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«Die Troika versteht Zypern nicht»

Heinz Richter, Griechenland- und Zypern-Experte, Universität Mannheim

Der rennomierte Zypern-Experte Heinz Richter sieht den Inselstaat als Opfer der Brüsseler Politik.

Von Gérard Moinat (Interview)
am 08.08.2012

Handelszeitung: Sie bezeichneten Griechenland schon Mal als gescheiterten Staat. Was für ein Etikett verdient Zypern?
Heinz Richter: Zypern ist ein ganz normal ­funktionierender europäischer Staat. Das heisst also: Zypern und Griechenland unterscheiden sich ganz grundsätzlich.

Wie denn?
Zypern funktioniert ähnlich wie Westeuropa. Das Land ist überaus effi­zient – in der Verwaltung, in der Landwirtschaft oder dem Tourismus. Und den allgegenwärtigen Klientelismus Griechenlands gibt es in Zypern nur ausnahmsweise und dann auch nur in der in Westeuropa üblichen Version. Zudem ist Zypern seit dem Eintritt in die EU gleich wie Deutschland ein Nettozahler.

Hat Sie jüngst die harsche Kritik der Troika an Zypern also erstaunt?
Ja, denn die jetzige Krise ist nichts weniger als eine Analogie zu einem verschuldeten westeuropäischen Staat. Die Troika versteht also grundsätzlich nichts davon, was in diesem Land läuft. Sie projiziert lediglich die griechischen Verhältnisse auf Zypern. Ich pflege die zypriotischen Verhältnisse mit den­je­nigen der Lombardei zu vergleichen: effizient, aber mit mediterranem Charme.

Kommt der Bail-out für das Land ­zustande?
Keine Frage. Nicht zuletzt werden die Russen helfen, die Rechnung zu ­berappen, um dadurch ihren Machteinfluss in der Region auszuweiten. Zudem handelt es sich ja anders als im Nachbarland nicht um einen ­Riesenbetrag – ein Hair­cut wird deshalb ausbleiben. Ich wette mit Ihnen: In drei bis vier Jahren geht es mit dem Land wieder steil bergauf.

Trotzdem muss auch Zypern jetzt hart sparen. Wo setzt die Regierung an?
Überall. Wie in westeuropäischen Staaten werden sie das jedoch vor allem dort tun, wo es Sinn macht. Klar sind die öffentlichen Institute über die letzten Jahre aufgebläht worden. Auch sind die Beamtengehälter in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Zyprioten sind aber intelligent genug, um das Messer zuerst an diesen Stellen anzusetzen.

Zypern profitierte lange vom Tiefsteuermodell – jetzt fehlen die Steuer­einnahmen. Muss Zypern umdenken?
Dass in Zypern Geldwäsche in grossem Stil stattfindet, das weiss jeder. Einige Politiker wollen das nun schnell ändern. Ich finde das grundsätzlich eine gute Idee. Aber ich rate: Macht das erst, wenn ihr mit den Staatsfinanzen aus dem Schneider seid. Sonst spart ihr euch ähnlich wie der griechische Staat kaputt.

Was heisst das für die Zukunft der wichtigen Finanzindustrie?
Die Banker machen ähnlich wie einst ihre Schweizer Berufskollegen so lange mit der Geldwäsche weiter, wie man sie lässt. Dass sie selbst damit freiwillig aufhören, ist ähnlich wie bei den Bankiers in der Eidgenossenschaft eher unwahrscheinlich. Doch zumindest ein Hoffnungsschimmer auf baldige Besserung ist, dass Geldwäsche keine so lange Tradition hat.

Was geschieht mit dem Tourismus?
Hoffentlich bleibt dieser Zweig unangetastet. Denn er ist die zweitgrösste Einnahmequelle des Landes. Ich bin ­sicher, die Zyprioten werden hier anders als die Griechen mit Mass und Verstand vorgehen. Das zeigte bereits die Vergangenheit: Als vor ein paar Jahren durch eine dreijährige Dürre das Wasser knapp wurde, sagten viele Einwohner: Lasst das Wasser den Touristen, die brauchen es dringender als wir! Das würde in Griechenland nie geschehen.

Gibt es Hoffnungsträger aus anderen Branchen?
Klar ist in einem so kleinen Land nicht viel ­Industrie zu finden. Aber neben dem Tourismus ist auch die zypriotische Landwirtschaft effizient und bringt exzellente Produkte wie Frühkartoffeln, Wein sowie schmackhaften Käse hervor.

Wie stark ist Zypern vom Gedeihen Griechenlands abhängig?
Wären die Zyprioten nicht so ­sentimental gewesen und hätten ihren griechischen Vettern Geld geliehen, sondern wie schon früher vorzugsweise den Arabern oder Russen, hätten sie heute nicht die Probleme, die sie jetzt haben. Aber die Zyprioten sind intelligent und pflegen ihre Lektionen zu lernen. Das heisst, die finanzielle Verflechtung wird rasch abnehmen. Zudem können junge Zyprioten durchaus gut zwischen dem griechischen Mutterland und dem modernen gescheiterten griechischen Staat unterscheiden.

Wenn Griechenland den Euro verlässt – was geschieht mit Zypern?
Nichts. Das Leben geht dann weiter wie bisher. Zypern ist ein eigenständiger Staat.

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