Der Aktienmarkt wurde in den vergangenen Wochen kräftig durchgeschüttelt. Vergessen sind die griechische Tragödie oder der Ukraine-Konflikt, derzeit richtet sich die Aufmerksamkeit auf China und die amerikanische Notenbank. Der Global Strategist von Rothschild Wealth Management, Kevin Gardiner, schätzt die Lage ein.

Kamen für Sie die jüngsten Abgaben am Aktienmarkt überraschend?
Kevin Gardiner: Ein bisschen. Wobei – ich beschäftige mich nun bereits zu lange mit den Finanzmärkten, als dass mich noch irgendetwas überraschen könnte. Die Volatilität war vor ein paar Monaten derart tief, dass eine Korrektur eigentlich überfällig war. Den exakten Zeitpunkt solcher Turbulenzen vorauszusehen, ist aber meist nicht möglich.

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Hat der Rücksetzer Ihren Ausblick auf den Aktienmarkt verändert?
Nicht entscheidend. Wir sind immer noch der Meinung, dass Aktien die attraktivste Anlageklasse darstellen. Mindestens für die kommenden zwölf Monate. Was mich bis zu einem gewissen Grad ebenfalls beruhigt, ist, dass die Bewertungen nicht aufgrund von Modethemen übermässig gedehnt sind, wie das im Jahr 2000 zur Zeit der Dotcom-Blase der Fall war.

Welche Sektoren favorisieren Sie?
Unternehmen, die nahe beim Konsumenten sind, dürften in der Gunst der Anleger stehen. Technologietitel wohl auch, europäische Finanzwerte weisen ebenfalls Potenzial auf. Dabei konzentrieren wir uns in der Euro-Zone nicht nur auf den Kern, sondern auch auf Unternehmen aus Ländern der Peripherie.

Das klingt ermutigend. Sie scheinen nicht besonders besorgt zu sein wegen einer harten Landung Chinas?
Wenn sich der Pulverdampf gelegt hat, wird der Markt erkennen, dass die USA wesentlich wichtiger sind für die Weltwirtschaft als China. Insbesonders auch die amerikanischen Kapitalmärkte.

Die US-Wirtschaft befindet sich in einigermassen robuster Verfassung. Rechnen Sie mit einer Anhebung der Zinsen kommende Woche?
Es kann sein, dass die Zinsen kommende Woche angehoben werden. Möglicherweise aber auch erst in ein paar Monaten. Für mich ist das nicht die entscheidende Frage. Wir raten unseren Kunden, sich auf graduell steigende Zinsen vorzubereiten. Auch wenn der Anstieg langsam verläuft, wird das den Bond-Markt etwas unter Druck setzen. Wiederum – Aktien scheinen vor diesem Hintergrund die bessere Wahl zu sein.

Im Bereich der Hochzinsanleihen gab es zuletzt ebenfalls eine kleine Korrektur. Bietet das nicht eine attraktive Einstiegsgelegenheit?
Möglicherweise. Wobei die Abgaben stark mit dem Öl- und Gassektor in den USA zusammenhängen respektive den tiefen Energiepreisen, unter denen die Unternehmen leiden. Allerdings sehe ich nicht, dass Privatkunden einzelne Hochzinsanleihen in ihren Portfolios halten sollten. Wir bevorzugen deshalb Fonds, und zwar in europäischen Hochzinsanleihen.

Was gilt es zudem zu beachten?
Die Illiquidität kann zu einem Problem werden.

Einige Marktbeobachter befürchten, dass mit dem Aufkommen von ETF Illiquidität auch ein Problem im Aktienmarkt werden könnte. Zumindest dann, wenn alle gleichzeitig zum Ausgang drängen, könnten einige Investoren nicht zum gewünschten Kurs verkaufen können. Teilen Sie diese Befürchtung?
Ich denke nicht, dass «normale» ETF die Liquiditätscharakteristiken des Aktienmarkts verändern. Was mich jedoch ein bisschen verunsichert, sind die hohen Intraday-Schwankungen – vor allem auf dem amerikanischen Markt –, die wir vor ein paar Jahren noch nicht beobachten konnten. Ich bin aber nicht sicher, ob das in erster Linie mit der Liquidität zu tun hat. Diese Ausschläge hängen vielleicht mehr mit dem High Frequency Trading zusammen.

Von Gold spricht kaum mehr jemand. Zu Unrecht?
Der Preis kann steigen oder fallen. Mein Problem mit Gold ist folgendes: Da Gold im Gegensatz zu Aktien oder Obligationen keinen regelmässigen Ertrag generiert, ist es schwierig, dieses objektiv zu bewerten.