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Börseninterview
«Die SNB wandert auf einem schmalen Grat»

SNB
Laut Renato Flückiger von der Bank Valiant sollte die SNB nun den Ausstieg aus den Negativzinsen testen.Quelle: Keystone .

Experte Renato Flückiger spricht im Börseninterview über die Nebenwirkungen der Negativzinsen und deren Impact auf den Immobilienmarkt.

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Von Marc Bürgi
am 04.05.2019

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Renato Flückiger*: Waren die Märkte zum Jahresende 2018 noch völlig verunsichert, haben die Zentralbanken nun ihre Geldpolitik wieder expansiver auf die globale Wachstumsverlangsamung ausgerichtet. Dies hat zu neuem Vertrauen in die Finanzmärkte geführt. Getragen wurde dieser positive Trend von einem extrem tiefen Zinsniveau. Nebst der Gewinnentwicklung der Unternehmen richtet sich der Fokus stark auf die Wirtschaftslage. Die globale Konjunktur kühlt sich zwar weiter ab, eine Bodenbildung um die Jahresmitte ist aber möglich. Insbesondere in China scheint die expansive Geld- und Fiskalpolitik in der Realwirtschaft anzukommen.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Seit dem Einbruch gegen Ende 2018 hat der Schweizer Aktienmarkt mit Dividenden bereits wieder über 18 Prozent zugelegt – deutlich mehr als erwartet. Nun drängen sich durchaus Gewinnmitnahmen auf. Mit der auslaufenden Berichtsaison erwarte ich kurzfristig, dass die Börse etwas an Fahrt verlieren dürfte.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Wenn sich die Hoffnungen für die Konjunktur erfüllen und die wichtigsten Notenbanken ihren expansiven Kurs weiterführen, dürfte die Bewertung für den SMI etwas höher ausfallen. In diesem Fall traue ich dem Leitindex einen Anstieg auf etwa 10‘000 Punkte zu. Jedoch würde ein stärkeres Wirtschaftswachstum wohl dazu führen, dass sich die Nachfrage nach zyklischen Aktien zulasten der defensiven Sektoren wie Pharma oder Nahrungsmittel verstärken würde.

Die grossen US-Techkonzerne wie Google, Facebook und Amazon sind an der Börse wieder im Aufwind. Wird das Rallye der Silicon-Valley-Firmen anhalten?
In der Tat haben sich die US-Techkonzerne seit Jahresanfang sehr positiv entwickelt. Jedoch führen steigende Aktienkurse zu einer noch höheren Erwartungshaltung, denn die Schätzungen zu Umsatz und Gewinn müssen nicht nur erfüllt, sondern jeweils positiv übertroffen werden. Sonst droht den Unternehmungen sofort ein markanter Kursabschlag wie bei Google/Alphabet in dieser Woche. Die Luft ist auf diesen hohen Bewertungsniveaus dünn geworden.

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*Renato Flückiger ist seit August 2012 CIO der Bank Valiant in Bern. Zuvor war der Betriebsökonom bei der Grossbank UBS in verschiedenen Funktionen tätig. Renato Flückiger hat an der Fachhochschule in Bern studiert und besitzt zudem das Diplom des Chartered Financial Analyst.
Quelle:

Rechnen Sie mit einer Einigung im US-chinesischen Handelsstreit? Und was würde eine Annäherung der beiden rivalisieren Wirtschaftsmächte für die globale Konjunktur bedeuten?
Finanzminister Steven Mnuchin war diese Woche in Peking und schon nächste Woche soll in Washington weiterverhandelt werden. Ich hoffe, dass man an einen Punkt kommt, an dem klarer wird, ob der «Deal» abgeschlossen werden kann oder nicht. Auch wenn es eine Einigung gäbe und die Strafzölle ausgesetzt würden, sehe ich keinen definitiven Schlussstrich. Das Thema wird uns und die Weltwirtschaft noch weiterverfolgen. Da viele Unternehmungen aufgrund der Ungewissheit mit Investitionen zugewartet haben, würde sich eine Einigung konjunkturell stabilisierend auswirken.

SNB-Präsident Thomas Jordan hat jüngst erneut die Schweizer Negativzinsen verteidigt. Teilen Sie seine Einschätzung, dass Minuszinsen für die Schweizer Wirtschaft derzeit die beste Lösung sind?
Die SNB wandert auf einem schmalen Grat. Die Nebenwirkungen oder Marktverzerrungen der Negativzinsen sind augenscheinlich: Insbesondere Institutionelle Anleger drängen noch stärker in den Immobilienmarkt, um Negativzinsen zu umgehen. Die Bruttorenditen werden laufend unterboten und der Druck auf die Mietzinsen nimmt aufgrund der steigenden Leerstände zu. Ich beobachte diesen Trend mit Besorgnis. Ein Euro-Schweizerfrankenkurs um 1,14 ist gemessen an der Kaufkraftparität fair. Die SNB sollte meines Erachtens nun den Ausstieg aus den Negativzinsen testen.

Credit-Suisse-Präsident Urs Rohner hat an der Generalversammlung einen steigenden Aktienkurs in Aussicht gestellt. Wird sich der Sinkflug der Grossbankenaktien UBS und CS an der Börse fortsetzen?
Die Bankaktien haben nach einer starken Abwertung 2018 seit Jahresbeginn wieder deutlich Boden gut gemacht. Zudem hat die Markterholung auch zu höheren verwalteten Vermögen geführt, was wiederum die Erträge der Banken stützen sollte. Die Quartalszahlen der beiden Grossbanken sind besser ausgefallen als erwartet. Diverse Analysten haben zudem ihre Empfehlungen und Kursziele für die Bankbranche bestätigt oder angehoben. Ich sehe durchaus Chancen für eine weitere Kurserholung des Bankensektors in Europa, auch von UBS und CS.