Sie langweilen sich bestimmt zu Tode.
Guy Spier: Wie kommen Sie darauf?

Vor drei Jahren zogen Sie in die Schweiz. Weil sie die Ruhe Zürichs der Hektik Manhattans vorzögen, wie Sie damals erklärten. Bereuen Sie es schon?
Spier: (Lacht) Nein, überhaupt nicht! Wenn einer ein erfülltes Innenleben hat − und zu dieser Sorte Leute würde ich mich zählen −, dann ist er in Zürich am richtigen Ort. Denn hier wird man nicht dauernd abgelenkt. In Manhattan haben Sie Lärm, Staus, Hektik. Dem können Sie sich nicht entziehen, auch wenn Sie noch so viele Millionen haben. Zürich ist im Vergleich dazu ein grosser Meditationsraum.

Doch Sie müssen die Millionen Ihrer Kunden verwalten. Das liesse sich doch von der Wall Street aus besser erledigen?
Aber ich habe die Wall Street gar nie verlassen! Dank dem Internet ist sie überall auf der Welt zugänglich. Am Nachmittag etwa tausche ich mich mit New York aus. Nachdem ich die Kinder um acht Uhr zu Bett gebracht habe, telefoniere ich mit den Partnern an der US-Westküste. Ich habe gar keine Zeit, mich zu langweilen. Und es gefällt mir gut so.

Kollegen von Ihnen sehen das anders. Wegen des neuen Kollektivanlagengesetzes und anderen Vorschriften drohen Hedgefonds, die Schweiz zu verlassen.
Noch ist vieles offen. Und etwas sehe ich als Ausländer: Hierzulande mag man keine Schranken. Statt die Innenstädte abzusperren, lassen sie einen hier lieber auf verschlungenen Wegen umherkurven, bis man es leid ist. Deshalb glaube ich, dass auch verschärfte Vorschriften in der Schweiz noch benutzerfreundlich wären. Das ist ein zutiefst pragmatisches, wunderbares Land.

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Liechtenstein zeigt sich bereit, Hedgefonds aufzunehmen. In Vaduz wäre es bestimmt noch ruhiger als in Zürich.
Vaduz, da war ich einmal. Es ist tatsächlich sehr ruhig. Aber es kommt für mich nicht in Frage, wegen meiner Frau. Sie sagt: Guy, wir wohnen nirgendwo, wo kein Tram hinfährt. Ich selber schätze an Zürich auch die Nähe zum Flughafen. Das galt schon in New York. Wenn man nicht alle drei Wochen die Stadt verlässt, wird man ein wenig verrückt.

Warren Buffett hält es jeweils auch nur kurz in New York aus. Sie sind ein bekennender Fan der Investmentlegende. Für ein Mittagessen mit Buffett haben Sie im Jahr 2008 ...
... eine irrwitzig hohe Geldsumme ausgegeben.

650000 Dollar – für ein Steak mit Pommes frites. Hat es sich gelohnt?
Ich finde, es hat sich unglaublich gelohnt. Wer mich heute googelt, weiss innert Sekunden, dass ich mit Buffett zu Mittag ass. Und dann wollen alle mit mir essen gehen.

Was erzählte Ihnen Buffett während des Essens?
Ich forderte ihn heraus und fragte, ob seine Firma Berkshire Hathaway nicht zu gross werde, um noch erfolgreich zu sein. Immerhin seien die Dinosaurier und Mammuts ausgestorben − und AIG habe auch einige Probleme. Doch Buffett sagte, stolzer als ich je einen Vater über sein Kind habe reden hören: Nein, das gilt nicht für Berkshire.

Investieren Sie in Berkshire?
15 Prozent meines Nettovermögens sind in Berkshire-Aktien angelegt. Ich mag den Titel, weil ich weiss, dass ich damit kein Geld verliere. Selbst wenn Israel den Iran angreift, wird Berkshire wirtschaften, wie wenn nichts wäre.

Was sonst sagte Ihnen Buffett noch?
Ich fragte ihn, ob ich nach Zürich zügeln solle. Er antwortete, ich könne mein Geschäft von jedem Ort der Welt aus machen. Er selber würde aber nicht nach Zürich ziehen, denn er könne kein Deutsch. Mit Buffetts Segen – was hätte mich da noch aufhalten können?

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Die Finanzkrise im gleichen Jahr. Damals verlor ihr Aquamarine Fonds 46 Prozent an Wert – Sie schnitten damit 10 Prozent schlechter ab als der amerikanische Leitindex S&P 500. Was war geschehen?
Auch ich bin nicht immun gegen Verluste, das wurde mir bewusst. Ich hatte Dinge getan, die ich besser hätte lassen sollen. Ich investierte in Firmen, die zwar nicht selber Fremdkapital verwendeten, solchen Hebeln aber in ihrem Geschäft ausgesetzt waren. Das war umso schlimmer, als Aquamarine damals nur in fünf oder sechs Positionen investiert war. Einige davon verloren 70 Prozent an Wert.

Haben Sie damals Ihren Fonds geschlossen?
Da hätte ich mich eher erschiessen lassen! Das Geld der Investoren zurückzubehalten, ist schlicht beschämend. Aber natürlich habe ich mich geärgert, wenn ich Kunden auszahlen musste – denn genau zu dieser Zeit waren so viele gute Titel zu kaufen.

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Letztes Jahr lag Ihr Fonds ebenfalls 3 Prozent im Minus.
Und dieses Jahr stehe ich 21 Prozent im Plus. Deshalb bin ich sehr zufrieden − für die Investoren, die seit 2008 bei Aquamarine dabei sind, habe ich das verlorene Geld beinahe wieder eingespielt.

Wie geht es weiter?
Ich denke, das Fondsportefeuille ist stark unterbewertet. Wir leben in einer Welt, wo Anleihen praktisch nichts mehr einbringen, während Aktien immer noch Wachstum versprechen. Zentralbanken können mit einem Federstrich so viel Geld schaffen, wie sie wollen − und sie kaufen damit Staatsanleihen. Als Obligationen-Anleger stehen Sie in direktem Wettbewerb mit der Europäischen Zentralbank, dem Fed und der Bank of China. Das ist doch komplett verrückt. Aus der risikolosen Rendite der Staatsanleihen ist ein renditeloses Risiko geworden.

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Anleger suchen immer noch nach Sicherheit.
Alle denken, die Finanzkrise wiederholt sich.

Zu Recht?
Mir fällt es schwer, daran zu glauben. Nehmen Sie die Schuldenkrise in Europa. Sollte Spanien in noch grössere Schwierigkeiten geraten, dann wird die Europäische Zentralbank sich über sämtliche Regeln hinwegsetzen, um die Katastrophe abzuwenden. Die Deutschen werden sich zwar wehren. Aber man wird sie so lange unter Druck setzen, bis sie einlenken.

Sie hoffen auf den Too-big-to-fail-Faktor. Ist das auch der Grund für Ihre grossen Positionen in Bankaktien?
Nicht in europäische Banken, wohlgemerkt. Amerika hat gezeigt, dass es bereit ist, massiv Mittel zu schaffen, um grosse Banken zu retten. Die Behörden dort sind kampferprobt. In Europa hat man damit keine Erfahrung. Das war ein Grund für mich, in vier oder fünf der grossen US-Bankhäuser zu investieren.

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Die Aktien von Credit Suisse und UBS interessieren Sie nicht?
Ich habe sie zu wenig analysiert. Mich beunruhigt aber, dass deren Bilanzen im Vergleich zum Schweizer Bruttoinlandprodukt riesig sind. Ausserdem war ich mit Ernesto Bertarelli in derselben Klasse an der Harvard Business School. Als Verwaltungsrat der UBS schien er mehr am Segeln interessiert zu sein als an der Kontrolle der Bank. Von einem Mann mit Harvard-Abschluss hätte man erwarten dürfen, dass er wissen will, ob und wie die UBS amerikanisches Gesetz bricht.

Ausser Banken − was steht sonst noch aufIhrer Einkaufsliste?
Für attraktiv halte ich etwa den Versicherer AIG. Die Aktie handelt immer noch deutlich unter Buchwert, und AIG verfügt über einige sehr interessante Vermögenswerte. Das einzige Problem ist, dass der Versicherungszyklus derzeit nicht stark ausgeprägt ist. Da kann sich einiges hinter der nächsten Ecke verbergen.

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Lohnt sich das Risiko?
Gerade auch aus Schweizer Perspektive ist der Versicherungssektor sehr interessant. Ich habe das Gefühl, dass die Bedeutung des hiesigen Versicherungssektors in den nächsten 20 Jahren massiv zunehmen wird. Immer mehr kleine Gesellschaften wie etwa Catlin Re ziehen hierher, und auf den Bermudas überlegen sich viele Spezialisten, es ihnen gleich zu tun. Es bieten sich enorme Chancen.

Ihre Investoren müssen daran glauben. Sie können nur einmal im Jahr das Geld aus Aquamarine abziehen. Das sind doch just die Praktiken, die den schlechten Ruf von Hedgefonds zementieren?
Mit 100 Millionen Dollar an verwalteten Vermögen ist mein Fonds winzig, ich bediene nur einen kleinen Bruchteil des Marktes. Aber dann will ich, dass meine Kunden langfristig denken, so wie ich. Solche Leute gibt es tatsächlich!

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Wie viel zahlen Ihre Kunden, um bei Aquamarine dabei zu sein?
Ich verlange für alle Vermögen, die seit 2008 bei mir sind, keine Verwaltungsgebühren. Ich erhebe jedoch eine Performance-Abgabe von 25 Prozent auf alle Gewinne, die 6 Prozent pro Jahr überschreiten. Bei 11 Prozent Performance bekomme ich also 1 Prozent und der Investor 10 Prozent. Das erscheint mir fair.

Dann haben Sie letztes Jahr nichts verdient?
Nicht auf den Vermögen, die ich verwalte.

Offenbar eine Durststrecke. In Ihrem letzten Blog-Eintrag zitieren Sie den römischen Philosophen-Kaiser Marcus Aurelius: Man müsse Herausforderungen annehmen, denn nur so könne man seine Tugenden unter Beweis stellen. Welche Tugend konnten Sie in schweren Zeiten bei sich selber entdecken?
Durchhaltevermögen. Im Jahr 2008 etwa war ich sehr niedergeschlagen. Trotzdem habe ich damals weitergemacht mit Aquamarine. Im Rückblick hat es sich gelohnt, damals etwas Mut zu zeigen: Ich musste mich hinsetzen und den Investoren schreiben, dass sie wegen mir gerade 46 Prozent ihres Vermögen verloren hatten. Sie können mir glauben – das kostete viel Überwindung.

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Der Mensch

Name: Guy Spier
Funktion: Managing Partner Aquamarine Capital
Alter: 46
Wohnort: Zürich
Familie: Verheiratet, drei Kinder
Ausbildung: MBA Harvard Business School, First Class Degree in Politics, Philosophy and Economics Oxford University

Das Unternehmen Aquamarine Capital betreibt drei Fonds und verwaltete zuletzt ein Vermögen von 109 Millionen Dollar. Die 1997 gegründete Finanzgesellschaft investiert
in Substanzwerte – nach dem sogenannten «Value»-Prinzip. Trotz Verlusten 2011 und 2008 ist es gelungen, den S&P-500-Index in 14 Jahren im Schnitt um 6 Prozent zu schlagen.