Je mehr Unternehmen ihre Quartalsberichte verkünden, desto deutlicher zeichnet sich das Bild einer gespaltenen US-Wirtschaft ab. Auf der einen Seite die Banken sowie jene Unternehmen, die direkt an die US-Konsumenten verkaufen. Sie kämpfen nach wie vor mit den Auswirkungen der sinkenden Häuserpreise und den verschlechterten Kreditbedingungen. Auf der anderen Seite viele grosse Konzerne, die vor allem an andere amerikanische Unternehmen verkaufen oder ihre Güter exportieren. Sie stehen nach wie vor gut da.

Coca-Cola-Chef Neville Isdell berichtete jüngst an einer Konzernkonferenz von einer ermutigenden Reise durch Chile und Peru: «In Lateinamerika herrscht eine Aufbruchstimmung, die wir hier seit Jahrzehnten nicht mehr gespürt haben.»

Mark Loughridge, Finanzchef bei International Business Machines (IBM), sagte, sein Unternehmen könne «äusserst solides Wachstum» in den Schwellenländern verzeichnen. IBM macht 65% ihrer Geschäfte im Ausland.

Sehr viel bessere Quartalszahlen als erwartet präsentierte auch der Suchmaschinenbetreiber Google, der 51% seines Umsatzes ausserhalb der Vereinigten Staaten generiert. Damit zerstreute das Unternehmen alle Sorgen, dass sein aussergewöhnliches Wachstum, das vor allem auf Werbeeinnahmen beruht, im Zuge einer abkühlenden Binnenkonjunktur abgeschwächt werden könnte. «Bis jetzt trifft uns die Krise nicht», zeigte sich Google-Chef Eric Schmidt optimistisch.

In anderen Chefetagen ist die Stimmung dagegen nicht so gut. So rechnet etwa Harley-Davidson-Chef Jim Ziemer nicht mit einem baldigen Aufschwung der US-Wirtschaft. Auch beim Einzelhändler Bed, Bath & Beyond, der lange Jahre für sein stetiges und starkes Wachstum bekannt gewesen war, gab es vor Kurzem eine Gewinnwarnung.

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Gesunder Zuwachs der Gewinne

Seit dem Beginn der Berichtssaison bewegen sich die Kurse des US-Aktienmarkts im Wesentlichen seitwärts – ein Zeichen dafür, dass Investoren mittlerweile von Multimilliardenverlusten der Kreditinstitute oder einem schlechten Unternehmensausblick nicht mehr überrascht werden. Eher scheinen sie sich auf die Verkündung guter Gewinne zu konzentrieren, und zwar sowohl von den grossen Exporteuren als auch von Unternehmen, die alles von technischer Ausrüstung bis zu Maschinen an andere Unternehmen verkaufen.

Die Gewinne der S&P-500-Firmen, die ihre Zahlen fürs 1. Quartal 2008 bereits bekannt gegeben haben, sind nach Angaben der Investmentbank Brown Brothers Harriman um 22,1% gefallen. Nimmt man die Finanzbranche allerdings heraus, ergibt sich ein Wachstum von 8,2%. In der Gesamtschau – bereits erfolgten Quartalsberichte und Schätzungen für die ausstehenden Unternehmen – ergibt sich folgendes Bild: Ohne den Finanzsektor erreichen die Gewinne nach Angaben von Brown Brothers einen gesunden Zuwachs von 9,5%.

Wenn die Unternehmen, die im Grossen und Ganzen gesunde Bilanzen aufweisen, weiterhin investieren können, trifft ein Szenario höchstwahrscheinlich nicht ein: Nämlich, dass Jobs in dem Umfang verloren gehen, der einen weiteren Abschwung mit sich brächte. Ein weiterer Verfall der Häuserpreise würde sich dann auf den Gewinnausblick der Unternehmen nur in geringem Umfang auswirken, sodass langfristig auch die Aktienkurse steigen würden. «Es wurde bereits eine viel schlechtere Gewinnentwicklung eingepreist, aber momentan sieht es gar nicht so schlimm aus», urteilt Brian Rauschen von Brown Brothers Harriman.

Die grosse Frage ist, ob sich die Krise am Immobilienmarkt noch weiter auf die Gesamtwirtschaft auswirken wird. Konsumausgaben machen rund zwei Drittel der US-Wirtschaftsleistung aus, doch konsumentennahe Unternehmen steuern bei Weitem nicht diesen Anteil zur Gesamtsumme der Unternehmensgewinne bei.

US-Binnenwirtschaft hemmt

Innerhalb der USA werden die Gewinne nur langsam steigen, wie etwa bei General Electric: «Wir gehen davon aus, dass die Lage schwierig bleiben wird», sagte GE-Chef Jeffrey Immelt bei einem Investorentreffen im März 2008. Doch im Ausland, wo der Konzern ein Big Player bei Infrastrukturprojekten ist, sieht die Sache ganz anders aus. Dort erwartet der GE-Chef «eine enorme Nachfrage».

Bei Eaton Corp., einem breit aufgestellten Industriebetrieb, zeigte man sich zufrieden mit dem Ausblick für das verarbeitende Gewerbe. «Der Aufschwung im Export versetzt den Industriesektor in eine bessere Lage als viele andere Bereiche der amerikanischen Wirtschaft», sagt Eaton-Finanzchef Richard Fearon. Es gibt ein optimistisches Szenario für die US-Wirtschaft, hinter dem folgender Gedanke steht: Eine starke globale Wirtschaft, kombiniert mit einem schwachen Dollar, sollte ausreichen, um die Verhältnisse stabil zu halten, bis die aggressiven Zinssenkungen der Fed sich auf die US-Wirtschaft auswirken.