Die lockere Geldpolitik der Notenbanken sorgt für Euphorie an den Börsen. Laut Jan Amrit Poser, Chefökonom und Leiter Research der Bank Sarasin, dürfte das Feuerwerk nicht mehr lange anhalten.

Die Aktienkurse erklimmen Rekordhöhen. Wie stark ist das durch die lockere Geldpolitik der Zentralbanken getrieben?
Jan Amrit Poser: Die Geldpolitik ist das letzte verbleibende Mittel der Zentralbanken, um die Konjunktur anzutreiben. Denn die damit einhergehenden tiefen Zinsen helfen den Staaten beim Schuldenabbau. Dieses Vorgehen muss noch lange erhalten bleiben, um die Verschuldung zu reduzieren. Die Politik der ­Notenbanken löst eine Jagd nach Rendite aus. Alles, was noch Performance bringt, wie etwa Dividendenaktien oder hochverzinsliche Obligationen, profitiert.

Die Schweizerische Nationalbank nimmt zu ihrer Geldpolitik Stellung. Am meisten interessiert die Franken-Untergrenze von 1.20 je Euro. Wie sehen Sie dort die Entwicklung?
Nach unseren Analysen bräuchte die Schweizer Konjunktur einen Wechselkurs von mindestens 1.25. So liessen sich die negativen Effekte des global schwachen Wirtschaftswachstums lindern. Das Risiko wäre aber zu gross, da der Franken noch immer ein sicherer Hafen ist. Ohne Intervention der Nationalbank dürfte der Euro-Franken-Kurs bei 1.15 stehen. Der Wechselkurs wird wohl bei 1.20 belassen.

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Beobachter fürchten, dass das jüngst den Banken verordnete zusätzliche ­­Eigenkapital für Hypothekarkredite nicht wirken wird. Muss die Nationalbank nachlegen?
Die Nationalbank hofft damit eine anhaltende Verhaltensänderung zu bewirken. Sie wird abwarten, wie sich die Lage entwickelt, und erst dann nachlegen. Das wird noch einige Zeit dauern. Eine Erhöhung des Puffers wird daher wohl erst gegen Ende des Jahres anstehen.

Was erwarten Sie vom EU-Gipfel, welcher diesen Tagen stattfindet?
Die Euro-Krise hat sich vorerst ­gelegt. Dadurch besteht die Gefahr, dass die Spar- und Reformpläne aufgeweicht ­werden. Gerade Frankreich macht sich für eine Lockerung der Massnahmen stark. Die Niederlande könnten Schützenhilfe leisten, zudem steht Italien ­derzeit ohne Regierung da. Es wäre kein gutes Zeichen für die Finanzmärkte, wenn die Reformpläne tatsächlich abgeschwächt würden.

Setzt das Vergessen schon ein?
Die Möglichkeit besteht, dass die Lage unterschätzt und die Zügel zu früh gelockert werden. Spätestens wenn sich die Konjunktur abschwächt, was ­unserer Ansicht nach Ende des Jahres der Fall sein wird, würde sich das bitter ­rächen.

Positive Signale gab es aus den USA. Dort entwickeln sich die Beschäftigungszahlen erfreulich. Die Aktienmärkte reagierten verhalten. Weshalb?
Ben Bernanke, der Präsident der amerikanischen Notenbank, machte deutlich, dass er nicht auf jede Veränderung der Beschäftigungszahlen reagiert. Auch die Verschuldungssituation der USA spielt eine Rolle. Das Land wird in den nächsten Jahren dramatisch sparen ­müssen. Die Geldpolitik ist das letzte Mittel,dies zu kompensieren.

Wie meinen Sie das?
Langfristige Prognosen sind ­gefährlich. Aber wenn ein Staat bis 2020 rund 10 Prozent des Brutto­inland­produkts einsparen muss, dann bleibt kein anderes Mittel als anhaltend tiefe Zinsen.

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Was bedeutet das für Investoren?
Dies ist kein zyklischer Aufschwung an den Börsen, sondern ein durch die Ausweitung der Geldmenge ­getriebener Anstieg der Finanzmärkte. Die Jagd nach Rendite wird anhalten. ­Davon profitieren vor allem Schwellenländeranleihen, hochverzinsliche ­Obligationen oder Dividendenaktien.

Wie lange hält dieser Anstieg noch an?
Wir erwarten einen strukturellen Aufwärtstrend. Kurzfristig kann es aber wieder heftige Rückschläge geben. Uns macht die sehr optimistische Stimmung an den Märkten zunehmend nervös. Noch ist kein Grund für Alarm. Aber wir werden bald dazu raten, die Aktienquote zu reduzieren. Bis zum Jahresende ­werden wir tiefere Kursniveaus sehen.