Derzeit herrschen grosse Schwankungen an den Aktienmärkten. Das, obwohl vielerorts Staatspakete zur Vertrauensbildung geschnürt wurden. Welche Massnahmen sind nun gefordert, um Ruhe in die jeweiligen Märkte zu bringen?

Kurt Streit: Das Potenzial an Massnahmen der öffentlichen Hand ist wohl weitgehend ausgeschöpft. Es braucht jetzt eine gewisse Zeit, bis der Interbankenmarkt sich wieder normalisiert und die Banken sich wieder gegenseitig vertrauen. Ganz generell bedarf es nach einer derart fundamentalen Finanzkrise Zeit zur Beruhigung und Normalisierung.

Die Valiant-Aktie wurde per 22. September vom Swiss Performance Index (SPI) in den Swiss Market Index Mid (SMIM) geadelt. Damit gesellt sie sich zu den 30 liquidesten und grössten Mid-Cap-Aktien des Schweizer Aktienmarktes. Spüren Sie eine Veränderung?

Streit: Wir bemerken durchaus eine gestiegene Nachfrage nach unseren Aktien. Das täglich gehandelte Volumen liegt derzeit bei über 10000 Stück. Damit hat sich natürlich auch die Volatilität leicht erhöht.

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Haben Sie keine Angst, dass aufgrund der allgemeinen Entwicklung auch die Aktie der Valiant in eine Abwärtsspirale geraten könnte?

Streit: Bis anhin stellen wir keine Tendenzen fest, dass aufgrund der schlechten Stimmung unsere Aktie analog zu anderen Banktiteln abgestraft wird. Dazu trägt sicherlich auch unser konservatives und auf Kontinuität ausgerichtetes Geschäftsmodell bei. Hinzu kommt aber auch, dass unsere Aktie sehr breit gestreut ist. Wir haben über 46 000 Aktionäre, von welchen keiner mehr als 1% der Aktien besitzt.

Unzählige Banken wurden von der Finanzkrise regelrecht durchgeschüttelt. Wertberichtigungen und Staatsinterventionen sind die Folgen. Hat sich auch bei Ihnen in der Bank zeitweise Panik breit gemacht?

Streit: Die Mehrzahl unserer Kunden hat sehr besonnen reagiert. Vereinzelt stellen wir fest, dass Kunden Bargeld abheben und in ihr Schliessfach legen. Und auch Goldbarren und Goldmünzen sind stark gefragt.

Mit welchen Mitteln versuchen Sie letzten Endes Ihre Kunden doch noch zu beruhigen?

Streit: Das Wichtigste in schwierigen Zeiten ist der persönliche Kontakt. Der Kunde muss spüren, dass wir für ihn da sind. Entscheidend sind Transparenz und Ehrlichkeit in der Beratung.

Wie stark wird Valiant effektiv von der Krise tangiert?

Streit: Es ist utopisch zu glauben, dass irgendeine Bank die derzeit vorherrschende Finanzmarktkrise ungeschoren übersteht. Die Finanzmärkte sind welt-weit stark miteinander vernetzt. Entsprechend ist jede einzelne Bank im Vermögensverwaltungsgeschäft von der Krise betroffen. Im Retailgeschäft, das unsere Kerntätigkeit ist, spüren wir von diesen Turbulenzen nichts. Ausser dass wir einen grossen, zusätzlichen Mittelzufluss verzeichnen.

Was hat dann die Valiant besser gemacht als Ihre Konkurrenz?

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Streit: Wir fahren seit der Gründung von Valiant im Jahre 1997 die gleiche Strategie. Das bedeutet, dass wir unsere Tätigkeit ausschliesslich auf die Schweiz konzentrieren. Die Valiant ist die grösste und einzige rein in der Schweiz tätige Retail- und Vermögensverwaltungsbank mit einem hundertprozentigen Freefloat der Aktien ? und das ohne Staatsgarantie. (Anmerkung der Redaktion: Freefloat bedeutet, dass die Aktien frei am Markt gehandelt werden und kein Aktionär mehr als 5% des Aktienkapitals besitzt.)

Hätten aber gewisse Abenteuer im Ausland nicht zu wesentlich mehr Rendite und einem grösseren Bekanntheitsgrad verholfen?

Streit: Unbestritten, an gewissen Orten hätten sich durchaus lukrative Möglichkeiten ergeben. Aber unsere Geschäftspolitik konzentriert sich auf die Schweiz. Und daher sind wir auch zu keinem Zeitpunkt in amerikanische Risikopapiere investiert gewesen.

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Und trotz der konservativen Haltung wurden die Valiant-Kunden indirekt Opfer der Finanzkrise. So hat ihnen die Valiant Produkte der gefallenen US-Investmentbank Lehman Brothers verkauft. Wie viele ihrer Kunden sind vom Konkurs betroffen?

Streit: Bei den Lehman-Anlegern handelt es sich um einen sehr kleinen Anteil unserer Kunden. Wir sind derzeit daran, jeden Fall einzeln zu untersuchen und zu bewerten. Die Kundengeschichte gibt uns darüber Aufschluss, unter welchen Voraussetzungen dem Kunde Lehman-Produkte verkauft wurden. Sollte man dabei unsererseits Fehler feststellen, werden wir gemeinsam mit der betroffenen Person nach einer Lösung suchen.

Seit der Finanzmarktkrise hat vor allem das Segment der Regional- und Kleinbanken neben den Kantonalbanken profitiert. Rechnen Sie auch im 2. Halbjahr mit weiter zunehmenden Kundeneugeldern?

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Streit: Ich denke schon. Im 1. Halbjahr sind der Valiant bereits rund 530 Mio Fr. Neugelder zugeflossen. Und auch im 3. Quartal hat der Neukundenzufluss nochmals markant zugenommen.

Ist der Kundenandrang überhaupt noch zu bewältigen?

Streit: Der Andrang ist schon wesentlich höher als in vergangenen Jahren. Und natürlich kommt es am einen oder anderen Ort zu Engpässen. Aber bis anhin mussten wir noch keine Kunden bitten, in drei Tagen nochmals vorbeizuschauen (lacht).

Angesichts der starken Zunahme von Neukunden dürfte sich auch die Liquidität ihrer Bank massiv erhöht haben. Wie sichern Sie diese ab?

Streit: Wir hatten bereits immer eine sehr hohe Liquidität und durch die Mittelzuflüsse ist diese zusätzlich stark angestiegen. Derzeit verfügen wir über Liquiditätsreserven in der Höhe von über 1 Mrd Fr. Diese sind fast gänzlich im Schweizer Interbankenmarkt angelegt.

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In letzter Zeit haben Sie gleich mehrere Filialen in verschiedenen Kantonen eröffnet. Wie haben sich die Expansionen entwickelt?

Streit: Im laufenden Jahr haben wir Filialen in Freiburg und Zug eröffnet. Bulle, Baden und Basel folgen nächstes Jahr. Die Eröffnungen waren beide sehr erfolgreich. Vom Erfolg in Zug sind wir überrascht und mussten bereits neue Räumlichkeiten dazumieten. Dass der Leiter Zug bestens mit der Region vertraut und vernetzt ist, hat einen wichtigen Teil dazu beigetragen.

Bei Ihrer Expansionsstrategie legen Sie grossen Wert darauf, nur in angrenzenden Kantonen zu wachsen. Ist mit der Ansiedlung in Zug die Region Zürich der nächste Schritt?

Streit: Von unserer Vorgehensweise her, wäre Zürich logischerweise unser nächs-ter Schritt. Derzeit bestehen aber keine Pläne diesbezüglich. Ich glaube nicht, dass die Zürcher auf uns warten.

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Denken Sie daran, demnächst in anderen Schweizer Kantonen weitere Filialen zu eröffnen?

Streit: Organisch werden wir in den nächs-ten zwei bis drei Jahren keine Expansionen mehr vornehmen. Viel eher steht eine Konsolidierung an. Wenn sich aber eine Möglichkeit ergibt, über eine Übernahme, Kooperation oder Beteiligung in einem angrenzenden Gebiet oder in einem weiteren Kanton Fuss zu fassen, werden wir diese Chance sicherlich wahrnehmen.

Ist es überhaupt möglich, im momentanen Umfeld geeignete Übernahmekandidaten oder Kooperationspartner zu finden? Schliesslich gehen die Klein- und Regionalbanken als Gewinner aus der momentanen Krise hervor.

Streit: In den vergangenen drei bis fünf Jahren ist es jedem Bankinstitut sehr gut ergangen. Nun freuen sich vor allem die Klein- und Regionalbanken über das ihnen entgegengebrachte Kundenvertrauen. Längerfristig dürfte aber auch in unserem Segment die Frage nach der Refinanzierung wieder stärker ins Zentrum rücken. Entsprechend gehe ich davon aus, dass die Konsolidierungswelle auch in Zukunft weiter anhalten wird und sich damit für uns gute Möglichkeiten ergeben werden.

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Spüren Sie auch, dass Stellensuchende mehr Vertrauen gegenüber der Valiant Bank haben?

Streit: Durchaus! Mit grosser Befriedigung können wir sagen, dass sich heute viele gute Leute für die Valiant interessieren. Wir erhalten unzählige Bewerbungen von sehr gut ausgebildeten Personen, dies verstärkt durch die momentane Krise.

Trotz ihrer Expansionsstrategie und der Möglichkeit, gutes Personal abzuwerben, hat sich aber ihr Personalbestand seit 2002 kontinuierlich verringert. Woran liegt das?

Streit: Dies hat zwei Gründe: Der erste ist die laufende Effizienzsteigerung durch die Optimierung der Arbeitsabläufe. Zweitens werden im Rahmen unseres Modells des Aufbrechens der Wertschöpfungskette standardisierte Massenverarbeitungsbereiche ausgelagert.

Existieren bei der Valiant Pläne, im Jahr 2009 den Personalbestand weiter auszubauen?

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Streit: Durch die durchgeführte Expansion im Geschäftsstellen-Netz dürfte der Personalbestand im nächsten Jahr leicht ansteigen.