Während der Skandal in Frankreich immer grössere Kreise zieht, brauchen sich Kunden der Société Générale Private Banking in der Schweiz keine Sorgen zu machen. «Das Private-Banking-Geschäft der Société Générale in der Schweiz sei von den Vorkommnissen in Paris nicht betroffen, versichert Bernard Sonntag, CEO SG Private Banking in der Schweiz, gegenüber der «Handelszeitung». Er beruhigt seine Kunden, die schon Fragen gestellt hätten. «Handelsaktivitäten wie im Mutterhaus finden bei uns in der Schweiz nicht statt. Wir verwalten nur Vermögen», sagt Sonntag.

Unterdessen ist die Hauptfigur im milliardenschweren Betrugsfall bei der französischen Grossbank Société Générale (SG), der Aktienhändler Jérôme Kerviel, bereits wieder auf freien Fuss gesetzt worden. Zuvor ist der 31-Jährige nach Angaben seiner Anwältin wegen Vertrauensbruchs, Fälschung und Eindringens in ein Computerdatensystem formell beschuldigt worden. Kerviel hat zugegeben, verschleierte Geschäfte getätigt zu haben. Er habe sich gegenüber Kollegen und Vorgesetzten als «Ausnahmehändler» profilieren, sich jedoch nicht selbst bereichern wollen, teilte die Staatsanwaltschaft in Paris mit. Forderungen der Staatsanwaltschaft, auch wegen des Verdachts auf Betrug und Fälschung gegen Kerviel zu ermitteln, lehnten die Richter ab. Bei einer Verurteilung drohen dem Börsenhändler bis zu sieben Jahre Gefängnis und ein heftiges Bussgeld.

Verdacht auf Insiderhandel

Die SG wirft ihm vor, ungenehmigte Spekulationen im Wert von zuletzt «ungefähr 50 Mrd Euro» getätigt zu haben. Dies soll dem Institut einen Verlust von fast 5 Mrd Euro verursacht haben. Aber die Bank selber gerät unterdessen immer stärker in Erklärungsnot. Erstens, weil die Börse Eurex schon letzten November auf verdächtige Positionen bei SG hingewiesen hatte. Und nun teilt die Börsenaufsicht mit, dass ein Verwaltungsratsmitglied kurz vor Bekanntwerden der immensen Verluste ein grosses Aktienpaket verkauft habe. Eine Sammelklage von Anlegern gegen Unbekannt wurde um den Verdacht des Insiderhandels und der Kursmanipulation ausgeweitet.

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Den Aufsichtsbehörden zeigt der Fall, dass sie nicht genug über Banken wissen. Und renommierte Ökonomen sehen sich darin bestätigt, dass die Marktwirtschaft ausser Rand und Band gerät. Die Krise des internationalen Bankensystems sei ein Beispiel dafür, «dass die Selbstregulierung der Wirtschaft versagt hat», sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz am WEF in Davos.

Damit wird aus dem Fall Kerviel weit mehr als nur der grösste Betrugsfall der Bankengeschichte. Es könnte der Tropfen sein, der ein ohnehin volles Fass zum Überlaufen bringt und zu einem kräftigen Regulierungsschub in der internationalen Finanzindustrie führt.

Doch die zunächst dringendere Frage ist, warum bei der Société Générale fast ein Jahr lang niemand gemerkt hatte, was Mitarbeiter Kerviel da getrieben hat. Sichtlich geschockt musste der alt gediente SG-Chef Daniel Bouton zugeben, dass die Bank sogar noch Glück gehabt hatte. Denn sie hatte die gefährlichen Index-Futures verkaufen können, bevor es Spekulanten mitbekommen hatten. Wären Hedge-Fonds dahintergekommen, wäre die Katastrophe perfekt gewesen und die Märkte hätten gegen die Bank gewettet. «Bis zum Zehnfachen des Verlusts» der 5 Mrd Euro, also 50 Mrd Euro, wäre möglich gewesen, sagte Bouton. Damit wäre das Ende besiegelt gewesen – und über den globalen Banken-markt eine Schockwelle hinweggerollt.

Bislang handelt es sich um einen französischen Schock, welcher der SG aber bis aufs Mark geht. Nach Berechnungen der Credit Suisse kommt die französische Grossbank im Falle eines erfolgreichen Abschlusses der von JPMorgan und Morgan Stanley gezeichneten Kapitaltransaktion – die von einer drastischen Dividendenkürzung flankiert werden soll – auf eine Kernkapitalquote von circa 8,2%. Durch die Geschäfte des Händlers Jérôme Kerviel verlor die Bank 4,9 Mrd Euro und aufgrund der internationalen Kreditmarktkrise muss sie zusätzlich 2 Mrd Euro abschreiben. Netto dürfte dies gemäss den Berechnungen der Credit Suisse auf einen Betrag von 5 Mrd Euro hinauslaufen, der durch die Kapitalerhöhung und die Dividendenkürzung um 2 Mrd Euro ausgeglichen werden muss.

Auch wenn die Kapitalerhöhung greifen und die Kapitalbasis dadurch gestärkt werden sollte, bleiben Analysten skeptisch. So empfiehlt Credit Suisse ihren Kunden, bei einem Investment in französische Bankaktien dem Wettbewerber BNP Paribas aus «Qualitätsgründen» den Vorzug zu geben.