Die Unsicherheit ist zurück an den Börsen. Kommt es in den nächsten Wochen zum sprichwörtlichen Mai-Sellout?
Andreas Bickel:
Die Verkäufe setzten bereits im April ein. So gesehen verläuft das Börsenjahr nach Plan. Dennoch glauben wir nicht, dass nun eine heftige Korrektur folgt wie in den zwei Jahren zuvor.

Wieso?
Es gibt viele zuversichtliche Anleger, aber nur wenige sind investiert. Das Muster sehen wir nun schon seit einigen Jahren. Seit Frühling 2009 ist in Amerika der Leitindex S&P 500 um 130 Prozent gestiegen – trotzdem sind die Investoren weit entfernt von Euphorie. Dies ist die meistgehasste Hausse in der Börsengeschichte, wie einige findige Beobachter schon feststellten. Dennoch führt an Aktien derzeit kaum ein Weg vorbei.

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Aber für die Zurückhaltung der Anleger gibt es gute Gründe, oder?
Der Mainstream an den Börsen ist jetzt enttäuscht, weil China im letzten Quartal nur 7,7 Prozent gewachsen ist. Marktstrategen wie wir sehen das anders. Die Volksrepublik bewegt sich unserer Meinung nach immer noch in einer ziemlich beachtlichen Bandbreite. Oder nehmen wir die USA – auch dort fielen die Konjunkturdaten tiefer als erwartet aus. Doch das schwächere Wachstum ist eigentlich gut für Risikoanlagen wie Aktien, da so Übertreibungen vorgebeugt wird.

Sie sind Optimist – aber sind Sie es auch bezüglich Europa?
Die Nachrichten aus Europa sind tatsächlich ernüchternd. Die Staatengemeinschaft befindet sich gegenwärtig in einer Rezession.

Der Euro verliert an Wert. Wird nun die Untergrenze der Schweizerischen Nationalbank (SNB) bei 1.20 Franken je Euro erneut getestet?
Es gibt nach wie vor diverse Gefahrenherde in Europa. Spanien, Italien und sogar Frankreich könnten noch für Schockwellen sorgen. Allerdings sind wir der Meinung, dass Euro-Land den grössten Teil der Krise schon hinter sich hat. So gesehen, stellt sich irgendwann die Frage, wann die SNB die Franken-Euro-Anbindung neu beurteilen wird. Mittelfristig gehen wir davon aus, dass die Bindung aufgegeben wird – auch weil die Kaufkraftparität von Euro und Franken immer mehr gegen 1.20 rückt.

Wird die Europäische Zentralbank bald wieder zu unkonventionellen Mitteln greifen, wie es die Märkte vermuten?
Das ist zu erwarten. Um das Wachstum voranzutreiben, wird die Zentralbank wohl eine Erweiterung des sogenannten Draghi-Puts präsentieren, also des Versprechens zum unlimitierten Kauf von Staatsanleihen. Das würde jetzt für eine Anlage in Aktien sprechen.

Eigentlich sollten solche Liquiditätspritzen auch den Goldpreis treiben. Doch der fällt. Was ist da los?
Der Goldmarkt wird sehr stark von markttechnischen Signalen und vom elektronischen Handel bestimmt. Es wurden einige wichtige Schwellen durchbrochen, was eine Kaskade von Verkäufen ausgelöst hat. Unserer Meinung nach dürfte es Monate dauern, bis der Goldpreis wieder sein altes Höchst erreicht. Wir haben deshalb den Goldanteil in den Portefeuilles von im Schnitt 8 auf 5 Prozent gesenkt.

Wo finden denn die Anleger noch Sicherheit, wenn nicht im Gold?
Sicherheit gibt es heute nur gegen eine Prämie. Für den Kauf von kurzlaufenden schweizerischen und deutschen Staatsanleihen zahlen die Anleger mit Negativzinsen.

Und wo finden Mutige Chancen?
Wir denken, dass Aktien das positiver erwartete Jahr 2014 schon in den nächsten Monaten vorwegnehmen könnten. Chancen sehen wir auch bei einzelnen Schwellenland-Anleihen sowie steuerbegünstigten, börsenkotierten Immobiliengesellschaften im Ausland, den sogenannten REIT. Asiatische REIT sind schon stark gelaufen, amerikanische hingegen sind realistisch bewertet. Die Vehikel bieten ausserdem Schutz vor der Inflation.