Das Verfahren gegen die beiden früheren Bear-Stearns-Hedgefonds-Manager Matthew Tannin, 46, und Ralph Cioffi, 52, könnte zum Musterfall für andere schwebende Verfahren werden. Es ist die erste Anklage gegen Führungskräfte der Wall Street, die auf ein angebliches Fehlverhalten in der Kreditkrise zurückzuführen ist.

Vor Gericht soll die Frage geklärt werden, ob Cioffi und Tannin die Anleger über den Zustand der von ihnen gemanagten Hedge-Fonds – den High-Grade Structures Credit Strategies und den riskanteren Schwesterfonds – bewusst getäuscht haben. In den Anklageschriften wird eine persönliche E-Mail zwischen den beiden zitiert. Dort stehe, dass die Fonds dabei seien, gegen die Wand zu fahren, vier Tage bevor Cioffi und Tannin den Anlegern mitteilten, dass alles in Ordnung sei.

Matthew Tannin mailte am 22. April 2007 seinem älteren Kollegen Ralph Cioffi, dass er befürchte, der Markt für komplexe Anleihen, in dem er mit seinem Fonds investiert sei, sei «erledigt». Darüber hinaus schlug er in der E-Mail vor, eine Schliessung des Fonds zu erwägen. Cioffi antwortete auf Tannins Mail, man solle sich treffen, um die Sachlage zu besprechen. Den Kollegen berichteten sie später, sie seien bei dem Treffen schnell zu der Erkenntnis gelangt, dass Tannins Sorgen unbegründet seien. Vier Tage nach seiner E-Mail erzählte Tannin Anlegern, dass er sich «ziemlich wohl fühle» mit seinen Fondsanlagen.

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Verschwörung und Insiderhandel

FBI-Agenten nahmen Tannin und Cioffi fest. Die Anklage lautet auf Verschwörung, Wertpapier- und Datenbetrug beim Zusammenbruch der Fonds. Cioffi wurde zudem wegen Insiderhandel angeklagt. Staatsanwalt Benton J. Campbell sagte, dass die Untersuchung über die Gründe des Zusammenbruchs zweier Bear-Stearns-Fonds weitergeführt werde. Die SEC reichte auch Zivilklage gegen die beiden Männer ein.

«Matt Tannin ist unschuldig», sagt seine Anwältin Susan Brune – er wird zum Sündenbock einer ausgedehnten Marktkrise gemacht. Er erwartet einen Freispruch.» Cioffis Anwalt Edward J. M. Little meint: «Die Kreditkrise hat alle überrascht, einschliesslich Fed und Finanzministerium. Dutzende der grössten Finanzinstitute auf der ganzen Welt haben über 300 Mrd Dollar mit denselben Anlagen verloren.» Die Investmentbank JP Morgan Chase, neuer Eigentümer von Bear Stearns, gab bekannt, dass sie für die Anwaltskosten der beiden Hedge-FondsManager aufkomme – auch für den Fall, dass sie schuldig gesprochen werden. Der Ausfall der Fonds war ein frühes Warnzeichen für den Zustand von Bear Stearns. Drei Monate später kollabierte die Bank und wurde an JP Morgan verkauft. Auch warf der Zusammenbruch der Fonds, der Anleger 1,6 Mrd Dollar kostete, Fragen nach der Effektivität des Risikomanagements bei Bear Stearns und der Gesundheit des Hypothekenmarkts an sich auf. Insofern markiert diese E-Mail den Anfangspunkt der Kreditkrise.