Was die nuklearen Sprengköpfe im Kalten Krieg waren, ist heute Europas Energieversorgung. Im Wettstreit zweier Pipeline-Mammutprojekte hat Russland derzeit die Nase vorn. Das Ergebnis wird nicht nur die Energieversorgung, sondern auch den politischen Einfluss in Europa auf Jahrzehnte hinaus gestalten.

Seit Moskau im Winter vor zwei Jahren der Ukraine den Gashahn abgedreht hat, wovon auch die Gaslieferungen in den Westen betroffen waren, versucht Europa verzweifelt, seine Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. Der von Europa favorisierte Plan kommt jedoch aufgrund bürokratischer Hindernisse und strenger EU-Vorschriften nur stockend voran. Schon im Jahr 2002 entwarfen Gastransporteure aus der Türkei, Bulgarien, Ungarn, Rumänien und Österreich einen Plan für eine 3330 km lange, 5 Mrd Euro teure Pipeline, die Gas aus Zentralasien und dem Kaukasus durch die Türkei zu einem Hub in der Nähe von Wien transportieren soll. Als das Projekt zwei Jahre später verabschiedet wurde, erhielt es nach einem Besuch der Wiener Oper den Namen Nabucco.

Kampf um die Pipelines

Matt Bryza, US-Aussenstaatssekretär für europäische und asiatische Angelegenheiten, machte den Vorschlag, Ilham Alijew, der autoritäre Präsident Aserbaidschans, mit dem er bei der BTC bereits eng zusammengearbeitet hatte, solle seine enormen Gasreserven für Nabucco anbieten. Alijew zögerte jedoch und wünschte sich klare Aussagen hinsichtlich der Abnahmemenge.

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Unterdessen reifte in Russland ein eigener Plan. Als Inspirationsquelle diente Blue Stream, eine teure Pipeline, die Gazprom zusammen mit dem italienischen Energiegiganten Eni gebaut hatte und die durch das Schwarze Meer bis in die Türkei verläuft. Als sie im November 2005 im türkischen Hafenort Samsun eröffnet wurde, tönte Putin: «Warum bauen wir nicht noch eine durchs Schwarze Meer nach Bulgarien?» Gesagt, getan. Im Juni 2007 unterzeichneten die Chefs von Eni und Gazprom einen Vertrag für die 900 km lange und 10 Mrd Dollar teure Pipeline South Stream unter dem Schwarzen Meer, die in Baumgarten, nahe Wien, enden soll – dem geplanten Hub für Nabucco.

Anfangs wurde South Stream von der EU noch begrüsst, und auch Gazprom-Exportchef Alexander Medwedew sagte: «Es ist genug Platz für beide.» Überdies betonte Russland, neue Pipelines würden Europas Energiesicherheit erhöhen, denn die Leitungen durch die Ukraine seien in einem schlechten Zustand und die Transitgebühren hoch.

Moskaus Gas-Diplomatie

Aus diesem Grund will Moskau auch eine weitere neue Leitung, North Stream, aus Russland nach Deutschland bauen, die unter der Ostsee verlaufen soll. In den letzten Monaten seiner Amtszeit startete Putin dann eine massive diplomatische Offensive für South Stream. Man sicherte sich die Unterstützung der früheren osteuropäischen Satellitenstaaten, durch die die Pipeline verlaufen soll – darunter auch Ungarn, einer der Unterzeichner bei Nabucco.

Innerhalb nur weniger Wochen schaffte es Russland, Bulgarien und Serbien als Transitländer für South Stream zu gewinnen, und kaufte die Hälfte eines Gas-Hubs in Österreich. Ungarn, das bei einer Konferenz im September 2007 noch erklärt hatte: «Wir müssen von Russland unabhängig werden», konnte sich dem Druck ebenfalls nicht entziehen. «Sie wollten diesen Deal unbedingt noch vor den Neuwahlen in trockenen Tüchern haben», sagt der ungarische Finanzminister Veres. «Wir wussten, sie würden sonst eine andere Route suchen» – und keine Pipeline, keine Transitgebühren. In Ungarn löste dies einen Sturm der Entrüstung aus. «Statt die Abhängigkeit zu reduzieren, wird sie erhöht», so Soltau Nemeth von der Oppositionspartei Fidesz, «der Schritt zur politischen Abhängigkeit ist da nicht gross.»

Gazprom liefert bereits knapp ein Viertel des europäischen Gases und bei weiterhin hoher Nachfrage aus der EU könnte der Anteil noch um 30% steigen, schätzt die Beratungsgesellschaft Wood Mackenzie. Russland spielt weiterhin seine Vorteile aus. Im Mai kündigte die Nabucco-Gesellschaft an, die explodierenden Stahl- und Energiepreise hätten die Kosten des Projekts um 58% verteuert. Anfang des Monats bot Gazprom dann an, Aserbaidschans Gas mit langfristigen Verträgen zu Marktpreisen abzunehmen – sollte dies gelingen, wäre das der Todesstoss für Nabucco.