Der australische Notenbankchef Glenn Stevens hat sich in seinem Heimatland längst den Ruf erarbeitet, unkonventionelle Entscheidungen zu treffen. Dennoch erwischte der 51-jährige Stevens viele Wirtschaftsexperten Anfang Oktober erneut auf dem falschen Fuss, als er den Leitzins überraschend um 25 Basispunkte auf 3,25% erhöhte. Damit ist Australien das erste Land unter den wichtigsten 20 Industrienationen, das die Zinszügel nach der Lehman-Pleite 2008 wieder angezogen hat. Den Schritt haben die Währungshüter folgendermassen begründet: Australien sei wieder auf dem Weg zu einem Trendwachstum zwischen 2,5 und 3,5%. «Das Risiko einer ernsten wirtschaftlichen Kontraktion ist vorbei», erklärte Stevens. Die Konjunkturdaten geben ihm recht. Das Geschäftsklima ist auf dem höchsten Stand seit sechs Jahren, die Arbeitslosenquote ist im August das erste Mal seit fünf Monaten leicht zurückgegangen.

Die Reaktion auf den Zinscoup von Stevens war weltweit zu spüren. Die Börsen haussierten, die Rohstoffpreise zogen kräftig an, die Goldnotierung sprang auf ein neues Allzeithoch. Der Schritt der Australier wurde als wichtiges Signal interpretiert, dass der wirtschaftliche Aufschwung weltweit weiter an Fahrt gewinnt. Auch der australische Dollar schoss nach oben. Und die Börse in Sydney erreichte, angetrieben von Rohstoff- und Finanztiteln, ein neues Jahreshoch. Mit einem Plus von 55%, die Hälfte davon Währungsgewinne, gehört der S&P/ASX 200 ohnehin zu den besten Finanzplätzen 2009. Grund: «Die Australier haben die Rezession vermieden, die Fiskalpolitik ist gut, sie sind stark mit China verbunden und können Rohstoffe aus der Erde holen», erklärt Kumar Palghat, Fondsmanger bei Kapstream Capitals.

Australien hat früh gehandelt

Dass Australien die Krise so schnell überwinden konnte, liegt auch an Premier Kevin Rudd. Während 2008 eine Reihe von Staatsmännern das ganze Ausmass der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise noch nicht erkannte, verteilte der Labour-Mann bereits 500-Dollar-Schecks an Familien und Rentner. Die Massnahme stärkte das Konsumentenvertrauen und verhinderte einen Einbruch der Binnennachfrage. Zusätzlich steckte Rudd Milliarden in den Infrastruktursausbau und sorgte so für weitere Konjunkturimpulse. Gleichzeitig übte er Druck auf die Banken aus, die Zinsen für Hypothekendarlehen zu senken. Auch dies sorgte bei den Haushalten für eine deutliche Entspannung und stärkte den Immobilienmarkt.

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Die Zinserhöhung wird daher auch als Massnahme gegen eine mögliche Überhitzung des Immobilienmarkts gesehen. Und zusätzliche Erhöhungen könnten folgen, glaubt Brian Redican, Chefvolkswirt bei der australischen Macquarie-Bank. «Die Daten lassen weitere geldpolitische Schritte zu.»