Dividendenschätzungen gelten als nachlaufende Indikatoren: Sie werden von Analysten oft erst spät nach unten korrigiert. Rascher reagieren derzeit die Derivatemärkte, wo zukünftige Zahlungen gehandelt werden. «Die Dividendenswaps für europäische Blue Chips zeigen bereits einen Rückgang von 30 Prozent, während die Analysten noch Wachstum erwarten», erläutert Citigroup-Analyst Adrian Cattley.

Der gleiche Effekt betrifft auch Schweizer Werte. Für den jüngsten Verfall der SMI-­Dividendenderivate per Dezember 2012 liegen die Preise bereits 3 Prozent niedriger. Die Futures mit Verfall Dezember 2013 werden bereits 8 Prozent billiger gehandelt, und die Dividenden-Futures per Ende 2014 und Ende 2015 liegen noch einmal 5 Prozentpunkte tiefer.

Auch der Derivatemarkt geht demnach von einer deutlichen Abkühlung der Konjunktur aus und signalisiert dies mit 15 Prozent tieferen Dividendenerwartungen für die kommenden vier Jahre bei den SMI-Werten. «Je grösser die Differenz zwischen den Dividendenerwartungen und denen bei den einzelnen Aktien, desto grösser ist das Risiko von Dividendenkürzungen», sagt Christian Mueller-Griessmann, Analyst bei Goldman Sachs. Allerdings gibt es etliche Firmen, die auch bei leicht rückläufigen Gewinnen eine unveränderte Dividende ausschütten. Schwierig wird es aber für Firmen, bei denen der dieses Jahr eingespielte Gewinn weit unter der Vorjahreshöhe ausfällt.

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Finanzsektor unter Druck

Die Credit Suisse zahlte beim letzten Termin für das Geschäftsjahr 2010 noch 1.30 Franken pro Aktie aus – jetzt erwarten Analysten vor dem Hintergrund der schlechten Resultate und dem Druck, mehr Eigenkapital aufzubauen, eine Nullrunde für dieses und das nächste Jahr. Die UBS verzichtet gleich ganz auf eine Dividende. Für die Privatbank Sarasin haben die Analysten von Goldman Sachs ihre ­Dividendenschätzung bereits um einen Fünftel reduziert. Für Julius Bär und Vontobel liegen die Erwartungen noch unverändert auf Vorjahreshöhe.

Für Versicherungen sind ebenfalls Enttäuschungen vorprogrammiert. Swiss Life gilt laut Analysten als Kandidat, der seine letztjährige Auszahlung von 4.50 Franken aufgrund der Niedrigzinsumgebung kürzen könnte. Bei Baloise rechnet man ebenfalls mit zurückhaltenderen Ausschüttungen. Einigermassen unbesorgt können lediglich Anleger bei Zurich ­Financial Services sein – hier gelten die Dividenden als gesichert.

Analysten der WestLB rechnen damit, dass in einem rezessiven Szenario die ­Logistiker wie Panalpina hart getroffen werden dürften. Nach zwei Nullrunden könnten die Erwartungen, die von 2.30 Franken pro Aktie ausgehen, enttäuscht werden. Auch für den Konkurrenten Kühne & Nagel haben etliche Analysten ihre Erwartungen an den Gewinn reduziert. Die Dividendenverfechter hoffen auf rund 2.80 Franken pro Aktie, aber mit gewissem Enttäuschungspotenzial.

Malaise bei der Industrie

In der Industrie machen sich Bremsspuren aufgrund des rückläufigen Momentums der Weltwirtschaft und des starken Frankens bemerkbar. Holcim etwa ­leidet gleich doppelt unter einer miss­lichen Währungs- und Kostenkon-stella­tion. Umsatz, Gewinn und Margen schrumpfen. Für das letzte Jahr wurden 1.50 Franken pro Aktie bezahlt. Alle höheren Schätzungen in Analystenberichten dürften früher oder später korrigiert werden.

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ABB wurde erst jüngst von einer Zürcher Privatbank als solider Dividendenzahler eruiert – der Analystenkonsens bei den Herstellern teurer Investitionsgüter geht indes in die andere Richtung. «Hier haben die Revisionen der Gewinnschätzungen erst begonnen», warnen etwa die Experten der Unicredito. Für weitere Zykliker wie Lonza und Syngenta haben etliche Analysten ihre Dividendenprognosen für die kommenden Jahre erst mal auf unveränderter Höhe belassen. Auch hier ­besteht das Risiko auf Kürzungen.

Bereits jetzt ist eine weitere Nullrunde beim Raffineriekonzern Petroplus absehbar. Die beiden US-Neuzugänge, Trans­ocean und Weatherford, zahlen ebenso keine Dividenden wie die arg unter Druck stehenden Technologieunternehmen ­Logitech, Kudelski, Temenos und ADB.

Weniger Dividenden: Verlierer in Europa

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Versorger
Die Analysten der Citigroup haben die europäischen Blue Chips auf mögliche Dividendenkürzungskandidaten untersucht. Sie sind reichlich fündig geworden bei Telekom- und Versorgeraktien. Die wichtigsten Kriterien sind das Verhältnis von Schulden zum Betriebsgewinn sowie die Höhe der Gewinne des ersten Halbjahres im Vergleich zum Vorjahr. Zu den anfälligsten ­Firmen zählen der Handy-Konzern Nokia (hier rechnen viele Analysten mit einem Totalausfall), Versorger wie RWE, E.On, Iberdrola, Veolia und GDF Suez sowie Telekom-Konzerne wie TeliaSonera, France Télécom, Portugal Telecom und die spanische Telefónica.

Mittelmeerraum
Dass viele Kandi­daten für Dividendenkürzungen aus den Euro-Mittelmeerländern kommen, ist kein Zufall – hier stehen die operativen Geschäfte besonders ­unter Druck. Das spürt auch einer der wenigen Konzerne aus Griechenland, der bisher eigentlich vergleichsweise gut über die Runden gekommen war: Coca-Cola Hellenic Bottle, die Aktie der Abfüllgesellschaft, hält sich mit einem Minus von 6 Prozent im laufenden Jahr vergleichsweise gut.

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