Die Schuldenkrise in der Euro-Zone zwingt die Währungshüter zu ungewöhnlichen Schritten: Um die Märkte am Leben zu halten, wird die Europäische Zentralbank (EZB) Anleihen von hoch verschuldeten Euro-Staaten oder auch privaten Schuldnern aus diesen Ländern kaufen.

Damit fällt ein weiteres Tabu der Geldpolitik. Die EZB verteidigte den jetzt möglichen Ankauf damit, dass ihre Aufgabe, die Preise stabil zu halten, nur bei funktionierenden Märkten möglich sei. Grundsätzlich ändere sich nichts an den geldpolitischen Zielen.

Die EZB hat sich noch nicht auf den Umfang eines möglichen Anleiheankaufs festgelegt. Sollte sie Staatsanleihen an den Märkten erwerben - ein direkter Kauf von den Staaten ist rechtlich nicht möglich -, würde die EZB einen Teil der Schulden der Staaten finanzieren. Die Europäische Zentralbank (EZB), die US-Notenbank Fed, die Bank of England, die kanadische Zentralbank und die Schweizerische Nationalbank (SNB) vereinbarten zudem Währungstauschgeschäfte.

Gegen Risikoaufschläge

Das Aufkaufen von Staatsanleihen ist eine umstrittene Massnahme. Sie sorgt auf der einen Seite dafür, dass die Risikoaufschläge für die kriselnden Länder fallen - und erleichtert es beispielsweise Griechenland, sich Geld an den Kapitalmärkten zu besorgen. Gleichzeitig bedeutet ein Ankauf von Staatsanleihen de facto das Anwerfen der Gelddruckmaschine, weil die Notenbanken dem Staat dadurch Kredite gewähren und sich die Geldmenge erhöht.

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Es ist die Krux der europäischen Währungshüter - wie aller anderen Notenbanker dieser Welt auch -, dass sie in dieser schweren Krise zum Spielball der Politik geworden sind. Die EZB ist konzipiert als unabhängige Zentralbank Europas nach dem Vorbild der Bundesbank, und Trichet und seine Leute sollen sich nicht von den Vorstellungen europäischer Politiker die Geldpolitik diktieren lassen. Denn innerhalb einer Währungsgemeinschaft von 16 Mitgliedsländern gibt es immer Regierungschefs, die sich niedrige Zinssätze wünschen, damit sie mit billigem Geld Politik machen können.

Schlingerkurs der EZB

Dem hat die EZB einen Riegel vorzuschieben. So zumindest die Theorie. Seit jedoch vor gut anderthalb Jahren die Finanzkrise begann, sieht die Praxis anders aus. Jetzt, wo die EZB mit der europäischen Schuldenkrise vor ihrer grössten Herausforderung steht, sieht man, wie gefährlich das werden kann.

Begonnen hatte diese tragische Geschichte für die EZB Mitte 2007: Als die Immobilienkrise in den USA Schwung bekam, als sich Banken untereinander kein Geld mehr liehen, weil sie nicht wussten, ob der Geschäftspartner das Geliehene am nächsten Tag noch zurückzahlen kann, da sprangen die Notenbanken ein - auch die EZB.

Man muss sich nur zurückerinnern. An einem einzigen Freitag im Juli vergab die EZB fast 100 Mrd Euro als 24-Stunden-Notkredit an die Geldhäuser. Und dabei sollte es nicht bleiben. Schon damals fragte man sich, wie schlimm es um die Stabilität des Finanzsystems steht, wenn sich die EZB und ihre Kollegen in anderen Ländern zu solchen Massnahmen gezwungen sehen.

Geld aus Hubschrauber werfen

Knapp drei Jahre später weiss man, wie schlimm es war. In den USA sind Dutzende kleiner Banken inzwischen Pleite gegangen. Die Insolvenz von Lehman Brothers, der US-Investmentbank, erschütterte die Wirtschaft so stark, dass die Konjunktur überall auf der Welt einbrach - in Deutschland um 5%. Und immer, wenn es darum ging, das Schlimmste zu verhüten, war die EZB genauso dabei wie die Kollegen von der US Federal Reserve und der Bank of England.

Längst sind die Notenbanken mit der Politik so verstrickt, wie es vor der Krise wohl kaum einer für möglich gehalten hat. Die FED und die Bank of England sind das beste Beispiel: Seit anderthalb Jahren kaufen sie bereits direkt Staatsanleihen auf. Was das konkret heisst, kann einem jeder Student der Volkswirtschaftslehre im zweiten Semester erklären. Die beiden Notenbanken drucken Geld, das sie dann unters Volk bringen.

Deshalb auch musste sich der amerikanische Notenbank-Chef Ben Bernanke den wenig schmeichelhaften Spitznamen «Helicopter-Ben» gefallen lassen - so, als würde er das frische Geld mit einem Hubschrauber in die Höhe befördern und von dort über Amerikas Städten und Dörfern ab- werfen.

Das mag im ersten Moment für die Beschenkten attraktiv klingen, führt aber auf Dauer immer zur Inflation. Wenn es nicht die Preise für Brot, Wurst, Bier und Benzin sind, die steigen, dann klettern vielleicht die Aktienkurse ungewöhnlich stark - die nächste Blase droht. Deshalb haben die Europäer der EZB genau diese Politik verboten.

Nur ist das schon über zwölf Jahre her. In der Zwischenzeit ist viel passiert: Obwohl es der europäische Stabilitätspakt zum Beispiel eigentlich nicht erlaubt, greifen die anderen Mitglieder der Währungsunion Griechenland mit Milliardenbeträgen unter die Arme. Und nun planen sie auch noch ein Instrument, mit dem jedes andere Land der Euro-Zone gerettet werden soll, wenn es von den Kapitalmärkten kein Geld mehr geliehen bekommt. Es ist wohl der letzte Pfeil, den die EU noch im Köcher hat.

Angesichts dieser Entwicklung fänden es Beobachter nicht überraschend, wenn auch die EZB am Ende jene Waffe einsetzt, die Banker gern als «nuclear option» bezeichnen - den direkten Aufkauf von Staatsanleihen angeschlagener europäischer Staaten. Wie es geht und wie das wirkt, konnte man in den USA und Grossbritannien beobachten. Es ist die Ultima Ratio. Für sie gibt es nur einen Grund: Die Angst, dass sich die Zahlungsunfähigkeit weiterer EU-Mitglieder anders nicht mehr verhindern lässt.

Dem Kontinent droht Inflation

Und es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera: Dem Kontinent droht die Inflation. Für die Rettung des Euro und die Sicherung der Konjunktur werden nicht nur die Sparer einen Preis zahlen müssen. Schneller als bisher würde ihr Geld dann an Wert verlieren.

Jean-Claude Trichet, der EZB-Präsident, sollte sich Gedanken um seinen Job machen. Ein EZB-Präsident, der so oft innerhalb kurzer Zeit die Meinung ändert, verliert die Glaubwürdigkeit an den Kapitalmärkten. Trichet müsste sich fragen, ob er sein Amt nicht für die Stabilität des Euro opfern muss.