«Tu was du willst« – mit diesem Geschenk entlässt die Kindliche Kaiserin in der «Unendlichen Geschichte« von Michael Ende Held Bastian in eine Welt voller Möglichkeiten. Doch Bastian muss leidvoll erfahren, dass nichts schwieriger ist, als genau diese Freiheit zu nutzen und die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Je aktiver er wird, desto mehr verstrickt er sich im Unglück und begreift erst nach mühevoller Suche, was der Satz wirklich bedeutet. Wie dem literarischen Helden Bastian in dem berühmten Kinderbuch geht es vielen Deutschen auch im Alltag. Insbesondere in Gelddingen wird die Freiheit immer anstrengender.

Nichtstun ist keine Option

Plötzlich gilt es, ständig den günstigsten Energieanbieter zu finden und gegebenenfalls jährlich zu wechseln. Beim Ersparten hüpft man von einer Bank zur anderen, um auch noch den letzten Zehntelpunkt bei den Zinsen herauszuholen. Bei Aktien ist man stets auf der Suche nach dem richtigen Einstiegszeitpunkt. Nichtstun ist keine Option, wenn man nicht vor sich selbst wie der letzte Versager dastehen will, der die neue Freiheit nicht gewinnbringend zu meistern weiss.

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Doch es gibt eine Strategie, mit der man souverän finanzielle Weichen stellen kann, ohne vor lauter Entscheidungsstress unglücklich zu werden. «Simplify your life», schlug schon Werner Tiki Küstenmacher in seinem Bestseller kurz nach der Jahrtausendwende vor, um seinen Lesern das Leben zu vereinfachen.
Der Rat ist heute passender denn je. Die «Welt am Sonntag» stellt die cleversten Ideen vor, mit denen sich das Leben in Finanzdingen entrümpeln lässt.

Die Masche der Kundengewinnung

Der Düsseldorfer Finanzexperte Udo Kessler hat die passende Simplify-Strategie für der Deutschen liebste Geldanlage entwickelt: das Tagesgeldkonto. Dafür hat Kessler in einer Studie den Markt der Tagesgeld-Anbieter einer Langzeituntersuchung unterzogen und ein interessantes Muster herausgefunden. Der Grossteil der Banken lockt die Sparer zunächst mit weit überdurchschnittlichen Zins-Konditionen.

Haben dann genügend Anleger zugeschlagen, werden die Zinsen nach einiger Zeit still und heimlich gekürzt. Dann gibt es oft nur noch Magerkost. Die Anbieter kalkulieren dabei durchaus mit ein, dass viele Ex-Neukunden ihr Geld wieder abziehen, doch der grössere Teil bleibt eben hängen. Vor allem Banken, die in den einschlägigen Rennlisten oben rangieren, nutzen diese Masche der Kundengewinnung.

Daneben gibt es aber einige wenige Institute, die ihren Stammkunden auf dem Tagesgeldkonto dauerhaft überdurchschnittlich hohe Zinsen bieten. Die mögen vielleicht nicht immer unter den führenden Geldhäusern in den Ranglisten auftauchen, doch für die Verbraucher sind diese bares Geld wert.

Clever sein zahlt sich aus

«Clevere Sparer, die in den vergangenen zwölf Jahren auf eines der nachhaltig erstklassigen Tagesgeldhäuser gesetzt haben, sind damit exzellent gefahren«, sagt Kessler. Bei einem Anlagebetrag von 10.000 Euro kommen sie auf ein Zinsplus von bis zu 960 Euro gegenüber einem durchschnittlich verzinsten Tagesgeldkonto.

Die Sparer mussten für diesen Mehrertrag weder ständig die Ranglisten studieren noch ihr Geld auf schlecht verzinsten Tagesgeldkonten vergammeln lassen. Heute kann es Anlegern schnell passieren, dass sie gar keinen Zins mehr für ihr Erspartes bekommen, vor allem bei Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken gibt es oft kaum mehr als 0,1 Prozent. «Das ständige Zins-Hoppen ist für die meisten Geldparker eine nervige und zeitraubende Sache. Gleichzeitig haben sie aber auch das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn sie den höheren Zinsen nicht hinterherjagen«, sagt Kessler.


Die «big five« des Tagesgeld

Seine Erfolgsstrategie kann jeder Anleger nachahmen. Er muss lediglich bei einer der wenigen Banken ein Tagesgeldkonto einrichten, die den Stammkunden kontinuierlich mehr Zinsen vergüten als der Durchschnitt der Geldhäuser.

Das war in den vergangenen zwölf Jahren gerade mal bei fünf Instituten der Fall, wie die FMH-Finanzberatung im Auftrag des Düsseldorfer Studienautors ermittelte: bei der 1822direkt der Frankfurter Sparkasse, der ING-DiBa, der Santander Consumer Bank, der SKG Bank sowie der Volkswagen Bank direct.

Sie alle hatten von Anfang 2002 bis Ende 2013 ein Tagesgeldkonto im Angebot, das in jedem einzelnen Jahr überdurchschnittlich hohe Zinsen gutschrieb. Als Messlatte diente dabei der FMH-Tagesgeld-Index.

Unterschiede sind erheblich

Dem FMH-Index zufolge zahlten die Banken in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt 1,8 Prozent für Tagesgelder ab dem ersten Euro. Am meisten vergüteten sie 2008 mit durchschnittlich 3,2 Prozent. Im vergangenen Jahr gab es nur magere 0,8 Prozent.

Nach Berechnungen von Kessler ist der Unterschied zwischen den nachhaltigen Top-Anbietern und dem Durchschnitt erheblich. So waren beim Langzeit-Testsieger 1822direkt satte 39,4 Prozent mehr Zinsen drin. Wer Anfang 2002 exakt 10.000 Euro auf das Tagesgeldkonto des Instituts einzahlte, hatte Ende 2013 stolze 13.398 Euro auf der hohen Kante.

Das sind 960 Euro mehr als bei einem durchschnittlich verzinsten Tagesgeldkonto, das lediglich 12.438 Euro einbrachte. Selbst beim Drittplatzierten, der Volkswagen Bank direct, kommen Kunden noch auf einen Zinsvorteil von 24,5 Prozent – das sind 597 Euro.

Auch real gewannen die Anleger

Bemerkenswert: Alle Top-Anbieter zahlten einen Durchschnittszins, der deutlich über der Inflation lag. Das eingesetzte Kapital der Anleger wurde in den vergangenen zwölf Jahren also auch real vermehrt. Kessler unterstellte, dass der Kunde dem gewählten Tagesgeldkonto zwölf Jahr treu geblieben ist und verwendete bei seiner Auswertung nur die Konditionen für Bestandskunden.

«Denn ein aufwendiges Tagesgeld-Hopping zum jeweils besten Anbieter ist gar nicht nötig«, fasst Studienautor Kessler seine Simplify-Strategie zusammen.

Der überforderte Verbraucher

Auch bei der Wahl des Energieversorgers fühlen sich viele Verbraucher überfordert. Zwar sind die Märkte für Strom und Gas bereits seit Ende der 1990er-Jahre liberalisiert. Doch in der Praxis können die Bundesbürger erst seit wenigen Jahren wirklich frei ihren Anbieter wechseln.

Wer nicht seine Lebenszeit mit Neukundenbonus, Wechselprämien oder dem Kleingedruckten verschwenden möchte, wählt eine ähnliche Strategie wie beim Tagesgeld. Auch an den Energiemärkten lassen sich bestimmte Firmen ausmachen, die dauerhaft bessere Konditionen als der Durchschnitt haben. Und wie beim Tagesgeld handelt es sich nicht um die Marktschreier, die stets die vorderen Plätze in den Preislisten der Vergleichsportale anführen, wie eine Langfristanalyse des Vergleichsportals Verivox offenbart.

Preiserhöhungen immer schnell möglich

Bei den Energieversorgern ist die Neukundenmasche besonders ausgeprägt. Selbst bei den langfristig günstigen Anbietern sind die Kunden nicht davor gefeit, dass sie nach einer bestimmten Zeit mit Preiserhöhungen konfrontiert werden.

Insofern sei die Simplify-Strategie, also einmal zu wechseln und danach das ganze Leben Ruhe haben, nicht in der Reinform umsetzbar. Aber zumindest müssten sich Kunden bei den nachhaltig günstigen Anbietern keine Sorgen machen, übers Ohr gehauen zu werden, auch wenn sie mal einige Jahre untätig bleiben. Ausserdem bietet Verivox einen Sparagenten und Rechnungsassistenten an, der Verbrauchern stressfrei die Arbeit abnimmt.

Zu den günstigen Stromanbietern gehören die Tochter der Pfalzwerke, 123Energie, Vattenfall mit seinem Spezialtarif Easy12 und die ebenfalls bundesweit tätigen Stadtwerke Flensburg. Gegenüber dem Durchschnitt sind diese Tarife zehn Prozent günstiger, und im Vergleich zum Grundversorgertarif lassen sich 16 Prozent sparen.

Noch höher ist das Potenzial bei den Gasanbietern. Hier bieten die Versorger, die auf beständige Modelle setzen, nach Berechnungen von Verivox Einsparmöglichkeiten gegenüber dem Durchschnitt von bis zu 17 Prozent und gegenüber dem Grundversorgermodell sogar von gut einem Viertel. Zu den nachhaltigen Anbietern zählt Verivox dabei Maingau, E wie einfach und ExtraEnergie. «Trotzdem sollte man einmal im Jahr einen Blick auf die Marktkonditionen werfen und gegebenenfalls gegensteuern«, sagt Dagmar Ginzel von Verivox.

Aktien bereiten den grössten Stress

Ausgerechnet eine der langfristig lukrativsten Anlageformen bereitet Sparern den grössten Stress: Aktien. Viele Bundesbürger haben zwar verinnerlicht, dass sie für ihre Altersvorsorge oder den generellen Vermögensaufbau an Dividendenpapieren nicht vorbeikommen. Doch Auswahl, Timing und Angst vor Verlusten hält viele ab. Um diese Abstinenz zu rechtfertigen, sind Bundesbürger stets auf der Suche nach Gründen, warum Aktien Teufelszeug sind. Jede kleine Börsenkorrektur erzeugt Angst vorm Crash.

Statt die Fehlwahrnehmung zu befeuern, geht es auch einfacher und lukrativer. Mit einem Aktiensparplan etwa können sich Anleger das Leben leichter machen. Denn dieser besticht oft durch einen reduzierten, aber dennoch effizienten Ansatz, entspricht also genau dem Credo der Entrümpelungsgurus: Man trifft einmal die Entscheidung, anschliessend passieren die Zukäufe automatisch.

Am besten über ETFs investieren

Um ähnlich wie bei der Auswahl von Strom- und Gasanbietern und Tagesgeldkonten auch bei Aktien nachhaltig investiert zu sein, sollte man zudem auf Dividendenstärke achten. Hier empfiehlt sich die Investition in Indexfonds (ETF) mit sogenannten Dividendenaristokraten. Das sind Werte, die über mindestens eine Dekade erwiesen haben, dass sie ihre Dividende immer leisten.

«Beim Aktiensparen ist es das Beste, einen Sparplan einzurichten, mit dem man regelmässig einen bestimmten Betrag anspart. Zu traden und auf besonders günstige Kaufgelegenheiten zu setzen, führt zu unnötiger Kompliziertheit ohne ein Mehr an Ertrag«, bringt Marc-Oliver Lux, Vermögensverwalter von Lux und Präuner, die Simplify-Strategie für Aktienanleger auf den Punkt.

In der «Unendlichen Geschichte« erreicht Bastian sein Glück, indem er Verantwortung abgibt. Im wahren Leben könnte das Prinzip des Weniger dabei helfen, sich auf die wirklich wichtigen Sachen zu konzentrieren.

Dieser Artikel ist zuerst in unserer Schwester-Publikation «Die Welt» erschienen.