Die zweite konzertierte Aktion der führenden Notenbanken hat am Dienstag für Furore gesorgt. Um die Spannungen an den Geldmärkten zu mildern, stellt die Schweizerische Nationalbank (SNB) kurzfristig bis zu 6 Mrd Dollar Liquidität zur Verfügung, die US-Notenbank Fed leiht über ein neues geldpolitisches Instrument gar 200 Mrd Dollar aus. Das Besondere ist aber nicht die Summe, sondern das Instrument: Die Fed spricht das Geld über neue «Term Securities Lending Facility» (TSLF). Dieses Finanzierungsinstrument erlaubt es den Banken, sich für 28 Tage im Tausch für hypothekenbesicherte Anleihen Geld zu leihen. Die Aktion soll ab dem 27. März beginnen. Doch schon am Dienstag löste die Ankündigung dieser «Sanierungsmassnahmen» weltweite Euphorie auf den Märkten aus.

Und sie stoppte die bis dahin scheinbar unaufhörliche Talfahrt der US-Währung. Kurz vor Erreichen eines paritätischen Niveaus mit dem Franken schnellte der Greenback wieder nach oben und notierte im späten Handel bei 1.0294.

Diese überschwengliche Reaktion zeigt, welche Mächte derzeit das Sagen haben. Es ist nicht die Zinspolitik der Nationalbanken, die Einfluss auf die Währungsverhältnisse nimmt, sondern die grosse Unsicherheit an den Märkten. So dürfte der Zinsentscheid der SNB im Nachrichtengetümmel untergehen, zumal niemand mit einer Bewegung rechnet.

Fast einhellig ist im Markt die Meinung, dass die SNB das Zielband für den Referenzzinssatz – den Dreimonats-Libor – zwischen 2,25 und 3,25% belässt. Die Inflation bewegt sich gegenwärtig oberhalb der von der SNB als Schmerzgrenze erachteten 2%-Schwelle, dürfte sich aber aufgrund sinkender Nahrungsmittel- und Ölpreise im Verlauf des Jahres leicht zurückbilden. Und gemäss den Konjunkturforschungsstellen wird sich das Wirtschaftswachstum noch mehr als bisher angenommen verlangsamen. Die Volkswirtschafter von BAK Basel Economics sprechen etwa von einer «leichten» Korrektur ihrer Prognosen – bisher erwarteten sie für 2008 ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 2,3%. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (Kof) wird hingegen ihre bisherige BIP-Prognose von 2,1% etwas stärker nach unten korrigieren. «Die Wachstumsverlangsamung wird mit einer Verzögerung die Inflation dämpfen. Das weiss auch die SNB», sagt Jan Amrit Poser. Der Chefökonom der Privatbank Sarasin rechnet erst im 3. Quartal mit Zinssenkungen der SNB. Diese würden bis zum 1. Quartal 2009 in Schritten von 25 Basispunkten erfolgen, bis ein Leitzins von 2% erreicht sei.

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Auftrieb für Franken

Kurzfristig wird der Franken gegenüber der US-Währung weiter Auftrieb erhalten. Diese Entwicklung ist aber weniger auf eine Franken-Stärke und schon gar nicht auf die Geldpolitik der SNB zurückzuführen, sondern vielmehr Ausdruck einer Dollar-Schwäche. Denn aufgrund der aggressiven Zinssenkungen der US-Notenbank Fed und der darbenden Wirtschaft jenseits des Atlantiks hat der Greenback allgemein an Strahlkraft eingebüsst. Daran ändern auch die aktuellen Geldspritzen nichts, da sie lediglich kurzfristiger Natur sind und nur die Versorgung mit ausreichender Liquidität sicherstellen wollen. Aber bisherige und noch folgende Zinssenkungen des Fed sowie das milliardenschwere Konjunkturpaket der Bush-Regierung dürften die US-Wirtschaft irgendwann stabilisieren.

Die sehr unterschiedlichen Markterwartungen machen jede langfristige Dollar-Prognose zum reinen Ratespiel. Hinter der langfristigen Entwicklung des Dollar-Franken-Wechselkurses stehen auch laut Jan Amrit Poser grosse Fragezeichen. «Aus allen meinen Analysen geht hervor, dass die USA sich 2009 eher mit Deflations- als mit Inflationsängsten herumschlagen werden», erläutert er. Denn eine implodierende Immobilienblase habe – wie das Beispiel Japan in den 90er Jahren zeige – eher deflationäre Effekte. «Ich glaube, dass auch kommende Zinssenkungen des Fed bereits im gegenwärtigen Wert des Dollar inbegriffen sind», sagt der Ökonom. Und da die US-Währung fundamental unterbewertet sei, würde sie langfristig auch gegenüber dem Franken wieder steigen. Jan Amrit Poser hält einen Wechselkurs von 1,30 auf lange Sicht für angemessen.

Grosse Ungleichgewichte

Der Euro notiert gegenüber dem Franken inzwischen auf 1,5791. Die Konjunkturlage im Euroraum ist prekärer als in der Schweiz. Insbesondere in Südeuropa sei die Stimmung schlecht und in Deutschland komme der Konsum nicht in Schwung. «Das Inflationsrisiko ist im Euroraum hoch», warnt Poser. Dennoch erwartet er schon ab dem 2. Quartal Zinssenkungen der EZB. «Das spricht dafür, dass für das Währungspaar Euro/Franken ein Wechselkurs von 1,70 der Vergangenheit angehört», sagt der Fachmann. Fundamental hält er 1,60 für langfristig wahrscheinlich.

Konjunktur- oder Börsenprognosen sind generell schwierig, und traditionell sind Voraussagen für die Devisenmärkte noch viel problematischer. Jetzt erst recht, da weltweit die Verunsicherung an den Finanzmärkten regiert. Diese Prognose-Unsicherheit wird gewissermassen durch eine aktuelle Studie der UBS unterstrichen. Danach würden die Währungen der Welt derzeit in einem groben Missverhältnis zueinander stehen. «Im Kampf gegen die Inflation dürften asiatische Länder ihre Währungen bald deutlich aufwerten lassen», schreiben die Verfasser der Studie. Die UBS-Erkenntnis legt eine weitere Schlussfolgerung nahe: Wird das weltweite Währungsgefüge von Asien ausgehend durcheinander gewirbelt, werden Wechselkursprognosen noch um eine Stufe schwieriger.

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