Euro-Krise hiess bis vor Kurzem das Schlagwort an den Finanzmärkten doch jetzt ist es der Dollar, der von den Investoren verschmäht wird. Gegenüber dem Euro verlor die US-Leitwährung 2% und handelt nun zu 80 Cent je Dollar; zum Franken büsste der «Greenback» ebenfalls 2% ein und steht nun bei 1.06 Fr.

Das eigentlich Überraschende an dieser Entwicklung ist jedoch nicht die Höhe der Dollar-Abwertung. Erstaunlich ist vielmehr, dass die schlechten Nachrichten aus den USA und die Kursstürze an der Wall Street überhaupt den Dollar belasten.

Daten vor Emotionen

Denn noch vor vier Wochen sah dies ganz anders aus. Damals hatten die Zahlen vom US-Arbeitsmarkt ebenfalls schon für grosse Enttäuschung gesorgt. Doch damals stürzte anschliessend nicht der Dollar ab, sondern der Euro, sogar unter die Marke von 1.20 Dollar. Das Argument war damals, dass die USA der sichere Hafen seien, wenn die konjunkturelle Erholung sich doch als trügerisch erweisen sollte.

Doch nun scheint sich etwas Grundlegendes in den Handelssälen zu verändern. «Wir stellen in den vergangenen Tagen eine bedeutende Verschiebung an den Devisenmärkten fest», sagt Vincent Chaigneau von der französischen Bank Société Générale. Denn erstmals seit Monaten werde der Dollar von schlechteren Aussichten an den Märkten belastet. «Das zeigt, dass sich das Augenmerk von den Risiken bei Staatsschulden und Banken fortbewegt und stärker auf ökonomische Daten richtet», so Chaigneau.

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Investoren, Händler und Spekulanten haben also offenbar die Krise in Griechenland und die Probleme der Banken zur Seite gelegt und schauen nun vermehrt auf die Zahlen der Wirtschaftsstatistiker. Und dabei stellen sie fest: Die USA haben wohl mindestens so grosse Probleme wie die Länder der Euro-Zone, stehen in mancher Hinsicht sogar schlechter da. So wurden in den USA im Juni zwar im Privatsektor 83 000 Arbeitsstellen geschaffen. Gleichzeitig strich der Staat jedoch 225 000 Menschen die Stelle.

Hinzu kommt, dass die EU-Staaten zwar ein Problem bei der Höhe ihrer Staatsverschuldung haben. Die Lage des US-Finanzministers ist aber noch viel verzweifelter. Er müsste sein Budget eigentlich um rund 15% kürzen, nur damit das Schuldenniveau seines Landes nicht weiter steigt. Das ist sogar mehr als in Griechenland, Japan oder Grossbritannien, den bisherigen Sorgenkindern der Finanzmärkte. Diese jedoch gehen das Problem inzwischen wenigstens an, haben bereits drastische Massnahmen angekündigt, um die ausufernde Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen. Nicht so dagegen die Vereinigten Staaten. Dort denkt die Obama-Regierung derzeit eher noch über weitere Ausgabenprogramme nach, da am Immobilienmarkt schon ein erneuter Einbruch droht.

Herkulesarbeit für Obama

Zu einem Wandel dürfte es nach Meinung der meisten Experten erst kommen, wenn die Demokraten Anfang November bei den Kongresswahlen eine Schlappe erleiden und die Republikaner eine Mehrheit erlangen. Dann könnten auch die USA anfangen das zu tun, was sie beim G20-Gipfel unverbindlich zugesagt haben: Die Neuverschuldung bis 2013 halbieren.

Allerdings wird dies auch dann eine Herkulesaufgabe. Die Schuldenquote liegt heute fast wieder so hoch wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals folgte jedoch in den westlichen Industriestaaten ein zwei Jahrzehnte währender wirtschaftlicher Boom, wodurch die Schulden sich fast von selbst abbauten. Damit rechnet heute niemand.

Hohe Arbeitslosigkeit, ein verschuldeter Staat - das ist eigentlich der Albtraum aller Anleger. Bisher schauten sie im Falle der USA jedoch darüber hinweg. Dies scheint sich nun zu ändern. Wie nachhaltig das ist und wie weit dies den Euro noch treibt, ist schwer vorherzusagen. «Währungsprognosen sind extrem schwierig», sagt Axel D. Angermann, Volkswirt bei der Ratingagentur Feri. Mit den einseitigen Euro-Angriffen der letzten Wochen dürfte es aber erst einmal vorbei sein.