Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Renato Flückiger*: Im Vordergrund stehen ganz klar die konjunkturelle Situation und die weitere Entwicklung des Gewinnwachstums der Unternehmen. Die guten Vorgaben stehen den teilweise stolz bewerteten Aktienmärkten gegenüber. Solange die geldpolitische Normalisierung nur langsam weitergeht, sind die Bewertungen vertretbar. Die Stimmung ist weit weg von Euphorie und die Anleger halten weiterhin hohe Liquiditätsbestände.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln? 
Dank den positiven Studiendaten von Roche fand der SMI den Weg aus seiner Konsolidierung und markierte neue Jahreshöchststände. Die Vergangenheit zeigt, dass zu Beginn der Adventszeit der bestehende Jahrestrend oftmals noch verstärkt wird. Zudem läuft noch das «Window-Dressing»: Marktteilnehmer kaufen Titel, die sich besonders gut entwickelt haben. So will man dem Eindruck entgegenwirken, man habe einen Trend verpasst. Schlechte Performer hingegen werden verkauft.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten? 
Ich bin davon überzeugt, dass sich die weltwirtschaftliche Erholung fortsetzen wird und die Unternehmen beim Gewinn- und Umsatzwachstum weiter zulegen werden. Zudem haben sich die Mittelzuflüsse in defensiven Aktien seit Wochen verstärkt. Viel Positives ist zwar bereits eingepreist, dennoch traue ich dem SMI einen Ausbruch in neue Rekordhöhen zu. Schwächt sich der Schweizerfranken weiter ab kann sich der SMI durchaus gegen 10'000 Punkte bewegen.

In Deutschland ist die angestrebte Jamaika-Koalition gescheitert. Was bedeutet das für Anleger?
Für die Anleger ist Jamaika wieder eine Insel in der Karibik und kein latentes Risiko mehr. Der DAX-Future eröffnete zwar rund 120 Punkte tiefer, gegen Mittag schwang er sich bereits wieder ins Plus. Nach den gescheiterten Sondierungsgesprächen sind Neuwahlen wahrscheinlicher geworden als eine Minderheitsregierung. Damit wird die politische Unsicherheit in Deutschland zwar verlängert, der daraus entstehende volkswirtschaftliche Schaden dürfte aber vernachlässigbar sein. Wichtiger als die Politik ist für die Aktienmärkte die geldpolitische Haltung aus Frankfurt.

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Donald Trump und die Republikaner wollen noch in diesem Jahr massive Steuersenkungen durchsetzen. Könnte damit der Börsenboom in den USA noch verlängert werden?
In der Tat kann die US-Steuerreform den Aktien zusätzlichen Auftrieb verleihen. Sollte der Kongress zustimmen und den US-Einkommenssteuersatz von 35 Prozent auf 20 Prozent senken, dürfte dies die US-Gewinne um zusätzliche 5 bis 7 Prozent beflügeln. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass die positiven Effekte auf die Unternehmensgewinne bereits mehrheitlich in den Kursen eingepreist sind.

Die Fed könnte noch im Dezember einen weiteren Zinsschritt wagen. Wann werden EZB und SNB nachziehen müssen?
Der Zinsschritt des Fed im Dezember ist meines Erachtens gemachte Sache. Der Konjunkturzyklus in den USA ist viel weiter als in Europa. In der Eurozone nimmt zwar der geldpolitische Rückenwind auch ab, aber einen Zinsschritt seitens EZB sehen wir weiterhin nicht vor Ende 2018 oder Anfang 2019. Die SNB kann nicht aus dem geldpolitischen Schatten der EZB treten und muss sich gedulden. Sie würde sonst den Franken erneut stärken und die Möglichkeiten zum Abbau der SNB-Devisenreserven torpedieren.

Welche Branchen werden 2018 in der Schweiz besonders gefragt sein?
Aufgrund der soliden Wirtschaftslage und des schwächeren Schweizer Frankens sehe ich bei den Small- und Midcaps weiterhin gute Chancen. Die meist konjunktursensitiven Titel in der Schweiz können sich weiter positiv entwickeln. Jedoch ist die Gewichtung der Schweizer Bluechips so dominant, dass titelspezifische Neuigkeiten bei Roche, Novartis und Nestlé den Gesamtmarkt jederzeit beeinflussen können. Ein leicht steigendes Zinsniveau dürfte auch den Aktien der Banken- und Versicherungsbranche stärkeren Rückenwind geben.

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*Renato Flückiger ist seit August 2012 CIO der Bank Valiant in Bern. Zuvor war der Betriebsökonom bei der Grossbank UBS in verschiedenen Funktionen tätig. Renato Flückiger hat an der Fachhochschule in Bern studiert und besitzt zudem das Diplom des Chartered Financial Analyst.
 
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