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Die Risiken für den Bullenmarkt

382055 03: A bronze sculpture of a bull is displayed on Broadway in the financial district November 14, 2000 in New York City. The sculpture began as a practical joke by Italian sculptor Arturo di Modica, who originally placed it in front of the New York Stock Exchange building in the middle of the night. The NYSE promptly removed the bull and eventually placed it on Broadway. (Photo by Chris Hondros/Newsmakers)
Wie lange der Bullenmarkt noch anhält, kann keiner sagen. Quelle: Getty Images / Chris Hondros

Der jüngste Einbruch der Aktienmärkte sorgt für Verunsicherung. Steht ein langjähriger Bärenmarkt bevor oder war dies der Anfang zum neuen Allzeithoch?

Von Christos Maloussis*
am 18.10.2018

Anfang Oktober erreichte der Dow Jones Industrial Index ein neues Allzeithoch. Nach einer desaströsen letzten Handelswoche fiel der US-amerikanische Bluechip Index in der Spitze jedoch um mehr als 2.000 Punkte oder knapp 8 Prozent. Zwischenzeitlich konnte der Dow Jones etwa die Hälfte dieser Verluste bereits wieder aufholen. Ist der Markt grossen Schwankungen ausgesetzt, bleibt eine Konstante – die grosse Verunsicherung im Markt.

Ein Bärenmarkt ist statistisch überfällig

Seit dem Jahr 1900 gab es insgesamt 34 Bärenmärkte. Phasen, in denen der Dow Jones in einer Zeitperiode länger als zwei Monate um mehr als 20 Prozent einbrach. Den letzten Bärenmarkt gab es gemäss dieser Definition in der Zeit während der Finanzkrise von 2007 bis 2009. Seither befindet sich der Dow Jones in einem stetigen Bullenmarkt, der bereits seit mehr als neun Jahren anhält. Statistisch gesehen, ist ein Bärenmarkt also längst überfällig. Lediglich Korrekturen jedoch nicht der Beginn eines Abwärtstrends waren die Kursrückgänge wie der chinesische Aktienmarkt Crash 2015, der Kursrückgang Anfang 2018 oder der Rücksetzer der letzten Handelswoche. Marktteilnehmer nutzen diese Korrekturphasen, um sich neu im Aktienmarkt zu positionieren und schicken die Indizes damit auf immer neue Höchststände. Warum diese Tendenz weiter anhält, lässt sich mit den verschiedenen Phasen eines Bärenmarkts erklären.

Konjunkturzahlen und Unternehmensergebnisse entlasten

Während Investoren in Phase 1 nach dem Erreichen eines Allzeit- oder Zwischenhochs ihre Gewinne mitnehmen, setzt in Phase 2 eine verstärkte Verkaufswelle ein. In Phase 2 kommt es zu einem rapiden Preisverfall, der von schwachen Unternehmensgewinnen und sinkender Konjunkturdaten begleitet wird. Genau in Letzterem liegt derzeit die Unterstützung im Markt. Schauen wir uns die Konjunkturdaten der USA an. Die Arbeitslosenquote ist mit 3.70 Prozent so tief wie seit 1969 nicht mehr. Die Stundenlöhne steigen moderat aber stetig. Die Industrieproduktion wuchs im letzten Jahr um durchschnittlich 0.45 Prozent pro Monat. Die Hauspreise sind über ihre Spitzenwerte von vor der Finanzkrise gestiegen. Und selbst die Kerninflationsrate liegt mit 2.2 Prozent nur knapp über der Zielrate der US-Zentralbank von 2.0 Prozent. Gleichzeitig schaffen es die US-Unternehmen die Analystenschätzungen mit den Quartalsergebnissen regelmässig zu übertreffen und lassen entsprechend keinen Spielraum für den Übergang in einen Bärenmarkt. Erst wenn diese unterstützendenden Faktoren wegbrechen, könnte Phase 3 des Bärenmarktes einsetzen. Zunächst würde eine Erholung einsetzen. Spekulanten würden beginnen, den Markt in der Annahme zu kaufen, dass es sich nicht um eine Trendumkehr, sondern lediglich um eine Korrektur handelt. Der Markt würde sich damit kurzfristig bei steigendem Volumen erholen. Jedoch würde in der vierten und letzten Phase im Markt ein stetig anhaltender Abgabedruck einsetzen, welcher zur Trendumkehr führt.

So überrascht es nicht, dass die Nervosität im Markt weiterhin spürbar ist. Grund zur Sorge bieten derzeit mehrere Risikofaktoren.

Inflationsdruck und Zinsängste in den USA

Mit der historisch niedrigen Arbeitslosenquote in den USA, wächst gleichzeitig die Gefahr von deutlich stärker steigenden Löhnen. Dies dürfte die Kerninflation schneller und höher steigen lassen als erwünscht. Und die US-Zentralbank könnte mit weiter steigenden Zinsen reagieren. Die Folge daraus wäre eine Kapitalumschichtung vom Aktien- in den Rentenmarkt. Gleichzeitig würde der Aufwertungsdruck im US-Dollar weiter zunehmen und die exportorientierten Unternehmen belasten. Betrachtet man diese Faktoren in Zusammenhang mit einem kurzfristig stark fallenden Markt, wären die Kriterien der Phase 2 des Bärenmarkts erfüllt.

Trump spielt handelspolitisch mit dem Feuer

Für Verunsicherung hat in der vergangenen Woche insbesondere der Handelsstreit zwischen den USA und China gesorgt. Die zwei grössten Volkswirtschaften der Welt haben sich in den letzten Monaten mit Strafzöllen beim gegenseitigen Handel überhäuft. Nun kommen die ersten Anzeichen aus China, dass das Wirtschaftswachstum eine Delle nehmen könnte. Jüngste Äusserungen von Vertretern der chinesischen Zentralbank und der Zentralregierung, dass Massnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft ergriffen würden, sorgen für Verunsicherung im Markt. Fällt der Motor des globalen Wachstums aus, dürfte das auch andere Länder betreffen.

Instabile Situation bei den Emerging Markets

Die Spirale weiter nach unten antreiben dürfte bei einem weiter steigenden US-Dollar auch der rapide Währungsverfall bei Emerging Markets wie der Türkei, Indonesien und Südafrika. Der starke US-Dollar würde den Schuldendienst von Fremdwährungsanleihen (meistens in US-Dollar denominiert) deutlich verteuern und Spekulanten könnten gezielt auf die Pleite dieser und weiterer Emerging Markets setzen.

Europa weiterhin im Krisenmodus

Die europäische Situation mit dem schwelenden Brexit, der italienischen Schuldenkrise sowie des politisch angeschlagenen Deutschlands liess den DAX in den vergangenen Monaten gegenüber den US-Aktienmärkten deutlich schlechter abschneiden. Die anhaltende Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank lässt den Finanzmarkt in Europa angeschlagen erscheinen. Sie bleibt jedoch notwendig, um die schwierige Finanzlage von Italien aber auch von Frankreich und Spanien unter Kontrolle zu halten.

Der (streitbar) längste Bullenmarkt der Börsenhistorie (1987 bis 2000) endete in einem nahezu 3-jährigen Bärenmarkt. Der Aktienmarkt halbierte sich. Nächstes Jahr wird der aktuelle Bullenmarkt ein Jahrzehnt komplettieren. Wie lange der Bullenmarkt noch anhält, kann keiner sagen. Dass dem Bullenmarkt ein Bärenmarkt folgen wird, steht jedoch ausser Frage. Die Risiken steigen.

*Christos Maloussis ist Market Analyst und Premium Client Manager bei der IG Bank.

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