Keine Subprime-Abschreiber, ungebremstes Wachstum und wenig Abhängigkeit vom Konjunkturzyklus: Nestlé ist seit Ausbruch der Kreditkrise letzten Sommer bei den Investoren erste Wahl. Entsprechend gut gehalten hat sich der Aktienkurs. Innert zwölf Monaten verloren die Papiere des Nahrungsmittelmultis nur 4% an Wert. Der Swiss Leader Index (SLI) stürzte derweil über 20%.

Wenn das WSJ anklagt

Ein ganz anderes Bild von Nestlé zeigt hingegen der Reprisk-Index der Bewertungsspezialisten der Zürcher Firma Ecofact. Dort erscheint der Konzern, zusammen mit den Banken UBS und Credit Suisse, als das schwarze Schaf unter den 30 SLI-Werten (siehe Tabelle).

Ecofact berät mit ihren rund 20 Mitarbeitern Banken und sogar Staatsfonds zu sozial- und umweltverträglichen Investments. Anders als SAM, Sarasin, INrate oder andere im Bereich tätige Unternehmen konzentriert sich Ecofact dabei vorab auf Reputationsrisiken, die den Firmen in der Öffentlichkeit erwachsen können ausgelöst von Berichten Dritter über Verstösse in den Bereichen Umwelt, Menschenrechte und Korruption. Ecofact stützt sich dabei ausschliesslich auf Medien und Nichtregierungsorganisationen (NGO) in 172 Ländern. Gewichtet werden die Meldungen je nach der Bedeutung des Mediums in der Öffentlichkeit; besonders gravierend sind demnach Kritiken des «Wall Street Journals» oder des WWF.

Und das «Wall Steet Journal» hat über Nestlé berichtet: Im Mai wurden in den USA Klagen gegen zahlreiche Tierfutter-produzenten wegen mit Gluten verseuchter Produkte eingereicht. Angegriffen wurde der Schweizer Konzern 2008 zudem von anderer Seite wegen mutmasslicher Bespitzelung von Globalisierungsgegnern, des Abholzens von Tropenwäldern für die Palmölproduktion oder umstrittener Wassernutzungsverträge in den USA.

«Normal» für globale Firmen

In der Folge erreichte Nestlé auf dem Reprisk-Index zeitweise einen Wert von 67 Punkten – knapp weniger als so kontroverse Namen wie Wal-Mart oder Exxon Mobil. Bei Nestlé nimmt man diese Wertung mit Bedauern zur Kenntnis und verweist darauf, dass der Konzern unter anderem im Dow Jones Sustainability Index die höchsten Werte in der Branche erreiche.

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Besser weg kommen bei Ecofact die SLI-Firmen Holcim und ABB. Eine Reprisk-Punktzahl von unter 50 gelte als normal für global tätige Unternehmen, sagt Philipp Aeby, Managing Partner von Ecofact. Kaum Reputationsrisiken drohen gemäss Ecofact bei Actelion und Clariant.

Auf längere Frist Kursverluste

Anleger, die auf eine ethische Komponente bei ihren Investments achten, werden aber eher Nestlé in ihren Nachhaltigkeits-Fonds finden als Actelion. Denn trotz dem Beschuss von NGO und Medien ist Nestlé weiterhin in vielen Portefeuilles enthalten, die nach Kriterien des sozial verantwortungsvollen Investierens (Socially Responsible Investment, SRI) investieren. Dies, weil Nestlé dank Nachhaltigkeitszertifikaten die Kriterien verschiedener SRI-Labels erfüllen kann.

Ungeachtet der Gütesiegel könnte Nestlé-Aktionären möglicherweise bald ein böses Erwachen drohen: «Es gibt signifikante Hinweise darauf, dass in der Öffentlichkeit kritisierte Firmen längerfristig gegenüber unbescholtenen Firmen des gleichen Sektors underperformen», sagt Julian Kölbel, Bachelor der Umwelt- und Naturwissenschaften an der ETH Zürich. Kölbel hat den Einfluss von Kritik auf die Aktienkurse untersucht.

Opportunität oder Ethik?

Auch Ulrich Thielemann, Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen (HSG), sieht einen Zusammenhang zwischen verantwortungsvoller Unternehmensführung und Börsenperformance. «Das Publikum verurteilt unverantwortliches Handeln, auch an der Börse.»

Auch wenn sich Ethik letztlich nicht messen lasse wie Reputationsrisiken, begrüsst Thielemann den Umstand, dass Anleger zunehmend genauer auf ihre Investments schauen: «Daraus erwachsen Chancen – nicht nur für solche Unternehmen, die es ernst meinen mit der Geschäftsverantwortung, sondern auch für Investoren, denen es nicht egal ist, wie ihr Kapital arbeitet.»