Es ist ein sonniger Tag. Nancy sitzt in ihrem babyblauen Mustang. Sie hat das Verdeck runtergeklappt und fährt mit wehendem Haar durch die Gegend. «Dieses Auto ist einfach toll, sagt sie, «ich habe es sofort runtergeladen.» Runtergeladen? Ja, aus dem Internet auf ihren Computer, in die virtuelle Welt des erfolgreichsten PC-Spiels aller Zeiten: «Die Sims». Gerade wurde das 100-millionste Exemplar der Lebenssimulation verkauft. Das Spiel, das es mittlerweile nicht nur für den PC, sondern auch für Spielekonsolen und sogar als Handyversion gibt, ist eine Mischung aus Puppenhaus und Daily Soap. Die Spieler erschaffen ihre eigenen Charaktere. Sie gründen Familien und bauen Häuser. Sie gehen arbeiten, einkaufen, zum Yoga, unter die Dusche und aufs Klo. Nebenbei werden sie Rockstars, Models oder finden die Liebe ihres Lebens.

Eigene Ideen umsetzen

Im wirklichen Leben arbeitet Nancy Smith seit 24 Jahren beim Spielehersteller Electronic Arts und ist seit 2005 Chefin des Sims-Labels. In ihrer Fantasiewelt auf dem Computer hat die Geschäftsfrau mehr Freizeit, um ihr digitales Wohnzimmer zu dekorieren oder Klamotten für ihre virtuellen Puppen zu designen. «Bei dem Spiel kann man weder gewinnen noch verlieren. Es geht darum, kreativ zu sein, eigene Ideen umzusetzen», erklärt sie.

Dass ein Spiel, in dem weder geballert noch Blut vergossen wird, so erfolgreich sein könnte, ahnte selbst Erfinder Will Wright nicht. 1989 hatte er bereits «SimCity» programmiert – ein Spiel, bei dem man als Bürgermeister eine Stadt baut und organisiert.

Mädchen spielen interaktiver

Von seiner Tochter Cassidy lernte Wright, dass Mädchen interaktiver und sozialer spielen als Buben. Mit Puppen stellte sie Situationen nach, ohne ein konkretes Ziel zu verfolgen. Die Idee zu «Die Sims» war geboren. Und Wrights Rechnung ging auf. Seit 2000 wird das Spiel verkauft – in 60 Ländern und 22 Sprachen. Über 50% der Spieler sind weiblich. In der Branche, die von männlichen Spielern dominiert wird, ein Phänomen.

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Allein 2007 machte Electronic Arts nur mit Sims-Produkten 500 Mio Dollar Umsatz. Das ist fast ein Achtel des Konzernumsatzes. «Ein Rekord», freut sich Chefin Smith, die seitdem die 500-Mio-Dollar-Frau genannt wird. Der Erfolg der Sims zeigt sich derweil auch an den bekannten Werbepartnern. Die schwedische Modekette H & M entwarf kürzlich eine Sims-Kollektion. Für 19.99 Dollar kann man seine digitalen Lieblinge nun trendig einkleiden. Oder man macht es wie Smith und kauft ihnen einen Luxusschlitten. Eine Kooperation mit Ford macht es möglich. Bilder der Ford-Autos können vom Internet in die Spielewelt geladen und dort von den Bildschirmbewohnern gefahren werden.

Im nächsten Jahr soll die dritte Version der Sims erscheinen. «Alles wird realistischer. Die Sims können sich weiter von ihrem Haus entfernen» sagt Smith, «und die optische Bandbreite der Persönlichkeiten wird grösser.» Ob es dann neben den stets schlanken auch fettleibige Sims oder welche mit schlimmer Akne geben wird, ist eher fraglich. Kritiker bemängeln das Sims-Konzept, bei dem der Reichste das grösste Haus hat, als zu materialistisch. Smith reagiert darauf gelassen: «Das Spiel soll Spass machen. Wenn man es kauft, ist es wie ein leeres Papier. Man braucht Fantasie, um darauf eine bunte Welt zu kreieren.» Eine Moralanzeige hätten die Sims nicht. Trotzdem gibt es keine Waffen und keinen «Woohoo», Sex in der Sims-Sprache, ohne Liebe. Ein Mord passierte dennoch. 2001 entfernte ein Spieler die Leiter aus einem Pool, liess seinen Sims ertrinken und löste eine Moraldiskussion aus. «Ein Sims stirbt ohne Blut und Dramatik. Ich glaube daher nicht, dass viele Spieler ihre Sims töten», reagierte Smith.

Unfälle könnten allerdings immer passieren. Smith selbst fackelte ihr Sims-Haus ab, als sie beim Kochen nicht aufpasste. «So etwas wird aber eher humorvoll als dramatisch dargestellt», erklärt sie. Und gestorben sei keiner ihrer Sims – übrigens digitale Kopien ihrer beiden Schwestern, deren Rollen im wirklichen Leben bei den Sims vertauscht sind. «Eine ist Mutter vieler Kinder, die andere Karrierefrau. In der Sims-Welt ist es umgekehrt», lacht sie. Auch der babyblaue Mustang, den sie als Sims fährt, hat Bezug zur Realität. Im wirklichen Leben bringt Nancy Smith zwar ohne Cabriolet ihren 17-jährigen Sohn zum Basketball. Aber ihr erster Freund habe tatsächlich diesen Wagen gehabt, verrät sie.