Exklusiv auf Handelszeitung online lesen Sie gegen Ende des Interviews Matthias Reihnharts Aussagen zu seiner Doppel- funktion als CEO und VR-Präsident  der VZ Holding und zur Rolle von Fred Kindle.

Wie stark ist die VZ Holding von der Finanzkrise betroffen?

Matthias Reinhart: Den Verwerfungen an den Finanzmärken können wir uns nicht entziehen. Die Bestände in der Vermögensverwaltung haben gelitten. Im Vermögensverwaltungsgeschäft sind wir ähnlich betroffen wie unsere Konkurrenten, die Privatbanken oder die Private-Banking-Abteilungen der Grossbanken. Das Beratungsgeschäft ist von der Krise nicht so stark betroffen.

Das heisst?

Reinhart: Wir spüren weder besonders positive noch negative Ausschläge. Das Beratungsgeschäft mit den Privatkunden wird von der Demografie getrieben. Unsere Kunden lassen sich pensionieren, egal, ob die Finanzkrise tobt oder nicht. Das Gleiche gilt für die Nachlassplanung. Auch im Firmenkundengeschäft sehen wir keine direkten Folgen der Krise.

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Konnten Sie verärgerte Grossbank- kunden gewinnen?

Reinhart: Nicht merklich. Die meisten Kunden haben wohl zu den Kantonalbanken gewechselt, wegen der Staatsgarantie. Wir haben jedenfalls den «Ospel-Effekt» nicht als grosses Kundenzuführungsmoment gesehen. Und jetzt ist er kein grosses Thema mehr.

Melden sich unzufriedene Kundenberater?

Reinhart: Wir haben einen grösseren Zulauf von möglichen Mitarbeitenden. Ich sehe dies aber eher als Folge unseres Börsengangs im letzten Jahr. Mit dem IPO haben wir nicht nur an Bekanntheit gewonnen, sondern haben auch am Arbeitsmarkt ein anderes Gütesiegel erhalten.

Wie viele neue Mitarbeiter wollen Sie in diesem Jahr einstellen?

Reinhart: Wir bauen den Mitarbeiterbestand jährlich um rund 15% aus. Dies dürfte auch 2008 der Fall sein. Es hängt allerdings immer davon ab, welche Talente wir finden. Wir müssen das Know-how intern aufbauen, die Ausbildung zum Kundenberater dauert zwei Jahre. Deshalb wollen wir vor allem auf dem Arbeitsmarkt für Hochschulabsolventen attraktiv sein.

Sie sehen den Personalbestand als limitierenden Faktor für das Wachstum ?

Reinhart: Ja, das Wachstum muss in erster Linie organisch erfolgen und hängt von den Ausbildungskapazitäten ab. Wir können in einem Jahr maximal 20% neue Mitarbeiter integrieren. Damit limitieren wir zwar das organische Wachstum, doch dafür wachsen wir auch stabiler.

Sie wollen jährlich 20% organisch wachsen. Sind Sie in diesem Jahr auf Kurs?

Reinhart: Die Halbjahreszahlen werden es zeigen. Sicher ist, dass die Finanzkrise auch unsere Entwicklung in diesem Jahr hemmt. Wir halten aber an dieser mittelfristigen Zielsetzung fest.

Was heisst das konkret?

Reinhart: Ich kann Folgendes sagen: Die Entwicklung der eigenen Depotbank hilft

uns, den negativen Effekt aus der Finanzkrise auf die Vermögensbestände teilweise zu kompensieren. Im Vergleich zum 1. Halbjahr 2007 sollte der positive Effekt der Depotbank im 1. Halbjahr 2008 deutlich spürbar sein, weil die Bank erst im 2. Quartal 2007 operativ gestartet ist.

Was hilft sonst noch?

Reinhart: Ein weiterer Teil wird durch die Neugeldzuflüsse aufgefangen.

Was hat mehr beigetragen, das Neugeld oder die Depotbank?

Reinhart: Das ist Gegenstand der Halbjahresberichterstattung.

Wann wird die Depotbank die angestrebten 10% zum Ertrag beitragen?

Reinhart: Die Depotbank wird rasch auf dieses Niveau kommen. Es hängt davon ab, wie viele Kunden auf die Depotbank wechseln. Wir konnten bis Ende 2007 bereits 4000 Kunden gewinnen. Ich bin zuversichtlich, denn am Ende ist es für den Kunden ein ökonomischer Entscheid.

Gilt das Angebot für Beratungs- und Vermögensverwaltungskunden?

Reinhart: Zunächst galt das Angebot nur für Vermögensverwaltungskunden. Heute bieten wir auch den Beratungskunden Spargelder und Depotführungsmandate.

In welchen Bereichen wollen Sie die Kundenberatung ausbauen?

Reinhart: Nachlassplanung ist sehr wichtig für uns. Das Thema wird sich neben dem Thema Pensionierung zum zweiten wichtigen Standbein entwickeln. In diesen zwei Bereichen wollen wir Marktleader sein und die Themenführerschaft haben. Mit Pensionierungslösungen sprechen wir Kunden im Alter zwischen 55 und 65 an, mit der Nachlassplanung richten wir uns an die 65- bis 75-Jährigen.

Sie beraten Ihre Kunden an zwölf Standorten in der Schweiz. Sind weitere Niederlassungen geplant?

Reinhart: In der 2. Jahreshälfte werden wir in Neuenburg starten. Das ist nach Rapperswil der zweite Standort, den wir in diesem Jahr eröffnen. Letztes Jahr haben

wir vier neue Niederlassungen eröffnet.

Wie viele Standorte wollen Sie am Ende in der Schweiz haben?

Reinhart: Wir sind definitiv schon über der Hälfte in der Schweiz von der Anzahl der

Standorte her. Wir wachsen vor allem an den bestehenden Standorten.

Die VZ Holding ist auch in München und Frankfurt präsent. Was ist in Deutschlandals Nächstes geplant?

Reinhart: Wir sind in Deutschland auf einem guten Weg, in der Erfolgsrechnung hat sich dies aber noch nicht niedergeschlagen. Die Standorte können nicht in kurzer Zeit verdoppelt oder verdreifacht werden. Das wäre ein grosser Fehler. Wir können jährlich nur rund 20 bis 30% wachsen. Es dauert lange, bis man in diesem Markt sichtbar wird.

Welches sind die nächsten Standorte?

Reinhart: Wir wollen in alle grossen Ballungszentren. Die Frage ist aber immer, hat man die entsprechenden Leute dazu.

Und die Antwort auf die Frage?

Reinhart: Wenn niemand an einen anderen Standort wechseln will, dann kann man den Schritt nicht machen. Zudem ist die Vorlaufzeit lang: Wir müssen heute das Personal rekrutieren, wenn wir in zwei Jahren in Stuttgart starten wollen. Wir können keine Berater aus der Schweiz nach Deutschland bringen, weil sich diese nicht mit dem deutschen Vorsorgesystem und den Steuergesetzgebungen auskennen. Das ist der Nachteil an unserem Geschäft.Es muss vor Ort neu aufgebaut werden.

Wie viel soll der deutsche Markt zum künftigen Wachstum beitragen?

Reinhart: Deutschland ist mittelfristig sicher ein Treiber. Wir sind ein Unternehmen, das langfristig die Dynamik behalten will. Deutschland wird in fünf bis zehn Jahren mehr zum Wachstum beitragen als der Heimmarkt. Das ist unser Ziel. Irgendwann wird der Anteil etwa 10% sein. Heute beträgt der Anteil rund 4%.

Fassen Sie andere Länder ins Auge?

Reinhart: Das ist durchaus möglich. In Frage kommen alle Länder, die an die Schweiz angrenzen. Diese würden wir eher mit einer Akquisition erschliessen. Es ist allerdings sehr schwierig, eine solche Möglichkeit zu finden. Es gibt sehr wenige Geschäfte, die mit unserem Modell vergleichbar sind. Typischerweise sind es Steuerberatungsfirmen, Vermögensverwaltungsfirmen im Privatkundensektor oder auch Firmen im Versicherungsbereich für unser Firmenkundengeschäft.

Gilt dies auch für die Schweiz und Deutschland?

Reinhart: Es kann Möglichkeiten geben. Wir haben derzeit aber nichts in der Pipeline. Die Gefahr ist relativ gross, dass man einen Fehlkauf macht.

Sie haben den Schritt nie gewagt ?

Reinhart: Ja, wir sind vorsichtig. Wir bezahlen lieber Dividenden, als teuer zu akquirieren und das Geld zu verlieren. Man muss bei Zukäufen sehr diszipliniert sein und darf sich vom Kapitalmarkt nicht unter Zeitdruck setzen lassen.

Kriegen Sie viele Kaufobjekte angeboten?

Reinhart: Viele sind es nicht. Wir haben bisher auch noch keine sinnvolle Möglichkeit gesehen. Wir hätten allerdings die Mittel, so etwas zu machen.

Wie viel setzen Sie maximal für Akquisitionen ein?

Reinhart: Für eine Übernahme würden wir zwischen 10 und 30 Mio Fr. ausgeben. Grössere Zukäufe sind aber kein Thema.

Sie erhöhen lieber die Dividende?

Reinhart: 2007 haben wir 38% des Gewinns ausgeschüttet. Wir wollen weiterhin rund 30 bis 40% des Gewinns an die Aktionäre zurückführen. Dies kann auch 2008 erwartet werden. In Franken pro Aktie wollen wir sukzessive etwas mehr ausschütten. Jetzt sind wir schon fast an der oberen Grenze der Bandbreite. Wir werden die Bandbreite wahrscheinlich künftig noch etwas nach oben korrigieren, zum Beispiel auf 30 bis 50%.

Sie besitzen die Mehrheit an der VZ Holding. Wollen Sie daran etwas ändern?

Reinhart: Nein, ich fühle mich mit meiner aktuellen Beteiligung wohl. Es besteht keine Absicht, die Mehrheitsverhältnisse zu ändern. Wenn eine Kapitalerhöhung notwendig würde, dann würde ich eins zu eins mitziehen. Es ist jedoch eher unwahrscheinlich, dass wir jemals zusätzliches Kapital brauchen.

Sie sind nicht nur Mehrheitsaktionär, sondern auch CEO und VR-Präsident. Wollen
Sie am Doppelmandat festhalten?

Reinhart: Wir denken alle, dass diese Struktur nach wie vor sinnvoll ist. Es ist keine Veränderung angedacht, das Doppelmandat ist aber auch nicht in Stein gemeisselt. In fünf oder zehn Jahren kann es schon eine Veränderung geben, wenn zum Beispiel die Führungsstruktur angepasst wird. Es geht aber immer nur um das Geschäft. Ich habe kein Sesselkleber-Syndrom.

Wovon hängt eine Stabsübergabe ab?
Reinhart: Es ist eine Frage der Prioritäten und Möglichkeiten, und der Führungsstrukturen, die sich ergeben.

Ihr Freund Fred Kindle sitzt im Verwaltungsrat. Verändert sich seine Rolle, jetzt wo er nicht mehr ABB-Chef ist?
Reinhart: Nein, es bleibt alles so wie vorher. Er setzt für dieses Mandat nicht mehr
Zeit ein. Fred Kindle ist Lead-Director, das heisst er kann mich bei Verwaltungsratsentscheiden notfalls in den Ausstand zwingen. Es ist nicht geplant, dass er mehr Aufgaben übernimmt. Andererseits ist es natürlich positiv für das Unternehmen. Er hätte mehr Kapazitäten, falls mir etwas passieren würde.

Wenn Sie Aufgaben abgeben, dann an Fred Kindle?
Reinhart: Da ist nichts angedacht.

Fred Kindle ist auch Aktionär. Wird er sich noch stärker binden?
Reinhart: Er hält 1,1%, und zwar schon seit er in den Verwaltungsrat gekommen ist. Es ist nicht geplant, dass er etwas an seiner Beteiligung ändert.

Knapp zwei Drittel der Aktien sind in Ihren Händen. Wieviel halten Mitarbeiter und Kunden?
Reinhart: Ich besitze 60,6% am Unternehmen, die Mitarbeitenden halten 8,9%. Der Freefloat erhöht sich Ende September um etwa 3 %-Punkte, weil dann die Sperrfrist für einen Teil der von Mitarbeitenden gehaltenen Aktien abläuft. Wieviele Aktien Kunden halten, wissen wir nicht.

Analysten empfehlen die VZ-Aktie zum Kauf. Liegen sie richtig?
Reinhart: Das kann ich nicht sagen. Ich bin für das operative Geschäft zuständig. Am Ende ist der Aktienkurs nichts anderes als ein Resultat davon, was wir in der
Vergangenheit gemacht haben. Letztlich muss jeder Anleger selber entscheiden. Ich glaube an dieses Geschäft.