ersetzt. «Wir erleben eine Balkanisierung des Internets. Es wird zu einer Serie nationaler Netze», sagt Tim Wu, Juraprofessor an der Columbia University.

Anzeige

Wachsender Petro-Nationalismus hat Royal Dutch Shell dazu bewogen, die Szenarien zu verändern, die ihre Fachleute zur Planung der weiteren Strategie entwerfen. Seit dem Beginn der Ölpreissteigerung im Jahr 2004 haben Russland, Venezuela, Bolivien und Ecuador ihre in ausländischem Besitz befindlichen Ölfelder nationalisiert. Fast 80% der Weltölvorräte stehen unter der Kontrolle von Staatsunternehmen (siehe Seite 45). Angesichts des grossen Einflusses staatlicher Ölunternehmen investiert Shell in unkonventionelle Ölquellen, bei denen die Gefahr einer Zwangsenteignung eher gering ist.

Einige der grössten neuen Investoren weltweit sind staatliche Investmentfonds. Die Staatsfonds verfügen insgesamt über Vermögenswerte von 3 Billionen Dollar und haben damit jüngst Anteile an Citigroup, Merrill Lynch und anderen angeschlagenen Wall-Street-Firmen erworben.

Doch jetzt errichten viele Staatsregierungen Hürden für derartige ausländische Investitionen. Die USA, Kanada, Deutschland, Frankreich, Japan, Südkorea, Australien, Ungarn und Griechenland schlagen Beschränkungen für Investitionen durch ausländische Staatsunternehmen vor oder haben sie bereits eingeführt, wie in einer in Kürze erscheinenden Studie des Council for Foreign Relations zu lesen ist.

Der neue Nationalismus könnte längere Zeit spürbar werden, glaubt Michael Klein, Chefökonom der zur Weltbank-Gruppe gehörenden International Finance Corp. Durch unterschiedliche nationale Interessen könnten sich die Länder weiter voneinander entfernen, was gemeinsame globale Aktionen erschweren würde, sagt Klein. «Wir gehen von mehreren Jahrzehnten aus!»