Nicht mehr «Zeit ist Geld», sondern «Strecke ist Geld» könnte das neue Schlagwort in der US-Industrie lauten – kein Wunder also, dass einige Hersteller erwägen, die Produktion wieder stärker ins Inland zu verlagern.

«Unsere Kosten für den Transport eines Containers aus China in die USA steigen ständig, und ein Ende ist nicht abzusehen», berichtet Claude Hayes, Präsident von DESA. Seit Jahresbeginn seien sie um rund 15% auf 5300 Dollar gestiegen, und bis Ende Juli 2008 könnten es sogar 5600 Dollar werden. Der Produzent von Heissluftgeneratoren holte vor kurzem den Grossteil seiner Produktion zurück nach Kentucky.

Drei Jahrzehnte lang wurden Betriebe aus den USA in Billiglohnländer ausgelagert und heimische Arbeiter entlassen. Doch seit dem Jahr 2000 haben sich die Kosten für den Transport eines Standardcontainers aus Asien in die amerikanischen Ostküstenhäfen verdreifacht. Und mit den steigenden Rohölpreisen wird eine erneute Verdoppelung der Kosten kommen, erwartet Jeff Rubin, Chefökonom bei CIBC World Markets in Toronto. Er schätzt, dass mit einer jeweils 10% längeren Transportstrecke die Energiekosten um 4,5% steigen. Auch die Produktion in China hat sich verteuert: Arbeiter fordern höhere Löhne, die Regierung setzt strengere ökologische und andere Kontrollen durch, und Chinas Währung hat gegenüber dem Dollar aufgewertet. «Ich denke, ein guter Teil der Produktion könnte in den kommenden fünf Jahren in die USA zurückkehren», sagt Edward Zaninelli von Orient Overseas Container Lines, «allerdings nicht wegen der hohen Transportkosten, sondern weil die Produktionskosten steigen und Unternehmen inzwischen gemerkt haben, dass sie mehr Kontrollmöglichkeiten haben, wenn die Produktion in der Nähe stattfindet.»

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Mit einer Rückkehr sind jedoch nicht alle Probleme gelöst, denn im Inland müssen die Hersteller mit saftigen Transportaufschlägen bei Lkw und Zug rechnen. Das ohnehin chronisch überlastete Verkehrssystem könnte mit einer plötzlichen grossen Zunahme der Transporte von Rohmaterial und Zubehör überfordert sein.

Infrastruktur ist ausschlaggebend

Für manche Bereiche, beispielsweise die Elektroindustrie, hat auch die Tatsache, dass viele Betriebe in Asien auf engem Raum angesiedelt sind, Vorteile. Die Zahl der Arbeitsplätze, die mit einer Änderung der Produktionsstrategie in die USA zurückkehren könnten, hängt auch davon ab, wie viel von der nötigen Infrastruktur in den Staaten noch vorhanden ist. Im Bereich Herstellung sind in diesem Jahr bisher 41000 Stellen verloren gegangen – fast doppelt so viele wie im Vorjahr –, nicht zuletzt aufgrund der Immobilienkrise, die sich auch auf die Automobil- und die Baubranche ausgewirkt hat. Das bedeutet auch, dass jedem Arbeitsplatz, der in die USA zurückverlagert wird, mehr als ein verlorener heimischer Arbeitsplatz gegenübersteht.