Der Automobilsektor kommt nicht zur Ruhe. Autonomes Fahren, Elektrifizierung und Carsharing bereiten den etablierten Herstellern schon seit längerem Kopfzerbrechen. Zudem bleibt das Thema Diesel ein Dauerbrenner. Auf den Dieselskandal, als Hersteller versuchten, zu hohe Emissionswerte ihrer Fahrzeuge zu manipulieren, folgte vor wenigen Tagen das Dieselverbot. Ausgerechnet im Autoeldorado Deutschland dürfen bald für Fahrzeuge mit hohem Stickoxid-Ausstoss Fahrverbote verhängt werden. Auch in der Schweiz planen erste Kantone, solche Fahreinschränkungen unter bestimmten Umständen einzuführen. 

Auf die insgesamt eigentlich verheerenden Nachrichten reagierten Automobilaktien kaum. Nach Bekanntgabe des Dieselverbots gaben die Aktien von Volkswagen beispielsweise gerade mal 1,4 Prozent ab, ein überschaubares Tagesminus. Seit Jahresbeginn zählt der Automobilsektor sogar zu den wenigen Gewinnern. Die Verluste nach der grossen Marktkorrektur im Februar hat er bereits wieder aufgeholt. Die Performance an der Börse hat einen Grund.

Mit Blick auf den Umsatz geht es der Branche überraschend gut

Denn mit Blick auf den Umsatz geht es der Branche überraschend gut. Der europäische Autosektor konnte in den ersten Monaten dieses Jahres 7 Prozent zulegen. Die Verkäufe stiegen, wohl dank den besseren Bedingungen an den Arbeitsmärkten und der positiven Konsumentenstimmung. Auch in Ländern wie Russland (+30 Prozent) und Brasilien (+20 Prozent) läuft es 2018 bisher gut.

Trotzdem stehen die etablierten Automobilhersteller wie Mercedes-Benz, Volkswagen, Renault oder Ford vor riesigen Herausforderungen, was sich dann ab dem kommenden Jahr in den Erfolgsrechnungen zeigen sollte.

Wollen die Hersteller ihre Abgasprobleme in den Griff bekommen und gleichzeitig aufstrebende Unternehmen wie Tesla oder Uber auf Distanz halten, kommen sie an höheren Ausgaben für Forschung und Entwicklung nicht vorbei. Mercedes hat bereits angekündigt, dass der Anteil von Forschung und Entwicklung im laufenden Geschäftsjahr auf 7 Prozent des Umsatzes steigen soll. 2016 waren es noch 6,4 Prozent. Anleger müssen sich daher künftig auf sinkende Gewinne und kleinere Margen einstellen. Analysten rechnen mit einer Übergangsphase, die bis 2030 dauern könnte.

Die Forschungsinvestitionen werden um mehr als 10 Prozent zunehmen 

Im zurückliegenden Geschäftsjahr belief sich der Umsatz europäischer Autohersteller auf rund 500 Milliarden Euro, der Betriebsgewinn (Stufe Ebit) dürfte bei 50 Milliarden liegen. «Angesichts eines komfortablen Net-Cash-Bestandes von 71 Milliarden Euro sollten die Hersteller in der Lage sein, in neue Technologien zu investieren», schreiben die Bloomberg-Analysten Michael Dean und Gillian Davis. Sie rechnen damit, dass die Forschungsinvestitionen um mehr als 10 Prozent zunehmen werden. In diesem Tempo sollte es bis 2020 weitergehen, so ihre Einschätzung.

Das meiste Geld dürfte wohl künftig in die Elektrifizierung der Fahrzeuge fliessen. Europas grösster Fahrzeughersteller VW kündigte bereits an, dass es bis 2030 für jedes der weltweit gut 300 Modelle des Konzerns in allen Fahrzeugklassen und -segmenten mindestens eine elektrifizierte Variante geben soll. Zurzeit hat VW den E-Golf und den E-Up als rein elektrische PKW im Angebot. Dazu kommen die Plug-in-Hybride Golf GTE, Passat GTE und Passat GTE Variant. Der Elektro-Bulli soll 2022 auf die Strassen kommen.

BMW plant, die Produktion von batteriebetriebenen Mini-Fahrzeugen auszubauen und wird sich dafür wohl mit dem chinesischen Hersteller Great Wall Motor zusammentun. Mercedes wiederum hat mit Geely-Chef Li Shufu einen einflussreichen Anteilseigner an Bord, der die Elektromobilität vorantreiben will. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Shufu über eine Investmentgesellschaft fast 10 Prozent an Mercedes gehören. Zu seinem chinesischen Autokonzern Geely gehören mittlerweile der malaysische Hersteller Proton, die britische Marke Lotus sowie die schwedische Traditionsmarke Volvo. Diese will bereits ab 2019 nur noch Autos mit Hybrid- oder Elektroantrieb anbieten. Modelle mit Verbrennungsmotoren sollen Schritt für Schritt abgesetzt werden.

Toyota wird in Europa  keine Dieselfahrzeuge mehr verkaufen

Noch rascher schreitet Toyota voran. Am Rande des Genfer Autosalons kündigte CEO Johan van Zyl an, dass sich der japanische Hersteller nur noch auf seine Hybridtechnologie konzentrieren wolle. In Europa werden keine Dieselfahrzeuge mehr verkauft. Die Auslaufphase soll noch dieses Jahr beginnen. Toyota gilt insgesamt als der grosse Nutzniesser des Dieselskandals. So konnte der drittgrösste Autobauer seinen Absatz in Europa im vergangenen Jahr um 14 Prozent steigern, während der gesamte Automarkt nur um 3,4 Prozent vorankam. Grossen Anteil am Erfolg hatten die Hybridfahrzeuge: Hier konnte Toyota 2017 in Europa um 45 Prozent zulegen.

Aktionäre stehen nun vor der undankbaren Aufgabe, jetzt schon auf den künftigen Gewinner im Wettlauf um die beste Fahrzeugtechnologie der Zukunft zu setzen. Wer sich kurzfristig engagieren will, hat es sicher einfacher, denn noch sind die Umsatztreiber intakt und die tiefen Bewertungen der Aktien einladend.

Die Aktien des französischen Herstellers Renault etwa sind mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis 5 für die nächsten zwölf Monate bewertet; 18 von Bloomberg befragte Analysten raten zum Kauf der Aktien, nur 3 würden die Titel verkaufen.

Das Unternehmen profitiert gegenwärtig von der Erholung des Automarktes in Europa und scheint auch in China und anderen aufstrebenden Märkten Fuss zu fassen. Von Vorteil bei der Entwicklung von Elektrofahrzeugen könnte die Zusammenarbeit mit Nissan sein, an der Renault mit 43 Prozent beteiligt ist.

Bei Volkswagen lastet die Unsicherheit beim Thema Diesel schwer

Ähnlich könnte sich für Daimler Aktionär Geely auszahlen. Offenbar sind beide an einer engeren Bindung interessiert, wie am Autosalon in Genf zu hören war. In Asien konnte Daimler zuletzt kräftig wachsen, der Markt wird immer wichtiger. Die Aktien sind mit einem KGV 7 bewertet. Beim Blick auf die Aktien der anderen deutschen Hersteller Volkswagen und BMW gilt grössere Vorsicht. Bei Volkswagen lastet die Unsicherheit beim Thema Diesel schwer; BMW scheint sehr behäbig, wenn es um Innovationen geht.

Im Segment der Zulieferer der Autoindustrie ist es für Anleger im Moment schwierig. Die Konkurrenz ist gross, die meisten Unternehmen stehen vor hohen Investitionen, wollen sie doch bei der Elektrifizierung dabei sein. Ausnahmen sind innovative Reifenhersteller wie Continental. Sie dürften auch künftig mit einem stabilen Geschäft rechnen, die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Continental entwickelt neben den klassischen Reifen auch Brems- und Sicherheitssysteme. Die Aktien sind mit einem KGV 14 bewertet.

 

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Diesel-Verbot


Urteil Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat am 27.2.2018 verkündet, dass Fahrverbote in deutschen Städten rechtens sind. Dort ist es nun erlaubt, mit Fahrverboten auf das Überschreiten der EU-Norm für Feinstaub und Stickoxide zu reagieren. Dies dürfte wohl vor allem ältere Dieselautos betreffen, die vor 2009 hergestellt wurden.


Folgen Der Absatz von Autos mit Dieselmotor ist im Februar in Deutschland weiter eingebrochen. Die Neuzulassungen sind gemäss Kraftfahrt-Bundesamt um gut 19 Prozent gefallen. Damit war nur noch knapp jedes dritte neu zugelassene Auto in Deutschland im Februar ein Dieselmotorauto. Bereits im Januar ging der Verkauf um 18 Prozent zurück. Dies dürfte Konsequenzen für die Hersteller haben. So mancher wird künftig nicht mehr auf Dieselfahrzeuge setzen und die Produktion zurückfahren (siehe Text nebenan). Arbeitsplätze und Standorte sind in Gefahr.


Schweiz Als erster Kanton plant nun Genf vorübergehende Fahrverbote für Dieselautos. Bei starker Luftverschmutzung sollen Autos mit hohem Schadstoffausstoss temporär nicht mehr fahren dürfen. Die Frage ist allerdings, ob es dafür auch eine Regelung auf Bundesebene braucht. Die Genfer Regierung will die Fahrverbote mit flankierenden Massnahmen abfedern: etwa mit Gratisparkplätzen ausserhalb der Stadt.