Das Schlimmste blieb aus. Vor der US-Wahl ging bei Anlegern die Angst um, ein Sieg von Donald Trump könnte zu weltweiten Verwerfungen an den Börsen und langanhaltender Volatilität führen. Stattdessen setzten die Aktienindizes nach Trumps Wahlsieg zu einem Rekordlauf an, der mit kleinen Rücksetzern bis heute anhält.

Der Optimismus in den USA riss die Börsen international mit, auch in Europa und Japan ging es plötzlich aufwärts. Der Schweizer SMI legte bis vor kurzem ebenfalls kräftig zu. Schliesslich könnten von den Steuergeschenken und grossen Infrastrukturprojekten, die vom neuen Präsidenten erwartet werden, auch andernorts etwas abfallen.

«Rührende Naivität»

In ihrer Euphorie würden die Anleger indes übersehen, dass die Risiken und Probleme der Weltwirtschaft weitgehend die gleichen sind wie vor der Wahl, schreiben die Experten der Genfer Privatbank SYZ in einem Marktkommentar.

Die Enttäuschung werde gross sein, warnt Chief Investment Officer Fabrizio Quirighetti. «Dieser glückselige Optimismus und die rührende Naivität – paradoxerweise angesichts einer Straffung der globalen Finanzierungsbedingungen – schaffen jetzt schon die Voraussetzungen für den nächsten Konjunkturabschwung.»

Psychologische Trendwende

Das Jahr 2016 hatten die Börsen mit einem Taucher begonnen. Rezessionsängste und der Deflationsdruck wegen dem tiefen Ölpreis sorgten für fallende Kurse. Als dann aber im Sommer die Trendwende gelang, schlug die Psyche der Markteilnehmer komplett um. Selbst vom Eintreten von sogenannten Extremrisiken – Brexit, Trump-Wahl, Nein im Italien-Referendum – liessen sie sich nicht mehr beirren.

Sobald das zuvor gefürchtete Szenario tatsächlich eintrat, wurden die Märkte sogar von einem Gefühl der Erleichterung erfasst und begannen zu steigen, so die Experten von SYZ. Und das, obwohl sich an den Problemen der Weltwirtschaft wenig geändert hatte.

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Begrenztes Potenzial

SYZ-Chefökonomen Adrien Pichoud fallen dabei drei Punkte besonders auf. Erstens erscheine das Potenzial für eine nachhaltige Beschleunigung der globalen Wachstumsraten weiterhin recht begrenzt. Zweitens werde die Inflation hauptsächlich vom steigenden Ölpreis unterstützt und sei deshalb ebenfalls kaum nachhaltig. Und drittens hätten die Zentralbanken der Industrieländer kaum mehr Spielraum für mehr als symbolische Anpassungen der Geldpolitik.

Zudem könnte sich die Politik von Präsident Trump als weniger wirtschaftsfreundlich als erhofft erweisen. Protektionismus und die Kündigung von Freihandelsabkommen bergen grosse ökonomische Risiken. Noch schlimmer wäre ein Handelskrieg mit China, den die neue US-Regierung offenbar nicht scheut.

Goldpreis steigt

Bereits zeigen sich erste Anzeichen einer Abschwächung des Börsenoptimismus. Kurz vor Trumps Amtseinführung stieg der Preis der Krisenwährung Gold markant an. Und auch in der Pharmabranche ist der anfängliche Jubel über Trump verstummt. Der neue Präsident kündigte noch vor seinem Amtsantritt an, härter um Preise für Medikamente für das staatliche Gesundheitsprogramm zu verhandeln. Zudem kritisierte er, dass viele Firmen im Ausland produzierten.

Michael Nawrath, Pharma-Analyst bei der Zürcher Kantonalbank, sagte der Agentur SDA: «Das war eine sehr oberflächliche Einschätzung: Hillary ist schlecht für die Pharmaindustrie und Trump gut.» Die Kurse vieler Pharmatitel haben sich bereits wieder eingependelt.

Diese Machtfülle geniesst Donald Trump als Präsident

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Der US-Präsident vereint eine Machtfülle auf sich wie nur wenige andere Staatsoberhäupter moderner Demokratien. Ähnlich mächtig ist der Präsident in Frankreich, aber auch in Russland. Beide verfügen aber nicht über so umfängliche Ressourcen. Was darf Donald Trump als US-Präsident eigentlich - und was darf er nicht?

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