Die Konjunkturaussichten sind schlecht. Was bedeuten die Inflations- und Rezessionsängste für die Versicherungsbranche?

Henri de Castries: Die Welt ist einem dreifachen Schock ausgesetzt: Sie ist schockiert über die Finanz- und Bankenkrise, über die Preisentwicklung bei den Rohstoffen und über die Nahrungsmittelengpässe in Teilen der Welt. Das hat Konsequenzen für uns alle. Die Leute haben Angst, dass sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt.

Eine berechtigte Angst?

De Castries: Ja, absolut. Denn das Wachstum in den entwickelten Ländern wird zurückgehen. Wir werden die Auswirkungen der Finanzkrise und des explodierenden Ölpreises zu spüren bekommen. In den Entwicklungsländern dagegen ist die Situation viel offener.

Warum offener?

De Castries: Weil eine Reihe von Ländern von diesen globalen Schocks profitiert. Beispielsweise Erdöl produzierende Länder wie Algerien, Russland oder die Golfstaaten. Ihre BIP-Raten werden weiter zulegen. In China und Indien hat die gegenwärtige Krise bisher kaum Spuren hinterlassen. Deshalb sind die Industriestaaten und das Bankensystem die ersten Opfer der gegenwärtigen Krisen.

Sie sprechen von der Bankenkrise. Warum lassen Sie die Versicherer beiseite? Sie wurden ebenfalls von der Krise heimgesucht.

De Castries: Schon, aber viel, viel weniger als die Banken. Die Banken müssen auf ihren Aktiven massive Abschreibungen vornehmen, was Milliardenverluste zur Folge hat. Und diese Verluste müssen die Banken refinanzieren. Zudem ist ein Teil ihres Businessmodells in Frage gestellt. Tausende von Personen waren in Bereichen tätig, die heute nicht mehr existieren. Die Banken haben wirklich ernsthafte Probleme. Die Versicherer auf der anderen Seite müssen viel weniger Abschreibungen vornehmen. Unser Businessmodell ist nicht in Frage gestellt. Was in der Finanzwelt passiert, hat keinerlei Einfluss auf eine Autoversicherung.

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Dennoch: Die Milliardenverluste des US-Versicherers AIG als Folge der Subprime-Krise können nicht spurlos an Ihrer Branche vorbeigehen.

De Castries: AIG ist mit dem 30-Mrd-Dollar-Verlust die grosse Ausnahme. Und auch hier: Es sind nicht die Versicherungsaktivitäten, also das Kerngeschäft, das den Verlust eingefahren hat, sondern die Finanzaktivitäten. Leider haben auch die Analysten Fehler gemacht, denn sie haben in den vergangenen Jahren keine genaueren Fragen gestellt.

Einen Milliardenverlust gab es auch beim Schweizer Rückversicherer Swiss Re.

De Castries: Bei Swiss Re gab es zwei limitierte Operationen, die einen Verlust eingefahren haben. Das stellt aber die Solidität des Konzerns nicht in Frage. Swiss Re ist unser Haupt-Rückversicherer, und wir haben volles Vertrauen ins Management und in die Solidität der Schweizer.

Damit wollen Sie sagen, dass die Versicherer nicht unter der Finanzkrise leiden.

De Castries: Die Banken haben enorm an Vertrauen verloren wegen der Milliardenabschreiber und der Milliardenverluste. Sie können mir problemlos 15 Banken aufzählen, die in die roten Zahlen abgetaucht sind. Bei den Versicherern sind es in erster Linie AIG und Swiss Re.

Aber die Aktien der Versicherer sind massiv getaucht. Axa hat innerhalb eines Jahres über 40% an Börsenwert verloren.

De Castries: Die Anleger sind verunsichert, weil sie sich daran erinnern, dass die Branche in der letzten Finanzkrise vor sechs Jahren insgesamt massiv Geld verlor. Axa jedoch nicht. Ich möchte die Krise nicht klein reden, denn sie ist wirklich ernst.

Wie konkret ist Axa von der Krise betroffen?

De Castries: Da die Finanzmärkte am meisten leiden, hat dies zwangsläufig Auswirkungen auf unsere Ergebnisse.

Sie haben klare Zielvorstellungen bis 2012. Sind Sie nach wie vor überzeugt, dass Sie einen Umsatz von rund 150 Mrd Euro erreichen und den Gewinn pro Aktie verdreifachen werden?

De Castries: Wir werden sehen, wie sich die Jahre 2009, 2010 und 2011 entwickeln. Sehen Sie: Die Zeit eines Marathonläufers misst man im Ziel und nicht bei Kilometer 5, 13 oder 40. Es kann in der Zwischenzeit sehr viel passieren. Wichtig ist, dass man den Marathonläufer sein Rennen taktisch geschickt einteilen lässt. Wir befinden uns gegenwärtig in dieser Situation.

Sie halten an Ihrem Ziel fest.

De Castries: Natürlich. Aber es hängt, wie gesagt, von verschiedenen Faktoren ab. Wenn sich die Märkte bis 2012 nicht erholen, dann wird es für uns schwer, die Ziele zu erreichen.

Axa hat in den letzten 20 Jahren eine beeindruckende Wachstums- und Erfolgsgeschichte hingelegt. Was ist Ihr Rezept?

De Castries: Wir machen nur unseren Job, und wir versuchen ihn gut zu machen.

Was ist «nur»?

De Castries: Das ist die Versicherung, also Sach- und Haftpflicht, Leben und Vorsorge, und das Asset Management. Sonst nichts. Wir konzentrieren uns auf das, was wir wirklich können.

Gab es nie Verlockungen, ins Bankgeschäft einzusteigen?

De Castries: Nein. Wenn wir einen Versicherer übernehmen, und dieser hat Aktivitäten, die nicht zu unserem Kerngeschäft gehören, dann verkaufen wir diese. So haben wir vor einigen Jahren eine sehr gut laufende Geschäftsbank der Credit Suisse verkauft.

Haben Sie diesen Entscheid nicht bereut?

De Castries: Wir sicher weniger als der damalige CEO Lukas Mühlemann. Kommt hinzu, dass die gegenwärtige Finanzkrise das Allfinanz-Konzept in seiner ursprünglichen Form beerdigt hat.

Warum?

De Castries: Die Banken sind mit den Renditen ihrer Versicherer nicht zufrieden. Und die Versicherungen wollen ihre Banken wegen deren Subprime-Lasten loswerden. So sucht der Versicherungskonzern Allianz einen Käufer für die angeschlagene Dresdner Bank, und die britische Grossbank Royal Bank of Scotland will ihre Versicherungsgruppe RBS Insurance verkaufen.

Zurich Financial Services hat Interesse an RBS Insurance. Bietet die Axa auch mit?

De Castries: Dazu äussere ich mich nicht.

Wie suchen Sie Ihre Übernahmeziele aus?

De Castries: Das erfolgt auf Grund der Wachstumsperspektiven. Wir schauen auf die Qualität der Märkte, das Synergiepotenzial und die Margen. Uns interessiert, wie wir unser Wachstum mit einer neuen Gesellschaft beschleunigen können.

Sie haben soeben eine Akquisition in Mexiko abgeschlossen. Welche neuen Märkte haben Sie im Visier?

De Castries: Man kann das Versicherungsbusiness in all jenen Ländern machen, die über gesunde wirtschaftliche, juristische und politische Rahmenbedingungen verfügen und klare Wachstumsperspektiven haben. Und da wir nicht überall gleichzeitig sein können, sind wir sehr selektiv. So sind wir seit zehn Jahren in China, in Indien und neuerdings auch in Russland präsent.

Welches sind die nächsten Länder?

De Castries: Wir werden sehen.

Axa Winterthur, Nummer eins in der Schweiz, will ihre Position weiter ausbauen, von gut 21% Marktanteil auf 25%. Soll dies nur durch organisches Wachstum geschehen?

De Castries: Das soll zunächst organisch geschehen. Bei der Axa Winterthur hat die Zahl der Versicherungskunden seit Jahren erstmals wieder zugenommen. Unsere Schweizer Tochter leistet hervorragende Arbeit. Das stimmt mich zuversichtlich, dass sie die Wachstumsziele erreichen wird. Wir sind sehr glücklich und zufrieden mit der Akquisition der Winterthur. Nebst gut laufenden Töchtern in England, Hongkong, Belgien und Osteuropa haben wir Top-Manager übernommen.

Zum Beispiel ?

De Castries: Wir haben im Konzern verschiedene Schlüsselstellen mit Winterthur-Leuten besetzt. John Dacey, der hinter Leonhard Fischer Nummer zwei der Winterthur war, ist bei Axa verantwortlich für die Region Asia Pacific. Philippe Egger, CEO von Axa Winterthur, sitzt ebenfalls im Exekutivkomitee. Frank Keuper, der das Deutschland-Geschäft der Winterthur leitete, hat bei der Axa dieselbe Position. Zudem haben wir in den Bereichen Riskmanagement und Hedge-Fonds wertvolle Winterthur-Leute gefunden

Sie schliessen weitere Zukäufe in der Schweiz nicht aus?

De Castries: Wir werden sehen.

Haben Sie etwas Konkretes im Hinterkopf?

De Castries: Axa ist dadurch gross geworden, dass die Akquisitionen stets in die Konzernstrategie gepasst haben und dass wir immer offen für Neues sind.