Adrian Künzi fackelte nicht lange. Der Chef der Notenstein Privatbank legte kürzlich das erste strukturierte Produkt unter dem Namen seines Instituts auf. Noch ehe die Zeichnungsfrist dieses Finanzinstruments abgelaufen war, folgte Anfang der Woche ein weiteres halbes Dutzend Produkte.

Die Emissionen von Notenstein erfolgen nicht mit der langjährigen Raiffeisen-Partnerin Bank Vontobel, sondern mit EFG Financial Products, kurz EFG FP. Das giesst Öl ins Feuer des Streits, ob die Raiff­eisengruppe Anlagegeschäfte ausschliesslich über Vontobel abwickeln muss oder ob sie das auch über Notenstein darf. Es droht eine langwierige juristische Aus­einandersetzung. Deren Ausgang will die Raiffeisengruppe nicht abwarten. Stattdessen baut sie mit EFG FP das Anlage­geschäft von Notenstein zügig aus.

Der Schritt scheint überfällig, denn anders als die Gross- und Kantonalbanken ist die Raiffeisengruppe als Nummer zwei im Schweizer Hypothekarmarkt einseitig im Kreditbereich tätig und damit schlecht diversifiziert. Die Offensive bei strukturierten Produkten soll zusätzliche Ertragsquellen und Refinanzierungsmöglichkeiten für die Hypotheken erschliessen.

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Schub für den Newcomer

Erhebliche Vorteile ergeben sich auch für EFG FP. Das junge Derivatehaus spe­zialisiert sich auf das Massschneidern von strukturierten Produkten, die Drittfirmen wie Notenstein unter eigenem Namen vertreiben. Bei solchen White-Label-Produkten wird Notenstein zum wichtigsten Partner. «In einem ersten Schritt könnte Notenstein einen bedeutenden Teil unseres Umsatzes ausmachen», sagt EFG-FP-Chef Jan Schoch.

Trotzdem sieht Schoch die Unabhängigkeit seines Unternehmens nicht bedroht, sondern gestärkt. Im Rahmen der Partnerschaft erwirbt Notenstein die 20-prozentige Restbeteiligung, welche die Privatbank EFG International noch an ­ihrer ehemaligen Tochter EFG FP hält. ­Damit scheidet das Derivatehaus aus dem Konsolidierungskreis der Mutterbank aus, die über ein Single-A-Rating verfügt. Das gilt zwar als relativ gute Bonität, trotzdem hatten viele Kunden Vorbehalte.

Daher emittierte EFG FP bislang die Mehrzahl ihrer Produkte mit Cosi-Struktur. Das heisst, sie hinterlegte bei der Schweizer Börse Wertschriften zur Sicherstellung der Emission. «Ich habe meinen Kunden ­geschrieben, dass sie künftig getrost auf Cosi-Strukturen bei EFG FP verzichten können, denn der Einstieg von Notenstein beziehungsweise Raiffeisen erhöht die ­Sicherheit», erklärt ein Berater für strukturierte Produkte. Er verweist darauf, dass Raiffeisen mit Double-A ein weit solideres Rating besitze als EFG International.

«In gewissem Umfang wird EFG FP weiterhin Cosi-Produkte anbieten», so Schoch. Die klare Absicht sei aber, die Zahl der Produkte ohne Pfandbesicherung zu erhöhen. Diese machten Ende 2012 erst 56 Prozent der ausstehenden Emissionen von EFG FP aus. Dass das ­Unternehmen auf der ganzen Klaviatur der Emissionsmöglichkeiten spielen kann, ist wichtig. Denn EFG FP wird auch künftig Produkte unter eigenem Namen herausgeben. Das White Labeling von EFG FP ist derzeit noch ein neues Konzept. Mit Kunden wie Migros Bank, Basler Kantonalbank und EFG International macht es schätzungsweise erst knapp 2 Prozent des ­relevanten Marktes aus. Mit Notenstein könnte es erheblich mehr werden (siehe Kasten).

Andere Prioritäten bei Vontobel

«Die Kooperation mit EFG FP bringt uns dem Ziel näher, zu den besten drei Schweizer Privatbanken zu gehören», sagt Notenstein-Chef Künzi. Das klingt nach einem Frontalangriff auf Vontobel. Die Wahl von EFG FP hat aber handfeste Gründe. Vontobel besitzt eine hohe Kompetenz bei spekulativen Hebelprodukten. Die eher konserva­tive Raiffeisen-Klientel bevorzugt dagegen die weniger risikoreichen Anlageprodukte. Auf diese Kategorie legt EFG FP ihren Fokus und stellt dabei auch die Optionskomponenten selber her. Dank der Kooperation mit Notenstein könnte EFG FP hier zur Nummer eins vor Von­tobel aufrücken (siehe Grafik).

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Entscheidender für die Wahl von EFG FP ist allerdings ein zweiter Umstand. Wie aus ­Kreisen der Raiffeisengenossenschaften zu hören ist, bieten diese nur ungern Vontobel-Produkte an. Weil Vontobel üblicherweise alle Risiken übernimmt, kassiert sie auch den Verkaufserlös, und das Geld fliesst von den Genossenschaften ab. Anders beim White Labeling mit EFG FP: Bei einer Emission von 100 Franken behält EFG FP nur einen Bruchteil zur Sicherstellung des Optionsteils. Vielleicht rund 90 Franken fliessen an die Raiffeisengenossenschaften und stehen ihnen bis zum Laufzeitende des strukturierten Produkts zur Verfügung, zum Beispiel zur Refinanzierung von Hypotheken.

«Unser Geschäftsmodell ist besonders interessant für Retailbanken mit Refinanzierungsbedürfnissen», sagt Schoch. Er rechnet sich gute Chancen für weitere White-Label-Kooperationen aus und begründet dies mit der Schere, die sich in den Bilanzen der Banken geöffnet habe. «Von 2006 bis 2012 stiegen auf der Aktivseite der Bankbranche die Hypothekarausleihungen um 178 Milliarden Franken, während auf der Passivseite die mittel- und langfristigen Re­­finan­zierungen nur um 74 Mil­liarden zunahmen», so Schoch. Damit sich neu auch strukturierte Produkte zur Refinanzierung heranziehen lassen, müssen sie eine mit Hypotheken vergleich-bare Laufzeit aufweisen. Beim ersten Anlageprodukt von Notenstein sind es vier Jahre – das ist eher lange für ein strukturiertes Produkt.

Die Emission brachte innerhalb einer Woche 100 Millionen Franken ein. Bei ­diesem und bei allen anderen strukturierten Notenstein-Produkten steht die Raiff­eisengruppe als Garantiegeberin für den Emissionsbetrag gerade. Das summiert sich zu erheblichen Eventualverbindlichkeiten. Hinzu kommt, dass Raiffeisen der EFG FP auch eine Kreditlinie gewährt. Das wurde nötig, da die EFG-Mutterbank mit dem Verkauf ihrer Beteiligung die nicht pfandgesicherten Kreditfazilitäten aufhob. Diese beliefen sich bislang auf 300 Millionen Franken.

Expansion nach Asien

Die Raiffeisengruppe sichert ihr Engagement mit zwei Verwaltungsratssitzen bei EFG FP ab. Diese Personen werden auch bei der strategischen Weiterentwicklung der Firma ein Wort mitreden. Vor­gesehen ist eine weitere Stärkung des ­Asiengeschäfts, wo EFG FP bereits fast ­jeden zehnten Franken erwirtschaftet. Die Wachs­tumschancen sind enorm, weil White Labeling zwei Vorteile hat. Zum ­einen liefert es für die Emission von Produkten das nötige Wissen, das in Asien oft noch fehlt. Zum anderen hilft es, das ­grosse Refinanzierungsbedürfnis zu befriedigen, welches vom stürmischen Wirtschafts- und Kreditwachstum herrührt.

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Das Asiengeschäft verstärkt den Bedarf für einen neuen Namen, denn die drei Buchstaben EFG stehen als Abkürzung für European Financial Group – und damit für das bisherige Kerngeschäft in Europa. Hauptgrund für die Umfirmierung, welche in den nächsten Monaten erfolgen soll, ist aber, dass man die Trennung von der Mutterbank EFG International verdeutlichen will. Der neue Name ist noch geheim. Nur so viel verrät EFG-FP-Chef Schoch: «Er wird nichts mit Notenstein zu tun haben.»