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Börseninterview
«Die Rückkoppelung wird die Märkte in Atem halten»

Wall Street
Händler an der Wall Street: Volatilität legt zu. Quelle: Spencer Platt / Getty Images

Ein aufgewühlter Markt, was heisst das für Anleger? Börsenexperte Franz Wenzel blickt voraus und sagt, welche Entwicklungen zu wenig Beachtung finden.

Karen Merkel
Von Karen Merkel
am 08.02.2018

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Franz Wenzel*: Die jüngste Marktreaktion hat verdeutlicht, dass sich gutes Wachstum auch ins Gegenteil kehren kann. Bis dato waren die guten Börsengewinne der Treibstoff für die Weltaktienbörsen. Die guten Wirtschaftsdaten liessen das Pendel nun in die Gegenrichtung schwingen. Die Sorge, dass die Inflation überbordet, hat die Renditen deutlich ansteigen lassen. Die Aktienkurse korrigierten kräftig. Diese Rückkoppelung wird die Märkte in den kommenden Wochen in Atem halten.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Schweizer Börsen werden sich den allgemeinen Bewegungen nicht entziehen können. Die wirtschaftlichen Interdependenzen bedingen, dass sich auch die helvetischen Börsen insbesondere mit den europäischen Märkten bewegen. Allerdings kommt dem Schweizer Markt sein relativ niedrigeres Beta, vereinfacht formuliert die Korrelation mit den anderen Börsen, zugute. Ferner bleibt der Wechselkurs eine zentrale Komponente, die die Unternehmensgewinne stützt und der Notenbank etwas Spielraum verschafft. Allerdings kann sich diese sich nicht von der EZB abkoppeln.

Wo steht der SMI in 12 Monaten?
Unsere Kernaussage: mit Schwankungen höher! Steigende (US-)Zinsen werden eine immer höhere Hürde für die Aktienmärkte weltweit. Dies wird auch am Schweizer Aktienmarkt nicht spurlos vorübergehen. Das gute Gewinnmomentum bietet allerdings eine notwendige Stütze für die hohe Bewertung. Für die Schweiz kommt erschwerend die Frage hinzu, wie sich die schweizerische Notenbank in den kommenden 12 Monaten verhalten wird. Zinserhöhungen im Fahrwasser der EZB oder Bilanzreduktion? Ein Königsweg ist nicht erkennbar.

Erwarten Sie eine Korrektur an den US-Märkten?
Die Börsen sind keine Einbahnstrassen. Dies haben die jüngsten Marktturbulenzen wieder einmal schmerzlich in Erinnerung gerufen. Zweifellos werden sich Investoren angesichts höherer US-Zentralbankzinsen auf eine höhere Volatilität, verbunden mit Marktkorrekturen einstellen müssen. Allerdings stehen die fundamentalen Vorzeichen nach wie vor auf Grün. Die Unternehmensgewinne wachsen sowohl in den USA als auch hier in Europa und der Schweiz. Allerdings bedeuten steigende Zinsen einen stärkeren Gegenwind für die hohe Aktienbewertung.

Was erwarten Sie von Jerome Powell zum Start seiner Zeit als Fed-Chef?
Echte Neuerungen sind nicht zu erwarten. Der neue Fed-Chef wird den bisherigen Pfad sowohl bei der Zins- als auch der Notenbankbilanzpolitik fortsetzen. Allerdings wird man sich der Frage nach dem Gleichgewichtszins, also dem neutralen Zinsniveau – den sogenannten «Fed dot plots» –, bei dem die Wirtschaft ohne Überhitzungserscheinungen wächst, widmen müssen. Im Zuge des schwachen Wachstums ist der Zins auf unter 3 Prozent gesunken. Investoren sind gut beraten, sich auf einen leichten zyklischen Anstieg einzustellen. Dann wird das kommunikative Fingerspitzengefühl des neuen Fed-Chairman gefragt sein.

Mit wie vielen Zinsschritten rechnen Sie 2018 in den USA?
Angesichts negativer Realzinsen kann man davon ausgehen, dass die US-Notenbank die Zinsen in den kommenden Monaten weiter anheben wird. Die aktuelle Inflationsrate liegt um die 2 %, Tendenz steigend. Im zehnten Jahr des Aufschwungs sollte die Notenbankpolitik aber eher „neutral“ sein, sollte also das Realzinsniveau (Zentralbankzinsen abzüglich Inflation) bei etwa null liegen. Investoren sind gut beraten, sich auf drei oder gar vier Zinsschritte in Höhe von 25 Basispunkten einzustellen.

Welches Thema wird an den Finanzmärkten zu wenig beachtet?
Zwei Themen werden stiefmütterlich behandelt. Zwar konstatiert man mit Verwunderung, dass die Volatilität an den Börsen so niedrig und ein Anstieg vorprogrammiert ist. Allerdings spiegelt sich dies nicht genügend in den Portfolios wider. Vielmehr sollte dieses Risiko viel mehr Raum einnehmen. Zum Zweiten wird das Thema Multi-Asset-Strategie vernachlässigt. Investoren konzentrieren sich nach wie vor auf die klassischen Vehikel. Alternative Anlagen bleiben zu Unrecht eher eine Randerscheinung, sollten aber heute in jeder Multi-Asset-Strategie präsent sein.

* Franz Wenzel ist Anlagestratege für Institutionelle Kunden bei AXA Investment Manager.

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