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Geldpolitik
Die politische Unsicherheit kehrt nach Japan zurück

Shinzo Abe
Shinzo Abe: Ein Rücktritt des Premiers würde auch seine Geld- und Wirtschaftspolitik in Frage stellen. Quelle: Keystone .

Japans Regierungspartei ist unbeliebt wie nie zuvor. Grund dafür sind politische Skandale.

Von Andrew Wilson
am 16.06.2018

Im Falle eines Rücktritts würde Abe den gleichen Weg wie Nobusuke Kishi, sein Grossvater mütterlicherseits, gehen. Kishi legte auf öffentlichen Druck 1960 das Amt des Ministerpräsidenten nieder. Während die öffentliche Unterstützung für den Premier zwei Generationen später erneut schwindet, ist es Abes Rivalen bisher nicht gelungen, seine Schwäche zu ihren Gunsten zu nutzen.

Da Abe keinen ernstzunehmenden Gegner zu fürchten hat, scheinen Gerüchte über einen Rücktritt in diesem Sommer zu hoch gegriffen. Obwohl wir nicht erwarten, dass er sein Amt niederlegen wird, scheint es angebracht, dieses Szenario einmal durchzuspielen. Schliesslich wären die Auswirkungen eines solchen Ereignisses auf die Märkte, die globale Wirtschaft und die weltweite Geldpolitik nicht zu vernachlässigen. Was könnte also passieren?

Viele Wähler der Regierungspartei sind ältere Japaner 

Mit Abes Abdanken würde seine extrem lockere Geldpolitik, die Abenomics, in Frage gestellt werden. Die Reaktion der Märkte wäre zunächst negativ. Transaktionen, die mit der Einführung der Abenomics auf den Weg gebrachte wurden, würden aufgelöst. Am wahrscheinlichsten wäre zudem, dass die Aktienmärkte stark nach unten korrigieren und der Yen aufwertet. Ein Nachfolger Abes könnte das derzeitige Mandat der japanischen Zentralbank überdenken - zumal ein grosser Teil seiner Partei nicht hinter der extrem lockeren Geldpolitik steht.

Viele Wähler der Regierungspartei sind ältere Japaner. Sie beziehen feste Renten und sind nicht daran interessiert, dass die Zinsen niedrig bleiben und die Inflation anzieht. Aus Sicht vieler internationaler Beobachter ist es allerdings nur schwer vorstellbar, dass ein so einflussreicher Entscheidungsträger abgesetzt wird. Die Befürworter der Politik, die auf den «drei Pfeilern» expansive Geldpolitik, Konjunkturprogramme und umfassende Strukturreformen beruht, versetzt die Aussicht auf eine dritte Amtszeit des erfolgreichsten Politikers Japans gar in Hochstimmung.

Bank of Japan agiert relativ ungestört im Vergleich zu anderen Zentralbanken

In den vergangenen fünf Jahren hat Abe seinen geldpolitischen Kurs mehrfach bestätigt. Unter anderem vereinbarte er mit der Bank of Japan ein öffentliches Inflationsziel von 2 Prozent und ernannte den für seinen reflationären Kurs bekannten Haruhiko Kuroda zum Zentralbankchef. Durch diese uneingeschränkte politische Unterstützung kann die Bank of Japan ungestörter agieren als jede andere Zentralbank innerhalb der Industrieländer. Konsequenterweise wurden umfassende quantitative und qualitative Lockerungsmaßnahmen und negative Zinsen eingeführt.
 
Die US-Notenbank und die britische Zentralbank hingegen hatten für ihre geldpolitischen Programme mit politischem Gegenwind zu kämpfen. In den USA sahen führende Republikaner die Geldpolitik der Fed seit der letzten Finanzkrise skeptisch. Die Bank of England wurde von den Brexit-Befürwortern für ihr Lockerungspaket nach dem EU-Referendum kritisiert. Einerseits hat Japan seine Zielvorgabe für eine Kerninflation von 2 Prozent noch immer nicht erreicht. Andererseits ist die Tendenz aber grundlegend anders als im sogenannten «verlorenen Jahrzehnt», in dem die japanische Wirtschaft unter einer hartnäckigen Deflation litt.

Die Arbeitslosigkeit liegt nahe einem Rekordtief

Die japanische Realwirtschaft präsentiert sich derzeit in gesunder Verfassung und das ist teilweise der konsequent lockeren Geldpolitik zu verdanken: Die Arbeitslosigkeit liegt nahe einem Rekordtief, das Bruttoinlandsprodukt wächst solide und die Industrieproduktion floriert. Der politische Rückenwind für die lockere Geldpolitik hat Innovationen gefördert und es der Bank of Japan ermöglicht, ihr Arsenal an geldpolitischen Massnahmen zu vergrössern. Ein Paradebeispiel dafür ist die Kontrolle der Zinskurve, was zu einem Vorbild für moderne Zentralbankpolitik werden könnte.
 
Durch eine gesteuerte Zinskurve ist es der Bank of Japan gelungen, die Finanzen des Landes zu regulieren und gleichzeitig die Wirkung ihres Anleihekaufprogramms nachhaltiger aufzustellen. Die Zentralbank fokussierte sich mehr auf die Zinssteuerung als auf Anleihekäufe, wodurch sie ihre lockere Geldpolitik aufrechterhalten und Schulden weiter abbauen konnte. Im sich unterschiedlich schnell entwickelnden Europa hingegen scheint ein koordinierter geld- und fiskalpolitischer Ansatz nicht durchsetzbar. Bei anderen Zentralbanken der Industrieländer könnte dies zunehmend wahrscheinlicher werden, vor allem bei einem unerwarteten weltweiten Konjunktureinbruch.

Die Leitzinsen liegen auf Rekordtief

Die Leitzinsen der Kernmärkte liegen weiterhin auf Rekordtief, ja sogar im negativen Bereich, und werden wohl nur allmählich ansteigen. Sollte es in den kommenden Jahren zu einem Wachstumsschock kommen, bliebe den politischen Entscheidungsträgern nur wenig Spielraum für noch niedrigere Zinsen. Daher ist es denkbar, dass auch ausserhalb Japans weitere Zentralbanken ergänzende, unkonventionelle Massnahmen berücksichtigen könnten. Selbst wenn wir nicht von einem Wachstumseinbruch ausgehen, könnte die Kontrolle der Zinskurve vermehrt in den Fokus der weltweiten Notenbanken rücken. Das gilt speziell für jene Institute, die nach sicheren Ausstiegsmöglichkeiten aus ihren quantitativen Lockerungsprogrammen suchen.
 
In Europa ist die quantitative Lockerung bekanntlich ein heikles Thema. Die Gläubigerstaaten kritisieren, dass die EZB die Schuldnerrisiken auf sich nimmt. Wenn die Notenbank das derzeit starke Wachstum als Ausstiegszeitpunkt nutzt, dürfte im Euroraum der ein oder andere fragile Bereich sichtbar werden. Wir sind überzeugt, dass sich die Spekulationen über einen Rücktritt Abes nicht bewahrheiten werden. Wie auch immer seine politische Zukunft aussehen mag: Die Abenomics und die damit verbundenen geldpolitischen Innovationen werden fortbestehen. Andere Zentralbanken, einschliesslich  Bank of England, Europäische Zentralbank und Fed, könnten früher oder später gezwungen sein, sich ein Beispiel an der japanischen Geldpolitik zu nehmen.

Andrew Wilson, CEO für EMEA und Co-Head des Global Fixed Income und Liquidity Management Teams bei Goldman Sachs Asset Management.

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