Ihr Vater ist Schriftsteller, Sie sind Ökonom. Wer von Ihnen beiden zeichnet ein exakteres Bild der Welt?
Eugene Kandel: Mein Vater und ich haben vieles gemeinsam. Wir wollen beide beschreiben, was in der Welt passiert. Er drückt es in Worten aus, ich in Zahlen. Er hat dabei aber den Vorteil, mehr Zeit zu haben. Ich arbeite inzwischen als ökonomischer Berater der Regierung und da muss das meiste sehr schnell gehen.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Ökonomen haben anders als Autoren nicht mehr den besten Ruf. Sie sahen weder Euro-Krise noch Finanzkrise kommen.
Die Erwartungen an uns Volkswirtschafter sind oftmals falsch. Wir können nicht die Zukunft voraussagen. Wir analysieren die Reaktion von Anreizen auf das Verhalten der Menschen und versuchen so, der Politik zu helfen. In diesen Krisen lernten wir aber, dass diese Anreize viel stärker wirken, als wir dachten. Und wir mussten einsehen, dass wir weniger über sie wissen, als wir ahnten. Menschliches Verhalten ist nun mal extrem komplex. Das macht es schwierig.

Wagen wir dennoch eine Prognose. Wann wird Israel bei der Wirtschaftskraft pro Kopf Frankreich oder Italien überholt haben?
Es gibt Kräfte, die uns nach vorne stossen. Andere Dinge bremsen uns. Wir haben mit der Regierung aber strategische Massnahmen getroffen, um das Wachstum anzukurbeln. Wenn diese erfolgreich sind, dann werden wir sehr viel schneller wachsen als Italien oder Frankreich.

Was stimmt Sie optimistisch?
Israel ist stark in diversen Zukunftsindustrien – Informationstechnologie, Telekommunikation, Cybersicherheit, Raumfahrt oder auch Solarenergie. Daneben sind wir führend in landwirtschaftlicher Effizienz, Medizinaltechnik oder Wassertechnologie. Wenn wir nun das Humankapital noch besser nutzen, dann holen wir hier noch mehr heraus. Daneben müssen wir den Staat effizienter machen und die Finanzmärkte auf ein Weltklasse-Niveau bringen.

Um das Wachstum tragen zu können, braucht Ihr Land mehr Arbeitskräfte. Die Immigration führt aber auch in Israel zunehmend zu Problemen.
Ich glaube nicht, dass wir eine höhere Einwanderung brauchen, ausser vielleicht in Branchen wie der Pflege. Aber wir müssen die Teilnahme gewisser Bevölkerungskreise am Arbeitsmarkt erhöhen. Es gibt in Israel drei Gruppen, die orthodoxen Juden, die arabischen Israeli und den Rest. Zwischen diesen gibt es riesige Unterschiede. Beim Rest der Bevölkerung liegt der Anteil der Arbeitenden bei mehr als 70 Prozent. Bei den Arabern und den Orthodoxen liegt er bei unter 30 Prozent. Es gibt also einen Pool an Arbeitskräften, den wir zu wenig nutzen. Es ist für uns eine strategische Aufgabe, das zu ändern.

Das ist aber nicht die leichteste Aufgabe.
So ist es. Aber wir können es uns nicht leisten, das nicht zu tun. Wir unterstützen deshalb die Leute bei der Ausbildung und verknüpfen Sozialhilfen zunehmend mit Arbeitsleistung.

Die Wachstumsprognosen für 2013 sind dennoch zurückhaltend. Die Wirtschaft dürfte so wenig wachsen wie seit drei Jahren nicht mehr.
Das stimmt. Israel ist eine offene Volkswirtschaft. 70 Prozent unserer Exporte gehen in Industriestaaten, und die wachsen derzeit kaum. Das spüren wir natürlich. Wir rechnen aber dennoch immer noch mit einem Plus beim Bruttoinlandprodukt von 3,8 Prozent. Das ist weniger als früher, aber im Vergleich zu anderen Ländern doch ganz ansehnlich.

Kann der Syrien-Konflikt vor Israels Haustüre einen negativen Effekt haben?
Solange wir nicht in den Konflikt hineingezogen werden, nein.

Dazu erfordert es aber auch eine starke, abschreckende Armee. Die Rüstungsausgaben in Israel sind deshalb sehr hoch. Das belastet doch die Wirtschaft.
Wir geben heute 6 bis 7 Prozent des Bruttoinlandproduktes für die Armee aus. Das ist viel. Aber es ist deutlich weniger, als Israel in den 1970er-Jahren ausgab. Damals waren es rund 30 Prozent. Das heutige Niveau ist verkraftbar. Zudem muss man sehen: Die Rüstungsausgaben sind auch eine Investition.

Inwiefern?
Wir hatten immer weniger Soldaten als unsere Feinde. Daher mussten wir technologisch überlegen sein. Das erreicht man nur über die Denkleistung von Menschen. Wenn die jungen Männer und Frauen bei uns mit 18 Jahren in die Armee einrücken, dann erhalten sie eine Ausbildung an hochtechnologischen Geräten. Daraus entstehen in der Folge sehr viele Innovationen.

Dennoch belastet die grosse Armee das Budget. Die Staatsverschuldung sank zwar in den letzten Jahren, ist aber mit 74 Prozent immer noch recht hoch.
Die Schuldenquote war Anfang der 2000er-Jahre hoch, als Israel in einer tiefen Krise steckte. Damals stand sie bei 100 Prozent. Heute stehen wir viel tiefer. 2013 wird sie leicht ansteigen, da die Einnahmen tiefer ausfielen und das Wachstum tiefer als erwartet. Wir arbeiten daran, die Schulden weiter zu reduzieren.

Nur Italien und Portugal wenden aber so viel für den Schuldendienst auf wie Israel. Sie haben da noch viel zu tun.
Das ist eine historische Last. Zwischen 2002 und 2004 nahmen wir viel Geld auf, zu hohen Zinsen. Das belastet uns heute. Doch die Zinszahlungen nehmen laufend ab, weil wir alte Schulden zurückzahlen können.

Planen Sie zur Schuldenreduktion auch weitere Privatisierungen?
Es gab in den letzten Jahren eine Welle von Privatisierungen in Israel. Verkauft wurden etwa die Fluggesellschaft El Al oder Ölraffinerien. Wir würden hier gerne noch mehr machen, etwa bei den Häfen. Doch die israelischen Arbeitsgesetze sind sehr starr, das bremst uns etwas. Wir versuchen dann mehr Konkurrenz herzustellen, indem wir die Gründung von privaten Konkurrenten unterstützen. Das bringt zumindest mehr Effizienz für die Staatsfirmen.

Mehr Einnahmen generieren Sie dadurch noch nicht. Haben Sie noch andere Pfeile im Köcher?
Wir gründen gerade einen Staatsfonds. Israel fand vor der Küste Gasvorkommen. Ab 2016 werden diese ausgebeutet und zu Einnahmen führen. Die Hälfte davon verwenden wir, um unsere Schulden zu reduzieren, die andere Hälfte fliesst in den neuen Staatsfonds. Das wird einen grossen Effekt auf die Staatsschulden haben.

Auch wenn der Wirtschaftsmotor nun etwas stottert – Israel wuchs in den vergangenen Jahren eindrücklich. Was steckte hinter diesem Boom?
Premierminister Benjamin Netanjahu setzte in seiner Zeit als Finanzminister von 2002 bis 2005 eine Reihe von Massnahmen durch, welche halfen, die gravierende Wirtschaftskrise zu überwinden. Er reformierte den Arbeitsmarkt, senkte die Steuern massiv, privatisierte Staatsunternehmen, stabilisierte das Staatsbudget und verschlankte die Bürokratie, sodass die Regierung viel schneller auf Herausforderungen antworten kann.

Das reichte aus?
Nein, der wichtigste Faktor waren die Innovationen. Der Traum vieler junger Israeli ist es nicht, bei Google zu arbeiten, sondern eine eigene Firma zu besitzen. Dieser Gründergeist half sehr.

Und woher kommt der?
Zum einen ist es wie gesagt die Armee, die junge Menschen mit Hochtechnologie und Software in Verbindung bringt. Daraus entstehen Ideen. Zudem ist Israel ein kleines Land, man kennt sich schnell. Diese Vernetzung hilft ebenfalls.

Was kann Israel von der Schweiz lernen?
Wir Israelis bräuchten ab und zu etwas strukturiertere Prozesse, etwas mehr Ordnung. Wir sind gewohnt, immer improvisieren zu müssen. Daran arbeiten wir aber, ohne die Vorteile dieser Improvisationsgabe zu verlieren. Die Schweiz ist uns da etwas voraus. Sie könnte aber manchmal dafür etwas flexibler sein.